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weil ich ein Jude bin, ein Paria der hochgeborenen Familie der Moldt zu Molde gegenüber? Wohlan, ich lasse mich taufen, ich bekenne mich zur Lehre des N-zirenerS. Weshalb auch nicht? Es gibt bei mir keine Hamletsfurcht vor „einem Etwa» nach dem Tode", ich bin ein Sohn meiner Zeit und gedenke das Glück zu erfassen, wo sich's mir bietet — in Ihren Armen, anbetungswürdige Ruth Werden Sie mein und ich lege Ihnen ein fürstliches Verwögen zu Füßen, ich verspreche Ihnen ein Leben in Paris, Rom, Wiesbaden, wie Sie es befehlen; Sie werden Ihre Equipage, Ihre besondere Dienerschaft haben und über meine Person als über den ersten Ihrer Sclaven vollständig gebieten. Was den Herrn Baron von Moldt betrifft, so kann ich für ihn nicht das Mindeste thun. Was kümmert es Sie, schöne Rath, wenn er zu Grunde geht? Weshalb nehmen Sie sich seiner ■ so lebhaft an? Ich bin eifersüchtig auf diesen Hans Adam.
Ihr gehorsamster
Commerzienrath Lissauer"
In Erichs Adern kochte das Blut; mit ungestümer Bewegung warf er den Brief weit von sich. Welch" ein empörend dreister, frivoler Ton war das!
Der Geldmann schrieb, als wisse er, daß seine Macht weit genug reiche, um die sanfte Ruth tödtlich zu erschrecken, ja, um ihr Gesetze zu geben. Er nahte nicht wie ein Bittender, sondern wie Jemand, der eine Gnade bewilligt. Sein zusammengewuchertes Vermögen war groß genug, um auch einmal dem Appetit nach anderen Genüssen Raum zu gewähren; er wollte ein Rittergut erobern und das schönste Mädchen der Umgegend zu eigen gewinnen. Welch" ein Gedanke — Ruth als das Weib dieses Mannes!
„Ich bin eifersüchtig auf diesen Hans Adam!" — Immer noch widerhallte in Erichs Seele das kecke Wort: Eifersüchtig!
Eme Fluth von bitteren, trostlosen Vorstellungen knüpfte sich daran- Der einsame Mann dachte an das, was ihm Ruth in dieser Nacht gesagt: „Hans Adam hat Sorgen."
War es nicht, als fühle sie mit ihm jeden Schmerz, jede Furcht, von denen er gequält wurde — als leide sie, wo er litt? —
Ein schneller Ruck löschte das Licht der Lampe, Erich zog den Fenstervorhang auf und sah hinaus- Die ersten Sonnenstrahlen des jungen Tages umspielten drüben den Schloßthurm von Moldt; ein weißer Nebelschleier zog um die Wiesen, der Thau lag silbern auf Blatt und Blüthe.
Erich barg erschüttert das blaffe Gesicht in den Händen. Sollte er Alle», was im Leben sein eigen war, Alles, was er hoffte und ersehnte, zugleich dahingeben und Alles nur für Einen, der es spielend verschleuderte, wie das Kind die Blumen achtlos zerzupft?
Ein trauriges, schreckliches Schicksal. ♦ * ♦
Baronin Cäcilie hatte in langer, tiefer Ohnmacht gelegen. Während Pauken und Trompeten unten im Saale die Gäste zum Tanze einluden, bemühte sich Adele um ihre kranke Gebieterin, bis sich die Brust in matten Athemzügen wieder hob und senkte, bis Cäcilie ihre Augen öffnete und leise flüsternd den Namen der schlanken jungen Dame aussprach.
„Adele!"
„Hier bin ich, gnädige Frau."
„Adele, hat der Baron nach mir gefragt? "
„Mehrere Male sogar. Er sorgt, grämt und seufzt, der arme Herr."
Alles nur, weil ich krank bin, weil ich keine Freude, kein F st mit ihm theilen kann. Er ist durch die Heirath mit mir um jedes G Lck betrogen."
„Sie sollten sich nicht aufregen, gnädige Frau. Sie haben Fieber."
„Geben Sie mir meine Tropfen, Adele. Und dann — Sie dürfen nicht hier im Krankenzimmer bleiben, während man unten tanzt und jubelt. Schicken Sie mir die Jungfer und gehen Eie selbst zu den Gästen."
Die Gesellschafterin schüttelte den Kopf.
„Nimmer, gnädige Frau, o mein Gott, nimmer. Wenn das geringste Versehen geschehe — ich könnte nie wieder zur Ruhe gelangen."
Die Baronin seufzte heimlich. „Bin ich denn so sehr, so sehr krank, Adele? Sollte ich auf keinen Fall wieder genesen können?"
„Gnädige Frau werden unter Beobachtung der nöthigen Vorsicht noch viele Jahre leben. Die Aerzte haben es dem Herrn Baron versichert."
Cäciliens durchsichtig weiße, schlanke Hände lagen gefaltet auf der Decke. „Leben", wiederholte sie traurig, „leben, aber nicht genesen. Adele, ist das nicht schrecklich, unnennbar trostlos?"
„Gnädige Frau, suchen Sie zu schlafen, sprechen Sie kein Wort weiter- Das Alles schadet Ihnen "
„Das heißt: es verkürzt vielleicht mein Dasein. Wer sagt Ihnen denn, daß ich es verlängern möchte?"
„Gnädige Frau, soll ich den Arzt rufen lasten?"
„Nein, auf keinen Fall. Er verschreibt ein neues Mittel, er sinnt und sinnt, bis irgend etwas, das meine Kräfte für einen Augenblick stärkt, bis ein anderes, noch nicht probirtes Medicament zusammengesetzt ist. Ich will nichts einnehmen, will den Kampf nicht verlängern."
Und dann nach einer Pause setzte sie hinzu: „Adele, beantworten Sie mir völlig aufrichtig eine Frage. Wollen Sie das?'
„Wenn ich es kann, gewiß, gnädige Frau."
„Nehmen Sie diesen Stuhl! — So! — Hören Sie wohl die Musik? Wie das schallt und klingt, wie fröhlich die Gäste tanzen I"
„Soll ich hinunter gehen und sagen, daß das Geräusch die gnädige Frau belästigt? Wirklich, es —"
„Nein, nein, um Gottes nullen nicht! — Aber ich wollte Ihnen ja eine Frage vor legen, Adele. Denken Sie nicht, daß es eine Sünde sei, Jemand an ein gegebenes Versprechen mit ehernen Kelten zu fesseln, wenn man tief im Herzen fühlt, daß die Bedingungen, unter denen das Band geknüpft wurde, längst schon nicht mehr vorhanden sind? Gleicht nicht eine derartige Forderung aus's Haar der Tyrannei?"
Fräulein Malten hielt ihr Gesicht klüglich im Schatten der halbver hüllten Lampe; sie wechselte bei den Worten der Baronin jählings die Farbe, ein Blitz zuckte auf in den dunklen Augen, aber äußerlich blieb sie gelasten.
„Ich glaube ja, gnädige Frau."
„Ah! — Man müßte den, besten Lebensglück bedroht erscheint, freigeben? — Ist es nicht so?"
„Man müßte?" wiederholte die Gesellschafterin. „Man müßte? Im Allgemeinen vielleicht nicht, aber desto gewisser in einem Falle, in dem einzigen wohl, auf den es ankommen kann."
Cäcilie preßte die Hände auf die schmerzende Brust, das blasse Gesicht verlor den letzten Schimmer von Farbe.
„Sie meinen die Liebe, nicht wahr, Adele? Wer liebt, der kann freudig jedes Opfer bringen und wäre es selbst das Leben."
„Ich glaube es. So denke ich mir gewiß den Bund zweier Herzen, die Seligkeit des einen im Gedanken an das andere."
„Haben Sie niemals einen Mann geliebt, Adele?"
„Ich? — Einen Mann? — Gnädige Frau, ich weiß nicht, was es heißt, einem Herzen theuer zu sein, ich weiß nicht, was zärtliche Worte sind oder sanfte Liebkosungen. Ich bin ein gefundenes Kind, auf die Straße geworfen, sobald ich das Licht des Lebens erblickt hatte. Und dann in einem Waisenhause erzogen- Mich hat nie eine Mutter geküßt, mir ist nie ein Geschenk von lieber Hand gemacht, für mich keine Blume gepflückt worden. Aber um so schöner, herrlicher denke ich mir Alles — für ein geliebtes Wesen in den Tod zu gehen, das müßte eine Seligkeit fein."
Cäcilie hatte die Augen geschlossen. „Nur der Abschied," flüsterte sie aus gepreßtem Herzen. „Das bange Scheiden."
„Der Sprung in's Dunkel. Aber einmal fordert ihn


