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1893
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Donnerstag, den 13. Juli.
Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Schluß.)
„Lieber, guter Heinz," schmeichelte Asta, „sag' mirs doch I" Sie legte die Arme um den Hals ihres Mannes, damit er ihr nicht ausrücke. „Ich möchte doch gern wiffen, woher der Brief vorgestern kam, den Du so rasch über Seite brachtest, und weshalb Du mich vorhin in meinem eigenen Zimmer zur Gefangenen machtest, als es klingelte? Du hast etwas vor und verbirgst es vor mir, Du behandelst mich wie eine dumme Liese, und ich bin doch Frau (sie hob sich auf die Zehenspitzen, um mehr Respect einzuflößen) und Mutter Deines Sohnes! Du siehst schon wieder so nichtsnutzig schlau aus und dann belügst und betrügst Du mich allemal. Es ist schändlich, was ich beschwindelt werde!"
„Aber ich armer geschlagener Mann, wie ich beschwindelt werde, davon schweigst Du! Stehen wir in Todesängsten an der Zimmerthür, Papa und ich, und da kräht ein gewisser Jemand drinnen.
„Jsts ein Junge?"
„Ja, ein Junge," lautet die Antwort.
„Hat er auch solchen schwarzen Buschkopf, wie mein Mann?"
„Ja, lange, schwarze Haare."
„Hat er auch solche kleine, schwarze Spitzbubenaugen?" „Ja, ja, gnädige Frau!"
„Ach, sagen Sie zu meinem Mann: es ist ein blondes Mädchen!"
Ma legte den Kopf an seine Schulter und kicherte in sich hinein: „Für seine Schmerzen muß man auch etwas haben! — Aber, lieber Heinz," sie streichelte ihm liebkosend Ohren und Backen, „lieber, guter Heinz, werd' ichs endlich erfahren?"
„Ja, was willst Du denn eigentlich wiffen?" neckte er sie. Sie stampfte zornig mit dem Absatz auf den Smyra- teppich-
° „Du bist ein grundschlechter Mensch!" machte sie ihrem Aerger Luft. „Einziger Heinz, laß mich's doch wiffen!" bettelte sie gleich darauf von frischem weiter.
„Was bekomme ich dafür?" schlug er, scheinbar auf ihr Verlangen eingehend, vor.
„Einen Kuß!"
„Ei—nen?" dehnte er das Wort.
„Zwei, drei, vier, ein ganzes Dutzend!"
Er nickte zu dem Handel.
Sie spitzte den Mund und absolvirke mit unglaublicher Schnelligkeit die festgesetzte Zahl. Dann ließ sie ihn los, ganz in Erwartung.
„Ja, nun sag' ichs gleich gar nicht!" foppte er sie und war im Nu davon. x A_
Verdonnert stand sie eine Secunde da, dann schoß sie mit einem schnarrenden Rrrrr wie ein wüthiger Kampfhahn hinter dem Flüchtling drein-
Er eilte durchs nächste Zimmer und schlug ihr zum Hohn die Portiere vor der Nase zu.
Blindlings stürmte" sie drauf los, um ihm Eins auszuwischen, und lag mit einem Schrei in den Armen eines Mannes, den sie im jähen Ansturm fast über den Haufen gerannt hätte.
„Herr Werner!" jubelte sie und klatsche vor Freude in die Hände. „Herr Werner, nein, das ist himmlisch schön! — Ach, Heinz, Du, Du — Du bist ein Galgenstrick!" — — Nein, was Sie verbrannt sind," wandte sie sich wieder an Werner, ihn immer noch bei den Händen haltend. „Von der interessanten Mondscheinfarbe, der leichenhaften Blässe ist auch nichts mehr vorhanden. Wie schade! Sie sind mein Vampyr gar nicht mehr! Heinz, ich gehe nicht nach Spanien, da wird man ja braun wie die Kaffeebohne in der Trommel. — Aber frisch und gesund sehen Sie aus! Es ist Ihnen übrigens auch leidlich," setzte sie mit großer Offenheit hinzu.
„Du, Du!" drohte Heinz. „Eigentlich wars doch Deine erste Liebe! Darf ichs denn wagen. Euch fünf Minuten allein zu lassen? Es ist doch wohl beffer," fuhr er ernst fort, „ich bereite Leonie vor, wer bei der Taufe ihr Gevattersmann, lieber Werner!" Damit verschwand er aus dem Zimmer.
„Wir müssen sehr vorsichtig mit Leonie umgehen," setzte ihm Asta auseinander. „Sie wiffen ja, sie ließ sich die erste Zeit nach dem tragischen Ende meines Schwagers vor Niemand sehen, selbst dann nicht, als ihre Mutter auf Drängen des Geheimraths zu ihr gezogen war. Sie nahmen es sich damals zu Herzen, Herr Werner, daß Ihr Besuch consequent abgewiesen wurde. Sie suchten den Grund dafür in einer plötzlich entstandenen Abneigung und fühlten sich verletzt. Sie gingen deshalb fort und wollten Vergeffenheit suchen! — Aber Papa und Heinz und Andere wurden auch nicht vor- gelaffen! Es war bei Leonie zur fixen Idee geworden, sie sei dazu bestimmt, Andere unglücklich zu machen. Sie maß sich sowohl am Tode ihres Mannes, wie an dem ihres Vetter- die Schuld zu. Sie wollte ihr Leben in Einsamkeit verbringen, gewissermaßen als Sühne- Frau von Malten war in Ver--


