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Sie wußten recht gut, auch der Dienstthuende, daß sie ihn in der Geldkatze bei sich trug; er drückte eben ein Auge zu. Das Gold und das große Silber verwahrte Mama Perl selber. Die zwei Mädchen hatten schon so alle Minuten eine neue Schürze, einen neuen Schmuck, zu denen sie ihr das Geld nicht abgefordert hatten.
Franz kam in den Laden und bog sich zu Mama Perls Ohr: „Den Schlüssel für oben!''
Sie begab sich nach dem Hofzimmer, um den Herren selber aufzuschließen. „Was tausend, Herr von Malten! Lange nicht gesehen."
„Lassen Sie den Franz hier im Zimmer warten; es treffen noch Kameraden mit Damen ein."
„Gewiß, Euer Gnaden, welchen Wein darf ich schicken?" „Wird Kamerad Steffeck bestimmen." Sporenklirrend ging es nach oben.
Steffeck und Götz waren Mittlerwelle bei ihrem Ziele angelangt. Ein mehrmaliges Klopfen am Laden, dem ein leiser, langgezogener Pfiff folgte, und ein Räuspern von drinnen antwortete. Eine Fensterscheibe klirrte. Der Schnepper klappte und der Laden wurde von der einen Seite ein wenig zurückgeschlagen.
„Wer draußen?" erkundigte sich Martha, die älteste der Schwestern.
„Gut Freund! Wollt Ihr mit zur Falle?"
„So spät holen Sie uns noch heraus? Wir Wasen schon. Das wäre ein großes Opfer!"
„Das ich gebührend vergelten würde."
„Ach, der lange Steffeck!" freute sich Martha, ihn nun erst erkennend. „In fünf Mnuten sind wir draußen!"
„Bring' Liefe und Minna auch; sie sollen sich rasch fertig machen. Mit Ehrenbergs Fee ist es doch wohl wie gewöhnlich nichts?"
„Gott bewahre! Das dumme Schaf fetzt sich lieber nach Feierabend hin und schreibt die halbe Naät hindurch Rollen ab. Das Tanzen ist ihr nicht vornehm genug. Schauspielerin will sie werden und bet dem Intriganten, der sie umsonst aus» bilden will, mag sie keine Stunden, das eingebildete Ding. Sie glaubt, sie schafft es aus sich heraus. Al« ob einem so etwas vom Himmel herunter schneit? Das will angelernt fein. Das Tanzen kommt einem auch nicht von ohne."
„Rufe sie uns her! Sie soll blos ans Fenster treten, uns zu Gefallen, wenn sie doch noch wach ist," gebot Steffeck.
„Wer ist denn der Andere?" forschte Martha neugierig. „Heinz von Götz," antwortete Ruler.
„Ich bezweifle, daß sie es thut."
„Versuch' es! Es soll Dich nicht gereuen!" Ein Weil« chen war Alles still. Dann knarrten Stiefel auf den Dielen.
Eine weiche, wohllautende Stimme sprach: „Ich wünsche den Herren viel Vergnügen für heute Abend oder für heute Morgen I"-
Ruler stieß Götz an. „Wie findest Du die kleine Schlange?"
, „Felicitas heißt die Glückliche!" Heinz war entschlossen, seme ganze Beredsamkeit aufzubieten. „Wer glücklich ist, sollte billigerweise glücklich machen. Warum will Felicitas nicht mit uns gehen?"
„Ist das Herr von Götz, der da spricht?"
»Ja, der sich die Mühe nicht verdrießen ließ, hierher zu wandern und an dessen Seite Felicitas mit kommen wird. Ich wiederhole: warum will sie nicht mit uns gehen?" „ „ /E^l ste sich nichts gefallen lassen will, selbst von Herrn von Gotz nicht! lautete die Antwort-
Die linken Rippen des Herrn von Götz machten aufs Reue mit Rulers Ellenbogen' Bekanntschaft: „Sie kennt Dich von der Parade aus. O, o! und ich bildete mir ein, sie fixtre mich und wolle mein Herz zu Asche legen!"
„Ich bürge dafür, daß Keiner von uns Felicitas zu nahe treten wird!" versicherte Götz sehr ernst.
„Mit Ihrem Ehrenwort?" betonte das Mädchen.
„Mit meinem Ehrenwort!" betheuerte Götz.
„Ich komme!"
Sie pilgerten langsam durch die Nacht der Straßen. Götz hatte einen kleinen Umweg vorgeschlagen. Der Kalender hatte Mondschein verheißen, aber es war nichts davon wahrzunehmen. Laternen brannten nicht. Die Väter der Stadt hatten einst in ihrer hohen Weisheit den Beschluß gefaßt und zum Gesetz erhoben, bei Mondenschein die irdische Beleuchtung zu sparen, die himmlische genüge. Und sie mußte genügen, war der Mond auch nicht sichtbar am Himmel. Was that's, wenn Hinz oder Kunz über einen Thürtritt stolperte und sich die Kniee aufschund: der Mond stand ja im Kalender. Außerdem konnte man bei nachtschlafender Zeit zu Hause bleiben!
Herr von Götz führte Felicitas Ehrenberg. Ruler hatte an jedem Arm Eine. Die Jüngste lief hinterdrein. In schneller Frage und Antwort hatte Götz bald heraus, welcher unbändige Stolz und Ehrgeiz in dem jungen Mädchen wohnte.
Er horchte sie aus, warum sienicht bei dem Intriganten, Herrn Belter, der ein ausgezeichneter Schauspieler sei, Stunden nehmen wolle.
Weil sie ihn nicht bezahlen könne.
„Macht das wirklich großen Unterschied?" erkundigte er sich.
„Wenn ich ihn bezahlen kann, darf ich Tante Lene mit« bringen und brauche mir nichts von ihm gefallen zu lassen!" erklärte sie mit großer Wichtigkeit.
„Woher der Stolz, Mädchen?" wunderte er sich.
Rach kurzem Schweigen brachte sie stockend hervor: „Mutter war gestorben, ich war noch nicht neun Jahre alt. Wir fuhren in einem Wagen mit den Kränzen hinter dem Sarg drein. Welche vom Chor wollten draußen singen und Einer von ihnen saß mit im Wagen. Sie hatten nicht Acht auf mich. Ich hielt mit beiden Händen die Kränze auf meinem Schoß und wagte nicht davon aufzusehen, aus Furcht, es könne einer herunterfallen und die Blumen verlieren- Da nannten sie meinen Namen und der Chorist sagte: „Sie wird einmal ebenso hübsch, wie ihre Mutter, sie wird ganz bestimmt auch so lustig und lüderlich werden." — Ich wußte nicht, was er damit wollte, aber er lachte so häßlich dazu. Ich hätte ihn schlagen mögen und ich nahm mir vor, nie zu lachen und lustig zu sein. Später in der Balletschule lernte ich bald verstehen, was er gemeint hatte, und deshalb will ich nicht wie die An« deren fein! Ich habe das noch keinem Menschen erzählt und weiß nicht, warum ich Ihnen mitthellen kann, was ich die langen Jahre her in mir verschlossen hatte. Kenne ich Sie doch nicht, blos vom Sehen auf der Parade und in der Loge im Theater." a
Götz drückte ihren Arm unwillkürlich an sich. Nach einer Pause erwiderte er: „Die Tante Lene soll in meine Wohnung kommen." Er gab ihr Straße und Nummer an. „Ich werde mit chr wegen des Herrn Vetter Rücksprache nehmen und wegen anderer Angelegenheiten auch!"
„Sie wollen mich ausbilden lassen," jubelte Felicitas. „Von Ihnen kann ich's annehmen, was ich keinem Menschen auf der Welt danken möchte!"
Nehenbleibend ergriff sie mit beiden Händen Götzens Rechte. Ehe er es verhindern konnte, beugte sie sich darauf nieder und küßte das Leder, das feine Hand bedeckte.
Man stand vor der Falle.
„Die Damen gehen von dieser Seite," entschied Ruler. ,,Jhr wißt ja Bescheid, Kinder. Wir wählen den Weg von der anderen Straße aus. Besser Ist besser- Es braucht uns Keiner zusammen eintreten zu sehen."
Der Jubel über die Hilsstruppen war groß und Götz erhielt von Leiningen das Prädicat Hexenmeister, weil er Fee Ehrenberg mitgekapert.
Mama Perl schickte Rebhuhn« und Gänseleberpastete, Hummern und Austern nach oben. Die Schwestern Rettich stürzten sich zur großen Belustigung der Herren gleich hungrigen Wölfen auf die Leckerbissen.
Felicitas nahm sehr wenig, Götz mußte immerfort nöthigen und ihr vottegen. Auch vom Champagner wollte sie nicht« wissen, nur ein Glas leichten Rothweins forderte sie.
(Fortsetzung folgt-)


