Ausgabe 
13.6.1893
 
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gelächelt und dann mit verhaltenem Gähne« gesagt:Gewiß, der Oberst ist eine nicht zu unterschätzende AcquisttionI Er sieht trotz seines vorgerückten Alters noch recht stattlich aus und würde noch eine Siebzehnjährige finden, die ihm sofort sein Jawort gäbe. Aber bitte, nun wollen wir dar Thema nicht weiter erörtern. Glaube mir, liebe Mama, ich bin über die Jahre hinaus, wo man an Jllustonen krankt." Den kommenden Tag hatte sie Strehlen ermuthigt. Wie es ge­kommen war und wie sie sich verlobt, wußte sie selber nicht mehr. - Freilich hatte bei ihr noch zumeist die Erwägung den Ausschlag gegeben, daß sie auf die Dauer ihrer Mutter den Verlust ihres kleinen Vermögens, ihres väterlichen Erb- theils, nicht verbergen konnte. Was hofftest Du denn noch vom Leben? höhnte der kalte Verstand; das verkaufte Herz aber schrie auf: Du hast Dich zur Maare herabgewürdigt! Vielleicht hätte Dir doch noch ein Glück geblüht.

Die ahnungslosen Worte der Kleinen bohrten ftch wie Schwerter in ihr Herz. Sie wußte es ja: Werner hatte ste schon lange im Stillen geliebt. Er hatte schweigend gelitten und des Anderen Glück ruhig mit angesehen und war ihr ein treuer, selbstloser Freund geblieben. Warum hatte sie sich für den grausamen Schlag, den sie empfangen, gerade an ihm rächen müssen? Ihm ihre Verzeihung versagen? - Hätte sie seine heißen, brennenden Zeilen nicht unbeantwortet ge« lassen, wäre vielleicht Alles anders gekommen! Mechanisch legte sie das Blatt zur Seite und nahm ein anderes auf. Astas Aeußerungen gingen ihr immer wieder durch den Kopf. Sie hatte den Zwang einer Gesellschaft niemals so lästig em« pfuNden. Es überkam Sie wie eine Erlösung bei den Worten der alten, kränklichen Excellenz von Winterfeld, die lieben Freunde möchten sich durch ihren Weggang nicht stören lassen. Tochter Und Schwiegersohn erhoben sich trotzdem, dadurch das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch gebend.

Schade, Hans, bist noch kein Jahr glücklicher Ehemann, müßtest fonst mit zu Mama Perl," bedauerte Ruler von Steffeck.

Meine Frau hält mich nicht zurück. So viel Freiheit wahrt man sich schon," versetzte der Angeredete säst brüsk.

Hans kommt mit, Kinder! Famos! Für den Wein stehe ich ein. Gieb Letningen einen Wink, ob er sich los­machen kann." ,, x

Einer der ihm zunächst stehenden Offiziere attachirte sich einer Gruppe von Herren und Damen und brachte bald da­rauf die Antwort:Kommt nach, Bodo auch, Bodo deckt das Local zur Feier von Waltens Rückkehr zu Mama Perl."

Ob Götz?" stellte Steffeck die Frage auf.

Laßt den aus dem Spiel! Sitzt uns als Mer Vor- wurf unserer Sünden dabei verdirbt einem nur den Ge­nuß der flüchtigen Stunden."

Götz näherte sich dem kleinen Kreis.Giebt s hier eine Verschwörung unter den Kameraden? Habt Ihr etwas vor, labt auch mich"

Sie kommen doch nicht mit!" schnitt ihm Hans, der wieder hinzu getreten war, die Rede ab.Losung: die Falle und Mama Perl!"

Bin von der Sache!" Götz warf sich in die Brust. Habe gerade Stimmung dafür! Vorausgesetzt, daß Damen von der Partie sind."

Steffeck brach in ein Lachen aus.Zeichen und Wunder geschehen! Sind wir nachher unter uns, will ich Dich um­armen, Bruderherz! Jetzt wollen wir aber unserer liebens­würdigen Mithin den Dank abstatten und «ns ihr empfehlen. Sind wahrhaftig die Letzten!"

Draußen auf der Straße fügte er zu Götz:Haben leider nichts verabredet, lieber Heinz. Doch können zwei von uns Dir zu Liebe nach der Wallstkaße gehen. Sind ja nur ein paar Schritte von der Falle bis dahin. Vielleicht gelingt s uns noch, die Schwestern Rettig heraus zu klopfen, wohnen im kleinen Hause an der Ecke, haben dann gleich ihrer drei." Wohnt nicht die kleine Ehrenberg im selben Haar ?" rief Leinintzen, der sie eingeholt.

Die kommt nicht mit," erklärte Ruler sehr bestimmt.

Felicitas ist geschenk-, champagner- und feuerfest und

bei alledem, war mich am meisten verdrießt, das hübscheste Balg von der ganzen Gesellschaft. Geist hat sie auch! Ant­worten kann sie geben Donnerwetter! Laffen nichts zu wünschen übrig. Ergänzt durch Mutterwitz, was ihr an Blldung abgeht."

Das heißt, den Witz hat sie nicht von der Mutter," warf der ältere Leiningen ein,kannte die Clare aus dem Chor!"

Ist überhaupt ein Räthfel, die kleine Hexe. Der Apfel, jeißt es, fällt nicht weit vom Stamm und wildes Reis zeugt wilde Frucht. Felicitas straft den Volksmund Lüge, ist eine Moosrose am Hagedorn. Möchte wiffen, woher sie Stolz und Tugend hat? Von der Mutter hat sie's nicht geerbt. Ihr Vater, der Chorist, wird sich kaum um sie kümmern. Ra, und das gute Beispiel ihrer Colleginnen" Ruler hielt im Weitergehen inne.Hier trennen sich unsere Wege. Wer kommt mit, unsere Schönen einzufangen?"

Ich, Ruler!" Götz schob seinen Arm in den de» langen Steffeck.

Auf baldig' Wiederschen! Doch nicht ohne Succurs!" Nie ohne die schöne Gabriele!"

Die Zwei schwenkten links ab.

Die Anderen, denen sich noch Bodo von Bärenberge zu­gesellt, begaben sich zu Mama Perl.

Die sogenannteFalle" war ein schönes dreistöckiges Eck­haus mit dem Comfort der Neuzeit, wenigstens mit dem, was man in der kleinen Residenz darunter verstand, ausgestattet. Mama Perl hatte vor einem halben Jahrzehnt das Glück ge­habt, ihr Haus abbrennen zu sehen es hätte sonst abge- riflen werden müssen. Ein Jahr darauf der Neubau war vollendet starb ihr Mann.

Sie haben einen Glückstreffer über den anderen," tröstete ihre Freundin, die dicke Schlächtersftau aus der Nachbarschaft, die nunmehrige Wittwe.

Und es war so. Frau Perl vermiethete den einen Laden ihres Hauses an einen Tapetenfabrikanten, den anderen behielt sie für ihr Delicateffengefchäft. Die übrigen unteren Räume richtete sie zum feinen Bier- und Weinrestaurant ein. Eine Versicherungsgesellschaft nahm ihr den zweiten Stock ihres Hauses ab und die erste Etage vermiethete ste für gesellige Zwecke, Bälle, Vereine und dergleichen. Ihre Kneipe schwang sich in kurzer Zeit zur feinsten und besuchtesten der Residenz auf. Man kam und ging dort ungenirt wie nirgends, weil man'von zwei Straßen aus Eingang hatte. War auch bei ihr Wes am theuersten, so war es dafür vom Besten und Marmorbilder konnten nicht disereter fein, als Madam Perl, ihre zwei Töchter und der pfiffiige Franz, der Kellner. Die vier Personen bildeten den ganzen Hausstand. Die Osfiziere pflegten für sich abgesondert zu sitzen. Den Weg durch den Laden oder die anderen Gastzimmer brauchten sie nicht zu nehmen. Für sie war ein großes, nach hinten heraus liegen­des Zimmer, das vom Hofe aus seinen separaten Eingang hatte, reservirt. Von ihm aus führte eine Wendeltreppe, welche durch eine Tapetenthür verdeckt war, nach dem mitt­leren Saale oben. Den Schlüssel hierzu händigte Mama Perl den Offizieren tmt gegen eine gewisse Summe Geldes aus.

Wollte man ungestört ein Spielchen machen oder beab­sichtigte man einen lustigen Abend zu begehen, wurde dieser Schlüssel eingelöst. Solch' ein Abend pflegte Mama Perl ein hübsches Stück Geld einzubringen.Wo werde ich'» dem um­sonst thun?" lachte ste ihre Töchter aus, die anfangs gegen die Besteuerung der Herren Offiziere Protest erhoben. ,

Haben die Herren das Gold zum Wegwerfen beim Spiel und für Tänzerinnen, könnm fie einer Wittwe auch etwas zufließen lassen. Wer hat denn die Aufregung, wenn der Herr Polizeilieutenant infpiciren kommt? Ein Segen, er ist in Dich vernarrt, Ama, da scherzt er mit Dir und läßt sich die Caviar- und Lachsbtötchen munden, die Du ihm zu­recht machst, und mm erhält Zeit, denen oben einen Pfiff zu geben und den Schlüssel zu langen. Das Schlüffelsuchen war nur ein Scheinexperiment. Die Hälfte der Schlüssel fielen da­bei vom Brett auf die Erde und das erschwerte da» Suchen.