Ausgabe 
13.6.1893
 
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Nnterchaltungsblatt 311111 Giehenev Anzeigen (Gensval-Anzergep)

1893.

r 'nr IT.

Dienstag, den 13. Juni.

Verschlungene Pfade.

Roman von Max Hochberg.

(Fortsetzung).

Asta ahnte freilich nicht, wie weit Ernas Verstellung«' fünft ging und daß ste einer geborenen Schauspielerin darin nichts nachgab. Sie vernahm nicht das leiseComödiant", das sich über ihre Lippen schlich, nur dem vernehmbar, dem es galt, als Hans zärtlich schmeichelnd den Arm um sie legte und sie zum Singen nöthigte mit der Bemerkung:Gerade das Lied singt meine kleine Frau ganz entzückend".

Sie sah nicht, wie ihr schöner Schwager einen Seufzer unterdrückte und sich auf die Lippe biß, wenn seine Cousine sich zufällig abwandte, sobald er sich ihr zu nähern suchte. Einmal gelang es Hans doch, einen günstigen Augenblick zu erhaschen. Der Oberst war von einem Herrn in Anspruch genommen. Die Mehrzahl der Gäste weilte im Salon. Leonore hatte mit einer Freundin geplaudert, die sich gleichfalls dort« hin begab. Sie nahm von der Etagsre ein Prachtheft mit losen Skizzenblättern und vertiefte sich in deren Betrachtung. Sie hörte ihn nicht kommen. Der dicke Teppich verschlang das Geräusch seiner Schritte. Sie zuckte zusammen beim Nennen ihres Namens. Dieser weiche, zärtliche Laut hatte vor Jahren ihr junges Herz bethört.

Verzeih', wenn ich Dich erschreckte," sagte er.Wie geht es Dir? Ich war gestern bei Euch und traf Dich wieder nicht an! Du läßt Dich vor mir verleugnen? Steh' mich nicht so fremd an! Wir stehen uns ja trotz Allem nah'! Ich muß wissen, wie es Dir geht. Du hast Dich so schnell verlobt. Bist Du einigermaßen glücklich?"

Wie sollte es mir anders gehen, als gut?" antwortete sie mit kühler Verwunderung.Ob ich glücklich bin?" Warum sollte ich es nicht sein? Wenn es Dich beruhigt, ich bin glücklich, sehr glücklich. Ich habe mich einem Mann ver» lobt, den ich aus Grund meiner Seele achten und schätzen muß. Achtung aber ist die Grundbedingung der Liebe und eines ehelichen Glückes."

Die unverhohlene Verachtung in Wort und Ausdruck machte ihn fassungslos. Er fand keine Erwiderung und zog sich mit einer Verbeugung zurück.

Sie hob das Blatt wieder und blickte aufmerksam darauf nicht anders, als habe ein Bedienter ihr eine Erfrischung präsentirt und sie habe den Kopf gewendet und gedankt.

Oberst Strehlen drehte sich eben nach ihr um. Er sah, ihr Vetter ging von ihr und seine schönen Züge waren grimm»

verzerrt. Betroffen suchte er in Leonoren« Gesicht zu lesen. Es verrieth keinerlei Erregung, und doch mußte er eben eine Scene zwischen ihr und Hans gegeben haben. Er trat zu ihr.

Die ruhige Gleichgültigkeit ihres Gesichtsausdrucks wich einem freundlichen Lächeln, als sie zu ihm aufschaute.

Ah, der Canal Grande mit seinen Palästen fesselt Dich? Den werden wir in den Tagen unseres Glückes fleißig befahren. In Venedig wollen wir Rast machen. Es wird die erste Stadt sein, der wir auf unserer Hochzeitsreise längere Zeit schenken. Dort treffe ich auch liebe Bekannte!" Er fuhr herum, weil Jemand seinen Aermel faßte und ihn zurückzupfte.

Laß mich auch sehen, Onkel Strehlen!" bat Asta.Der große Canal von Venedig! Ach, muß es dort himmlisch sein! Mein lieber Herr und Meister wird auch bald dort sein. Gestern hatte ich aus Mailand einen Brief von ihm. Er will noch eine Woche dort bleiben."

Wie lange fehlt er Dir denn schon?" neckte Strehlen.

So lange Ihr verlobt seid!" stieß Asta mit drolligem Zorn hervor.Genäu den Tag nach Euerer Verlobung ist er abgereist, das heißt nicht nachdem die Karten ausgeschickt wurden, denn da war er schon nicht mehr hier, sondern den Tag, nachdem ich's ihm mitgetheilt hatte.' Er erfuhr das große Ereigniß schon am Donnerstag. Ich dachte ihn mit der Neuigkeit recht sehr zu überraschen, kam aber schön an. Er war durchaus nicht erstaunt und sagte kein Sterbenswört­chen dazu. Uebrigens war ihm gerade nicht wohl; ich glaube, er hatte etwas wie einen Schwindelanfall, denn er hielt sich am Stuhl und sah ganz schrecklich äus," plauderte sie ruhig weiter.

Leonore bog sich tief auf das Bild herab. Sie fühlte ihren Herzschlag gewaltsam rasch am Halse und meinte, da­zu Kopf stürmende Blut müßte ihr die Adern sprengen. Ein Weh ohne Gleichen krampfte ihr da» Herz zusammen. Hundert Mal schon hatte sie bereut, sich so rasch gebunden zu haben. Nach der großen, herben Täuschung, die sie erfahren, hatte ihrem Herzen kein Recht mehr einräumen wollen. Das thörichte Ding sollte nun auf immer tobt sein. Sie hatte damals unter convulstvischem Lachen Werners Brief gelesen; es hatte sie mit bittersüßer Genugthuung erfüllt, ihn elend machen zu können, weil sie selber litt.

Von Ihrer Verzeihung hängt mein Lebensglück ab," hatte der Maler geschrieben- Was kümmerte sie eines Anderen Glück? Wer hatte nach dem ihren gefragt? Darauf war Strehlen gekommen und die kluge Mutter hatte scharfe Augen gehabt, denn sie fing an, ihrer Tochter alle Vortheile einer Verbindung mit ihm aufzuzählen, sobald der Oberst sich empfohlen. Leonore hatte dazu vor sich hiy