Ausgabe 
13.5.1893
 
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die Straßen auf und ab zu wandern, aber immer noch kam der Arbeiter Legros nicht zum Vorschein. .

Da bemerkte sie plötzlich, rote vor der Anstalt ein Auf. lauf entstand, es ertönte ein Lärm und einzelne ihr von dort­her Entgegenkommende erzählten einander, ein Arbeiter habe mit Gewalt in's Findelhaur eindringen und sein Kind heraus« holen wollen, das ihm von seiner eigenen Frau gestohlen worden sei- Die Polizeibeamten hätten Recht gehabt, wenn fte den verrückten Menschen zur Wache geschafft hätten. Der Schreckender Lauscherin bei diesen Aufschlüffen war unbelchretb« lich; sie vermochte sich kaum aufrecht zu erhalten, denn mit furchtbarer Gewalt schien das Schicksal nun dennoch über sie hereinzubrechen, wenn ihr Mann erst mit der Behörde in Be» rührung kam, und nur noch an die eine Hoffnung klammerte sie sich, daß man Louis Legros vielleicht wirklich für irrsinnig halten könne. Der Arbeiter wurde nun zwar zum nächsten Polizeiposten gebracht, aber feine dortige Vernehmung machte auf die Beamten durchaus nicht den Eindruck, als ob sein Ver­stand in Unordnung sei, vielmehr erregte seine Rede so sehr das Jntereffe des Commiffars, daß dieser den Arbeiter in Be­gleitung eines Beamten abermals nach dem Findelhauss sandte. Wenige Stunden nachher war bereits ein Verhaftsbefehl gegen Frau Legros erlassen und während mehrere Beamten sich auf die Suche nach derselben begaben, blieb der wieder freigelassene Legros bei dem Director des Findelhauses, um sein Kind zu recognoseiren.

Während diese beiden Personen den Fall noch mit einan­der besprachen, ertönte draußen ein heftiges Klingelzeichen und einen Augenblick darauf stürzte, gefolgt von dem Portier, ein Kind auf dem Arme, die Frau Legros in das Zimmer des Directors. Mit Erstaunen veryahm derselbe die in gefaßtem demüthigen Tone gesprochenen Worte:Vergeben Sie mir, Herr Director, daß ich Sie getäuscht habe; ich brachte Ihnen gestern nicht Etienne zurück, sondern mein eigenes Kind; hier aber ist der richtige Pflegling Ihrer Anstalt," und damit legte sie das mitgebrachte Kind vor dem Beamten nieder.

Einen Augenblick machte Legros Miene, abwehrend da­zwischen zu treten, als er aber die verstörten Züge seiner Frau sah, schwieg er, wie von Mitleid ergriffen.

Also dies soll nun der rechte Etienne sein? Warum habt Ihr uns denn zuerst ein solches Kind gebracht," fragte der Director mit einem zweifelnden Blicke, worauf die Frau stotternd erwiderte, es sei zwar eine Schande, daß sie es sagen müsse, aber der kleine Pflegling Etienne sei ihr wirklich lieber gewor­den, als ihr eigenes Kind, es sei ihr aber schon leid geworden, und deshalb sei sie nun von selbst gekommen, um ihren Fehler wieder gut zu machen.

Als nun die beiden Kinder in Gegenwart des Arbeiters ausgetauscht wurden, mochte letzterer wohl etwas von der wahren Sachlage ahnen, aber das Mitleid mit seiner Frau bewog ihn doch, in dem zweiten Kinde Etienne anzuerkennen, wobei er nur bemerkte, daß er bis in die späte Nacht beschäf­tigt sei und sich um die Pflegekinder seiner Frau wenig kümmere. Hierauf durfte sich das Ehepaar mit seinem Söhnchen ent­fernen und noch einmal athmete die Frau hoch auf, in dem Glauben, daß es ihr wiederum gelungen sei, das Auge des Gesetzes zu täuschen. Sie ahnte nicht, daß ein Agent der Polizei ihr auf dem Fuße folgte und jeden ihrer Schritte bewachte, während der Director des Findelhauses weit entfernt davon war, an die Echtheit des ihm hingebrachten Kindes zu glauben.

In der Wohnung des im Eingänge unserer Erzählung erwähnten Ehepaares war unvermuthet das Glück eingekehrt durch den Tod eines Anverwandten, welcher beträchtliche Mittel hinterlassen hatte. Der erste Gedanke der beiden Glücklichen war natürlich ihr Kind und alsbald eilten Beide zu der An­stalt, um zu erfahren, daß der Kleine sich bisher auf dem Lande befunden habe und erst eben wieder in die Anstalt gelangt sei. Auf Anordnung des Directors der letzteren wurde derselbe herbei gebracht, aber schon beim ersten Blicke erklärte die junge Frau mit bleicher Miene, das sei nicht ihr Kind, sondern ein falsches, das sie nie gesehen.

Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtete sie der Directok und berichtete ihr, welche Kennzeichen das Kind bei der Ein­lieferung an sich gehabt habe.

Die Zeichen stimmten genau, aber dennoch blieb die Frau mit zitternder Stimme und händeringend dabei:Das sei nicht ihr Kind, welch' letzteres am rechten Arme ein Muttermal ge­tragen habe."

Tröstend versprach ihr der Director, nachdem er zuvor eine Unterredung mit seinem Schreiber gehabt, ihr demnach mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, ihr Kind wieder in die Arme legen zu können und zu ihrem Erstaunen ließ er die jungen Leute draußen einen Wagen besteigen, in dem auch er Platz nahm und nach kurzer Fahrt vor einem anderen Gebäude halten ließ, welches er gleichfalls als ein Findelhaus bezeichnete. Er ließ die jungen Leute hier in ein Wartezimmer treten und wenige Minuten nachher erschien er wieder, ein Kind im Arme, bei dessen Anblick die junge Frau laut aufschluchzte:Mein Etienne!"

dem Hospiz der Richter.

Die Frau Legros war inzwischen nur einen Tag noch auf freiem Fuße, dann wurde sie ohne Umstände festgenommen

und zum Verhör gebracht.

Habt Ihr ein Kind Namens Etienne aus zum heiligen Kreuz zur Pflege gehabt?" begann

Ja."

Wann war das?"

Vor einem Jahre."

Was zahlte Euch die Anstalt dafür?"

Sieben Francs monatlich."

Bis wann hattet Ihr das Kind?"

Bis Vorgestern."

Es wurde Euch abverlangt, nicht wahr?"

Ja."

Brachtet Ihr es wieder in die Anstalt?"

Ja nein, ich brachte zuerst mein eigenes Kind dahin, ich vertauschte dis Kleider."

Warum thatet Ihr das?"

Ich meinte, den Pflegling lieber zu haben, wie mein eigenes Kind, aber ich bereute es sofort wieder und brachte der Anstalt das richtige Kind zurück."

Es war wirklich das richtige?"

Ja."

So muß ich es Euch einmal vorzeigen, damit Ihr mir diesesJa" wiederholt."

Auf einen Wink brachte ein Diener den angeblichen Etienne

herein.

Dies ist also das Kind, von dem wir sprechen?" tncin cQctr/*

Besinnt Euch, Frau, und sprecht die Wahrheit."

Ich ich sage ja die Wahrheit, es ist so, wie ich sage"

Nun gut denn."

Der Richter klingelte und herein trat die Mutter des

wirklichen Etienne.

Sie hatten ein Kind mit Namen Etienne in dem Findel­hause zum heiligen Kreuz?"

Ja-"

Ist es dies hier?"

Nein, nimmermehr-"

Bleibt Ihr bei Eurer Behauptung stehen, Frau Legros?"

W

Auf einen Wink des Richters wurde ein anderes Kmd hereingebracht.

Kennt Ihr dies Kind, Frau Legros?"

Ja-"

Woher kennt Ihr es?"

Es ist ein Kind, welches ich für eine andere Anstalt eine Zeitlang gepflegt habe, bis es zurückgefordert wurde."

Ihr sagt also, daß dieses Kind hier in das andere Findelhaus gehöre?"

Ja-"

,', Bleibt bei der Wahrheit, Frau, Ihr habt schon wieder eine Lüge gesprochen."