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bei ihm aussieht. So itt's Blaue hinein können wir das Kostgeld nicht immer weiter zahlen. Bringt ihn einmal her und dann wollen wir sehen, was zu machen ist."
Tödtlich erschrocken stammelte die Frau zu ihrer Entschuldigung, sie würde den Kleinen auch wirklich mitgebracht haben, aber er sei nicht wohl gewesen, doch werde sie ihn gleich morgen zur Stelle schaffen und damit entfernte sie sich, von dunklen Ahnungen kommenden Unheils gequält. Die Nacht verbrachte sie schlaflos und am folgenden Morgen vertauschte sie wiederum die Erkennungszeichen am Halse des Findlings, wusch denselben und begab sich nunmehr wieder auf den Weg nach Paris.
Der Director des Findelhauses hatte einige Tage zuvor im Stillen eine Rundschau über seine Pfleglinge aus dem Lande veranstaltet und das Resultat war gewesen, daß man beschloß, der Frau Legros wegen ihres üblen Rufes keine Kinder mehr anzuvertrauen und deren jetzigen Pflegling nach der Einlieferung zurück zu behalten.
Hiermit begann die Katastrophe ihren , Lauf über dem Haupte der Verbrecherin. Als die Frau mit dem Kinde in der Anstalt erschien, eröffnete ihr der Vorsteher seinen Beschluß, und trotz alles Bittens, ja selbst ungeachtet der Erklärung, den Kleinen, der ihr lieb geworden, um einen billigeren Preis pflegen zu wollen, blieb es bei dem Beschlüsse und die Legros mußte ohne das Kind und ohne die baaren Mittel heimkehren, deren sie zur Befriedigung des unheimlichen Drängers von gestern so sehr bedurfte.
Grübelnd, ob sie nicht auf irgend eine Weise aus einem dritten Findelhause Ersatz finden könne, war sie bis vor die Stadt gekommen, als sie sich plötzlich von einer bekannten Stimme'angerufen hörte, und im gleichen Augenblicke sah sie die Frau des Aussehers aus dem anderen Findelhause auf sich zueilen, dessen Angehörigen, den kleinen Etienne, sie eben erst unter falschem Zeichen der ersten Anstalt abgeliefert hat.
„Frau Legros, ich soll sofort zu Euch, gehen und den Kleinen wieder abholen, den Ihr von uns in Pflege habt," rief die Frau keuchend von ihrem eiligen Laufe-
„Was ist denn mit dem Kleinen?" versetzte die Legros jäh erbleichend und am ganzen Körper erbend.
„Nun was soll es sein? die Eltern wollen das Kind zurückhaben, anders weiß ich auch nichts. Ich soll zu Euch eilen und das Kind sofort holen."
Wie geistesabwesend stand die Legros da und starrte die Sprecherin an-
„Ihr sollt das Kind wieder holen?" entgegnete sie endlich gedehnt.
„Ja freilich, und es wird am besten sein, wenn ich gleich mit Euch gehe, und den Kleinen abhole."
Jetzt erwachte aber das Bewußtsein der Bedrohten wieder in voller Stärke und sich gewaltsam zusammenraffend entgegnete sie: „Nun um Gotteswillen nein, geht nur ich bringe ihn schon; gleich sollt Ihr ihn haben. Ich eile sofort nach Hause. Geht nur," fuhr sie heftiger fort, „Ihr braucht nicht mitzukommen, Ich bringe den Kleinen," und damit rannte sie außer sich vor Schrecken davon, während die Aufsehersfrau ihr in tiefer Entrüstung nachschaute und über die grobe Unhöflichkeit schalt, mit welcher Frau Legros sie hier stehen ließ.
Von Entsetzen getrieben eilte letztere inzwischen der Heimath zu, verzweifelt auf einen Ausweg sinnend, um der drohenden Gerechtigkeit zu entrinnen. Um jeden Preis mußte sie dem Findelhause einen Pflegling abliefern, koste es, was es immer wolle, und sollte sie dem einen Verbrechen noch ein zweites hinzufügen, sollte sie selbst ein Kind rauben und entführen nuifien! Solch ein kleines Geschöpf, das armen Leuten angehörte, bekam es ja im Findelhause auch nicht schlechter — aber nein, das brauchte sie gar nicht einmal; sie hatte ja selbf ein etwa zweijähriges Kind, und besser, sie brachte dieses in's Findelhaus, wo es ohnehin nur bis zum 14. Jahre verblieb, als daß sie selbst als Mörderin das Schaffot bestieg!
Was ihr Mann daheim sagen werde, zog sie nicht in Betracht, wie rasend stürmte sie nach Hause, erfaßte den Kleinen,
wusch ihn, band ihm das Anstaltszeichen um und eilte wiederum fort. „ ,
Als sie mit dem Kinde in das Büreau des Anstalts- Directors in Paris eintrat, blickte dieser sie einigermaßen erstaunt an, lobte aber doch ihre Pünktlichkeit und gestand ogar, daß er nach den Schilderungen der Frau des Aufsehers keinesweges erwartet habe, sie schon hier zu sehen, denn seine Botin habe berichtet, die Frau Legros habe sie wie eine Wahnsinnige angeblickt und sei davon gelaufen, als wenn sie etwas Schreckliches begangen hätte. Nun sei ja aber, Gottlob, alles in Ordnung.
Wohl mochte es die Verbrecherin mit Entsetzen erfassen, als sie ihr eigenes Kind jetzt unter falschem Namen als elternlosen Findling dahin gab, als derselbe flüchtig untersucht und dann ohne Beanstandung eingetragen wurde; wohl mochte ihr schaudern bei dem Gedanken an die Vereinsamung ihres eigenen Hauses nach dem Fehlen des Kindes, ihres kleinen Andre, aber vorwärts mußte sie, trotz alledem, und auch noch den Fragen des eigenen Gatten durch neue Erdichtungen Stand halten. Immer tiefer verflocht sie sich in ein Labyrinth von bösen Thaten und Unwahrheit; sie fühlte dies auch nur zu sehr und schon war es ihr, als läsen die Nachbarn in ihren Zügen, was sie mit Entsetzen verbarg.
In ihrer Wohnung traf sie bereits ihren Mann an, welcher polternd nach seinem kleinen Andrö fragte; stotternd entgegnete sie auf diese Frage, sie habe in Paris eine Freundin besucht und den Kleinen dorthin mitgenommen, wo er mit andern Kindern gespielt habe; um ihn nicht der feuchten Abendluft auszusetzen, habe sie ihn dort gelassen, da sie ohnehin morgen wieder dahin gehe, um der Freundin bei der Arbeit zu helfen. , . „ r
„Ja, Mama hat den kleinen Andre mitgenommen" tönte plötzlich die Stimme des kleinen Henry, „Mama hat Andre die Kleider von Etienne angezogen, hat ihn schön gewaschen und Zeichen von Etienne umgehängt."
„Was plaudert der Kleine da," rief jetzt der Arbeit« mit einem sonderbaren Blick um sich her, „wo ist denn Etienne < was hast Du mit dem Kleinen angefangen?'
„Etienne ist wieder im Findelhause," stotterte |ie, immer verlegener werdend.
„Aber warum denn, Weib? Hier geht etwas vor, was Du verschweigst! Rede und sage, wo Andre geblieben ,st. Aber lüge nicht, oder ich drehe Dir die Gurgel um! Andre ist nicht bei einer Freundin, das sehe ich Dir an, sage er gerade heraus, oder —"
Schreiend sank das Weib in die Knies und jammerte: „Ich will es Dir sagen, Louis, aber verzeih' mir; ich habe Andre nach Pari» in's Findelhaus getha«; ich konnte es nicht mehr mit ansehen, daß das Kind Hunger litt. Du vertrinkst zu viel und ich konnte nichts mehr verdienen, so lange Andre im Hause war. Ich wußte mir nicht anders mehr zü helfen.
Auf den Vorwurf des Trinkens schwieg der Arbeiter und schien in Nachdenken zu sinken; er trat an's Fenster und blickte lange hinaus, dann wandte er sich zurück und streckte sich, ohne mehr eine Silbe zu äußern, auf sein Lager. Die Frau folgte anfangs erstaunt diesem Thun mit den Blicken, denn sie hatte eine andere Scene erwartet. Auch sie begab sich endlich zur Ruhe, in der Annahme, daß ihr die Täuschung gelungen sei, aber es war ihr doch furchtbar öde in dem Zimmer und ste war nicht im Stande, ein Auge zu schließen und sich dem Schlummer hinzugeben. , , , rx
Der Morgen graute kaum, da erhob sich auch schon der Arbeiter Legros und verließ gleich darauf das Haus in so ungewöhnlicher Weise, daß die Frau sofort eine besondere Absicht bei ihm vermuthen mußte. Mit Entsetzen dachte sie daran, er könne womöglich gar in dem von ihr angegebenen Findel- Hause das Kind zurückfordern wollen und der Schrecken bet diesem Gedanken wollte sie fast übermannen.
Wenige Minuten nachher eilte auch sie aus dem Haute und erreichte die Hauptstadt auf Seitenwegen noch vor ihrem Manne. In der Nähe des Findelhauses stellte sie sich auf die Lauer und wartete lange, lange. Dann begann sie ungeduldig


