Ausgabe 
13.5.1893
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 56

18S3.

--M (T-E-Js-^^yra. s-a lSS -T -x-s»!-

Nntevhaltungsblcrtt 311m Gietzenev Anzeigen (Ge^svcrl-Anzeigev)

B

UW

WUKZN'

LM^^EMKLM»M!LZWU

Samstag, den 13. Mai.

Iwei Kindkinge.

Eine Criminal-Erzählung.

^Schluß.)

Als Mittags der Mann von der Arbeit kam, erzählte sie ihm trotzigen Tones, sie sei des Zankes müde geworden und habe den vermaledeiten Schreier dem Findelhause zurückgegeben. Sie werde zusehen, daß sie einen andern Pflegling bekomme, und der Arbeiter Legros begnügte sich um des Friedens willen mit dieser Auskunft.

Vorsichtig bewahrte die Frau aber das Zeichen an seidener Schnur auf, welches den tobten Kleinen als Findling legitimirt hatte und schon am Nachmittage eilte sie nach Paris in ein anderes Findelhaus, aus dem sie ebenfalls schon einmal einen Pflegling gehabt, der angeblich an einem Fieber gestorben war. Nach einigem Unterhandeln mit dem Director dieser Anstalt gelang es ihr, ein Kind zur Pflege zu erhalten, welches unter dem Namen Etienne eingetragen und dem von ihr ermordeten ziemlich ähnlich war. Schmunzelnd eilte sie damit heim, ver­tauschte das Erkennungszeichen des Lebenden mit dem des Tobten und berechnete nun innerlich jubelnd, daß sie jetzt aus zwei Anstalten das Pflegegeld erhalten werde und ihren Zög­ling auf Wunsch da oder dort stets mit dem richtigen Zeichen werde vorzeigen können.

Längere Zeit verging und Niemand ahnte, was in der Hütte des Arbeiters Legros vorgegangen war. Wieder nahte die Zeit, da die Findelhäuser die Pflegegelder für die auf's Land gegebenen Jnsasien zu zahlen pflegten und eines Morgens machte sich nun auch Frau Legros wieder auf den Weg nach Paris, um den doppelten Lohn ihrer Unthat einzuholen. Wohl war sie in der letzten Zeit zuweilen von Besorgniffen gequält Horden, wie es wohl kommen möchte, wenn eines Tages plötz« lich beide Findelhäuser ihre Pfleglinge von ihr zurückfordern würden, aber heute, in der Hellen, warmen Morgenluft, schlug sie solche Gedanken in den Wind. An einem Wegübergang bemerkte sie plötzlich, wie ein heruntergekommen aussehender Mensch sie mit stechenden Blicken aufmerksam betrachtete. Sie schrrtt werter, aber kaum war sie vorüber, so hörte sie seinen eiligen Schritt hinter sich und int nächsten Augenblicke vernahm sie, wie der Fremde ihr zuraunte:Ihr habt es wohl immer

9ute Frau? Habt Ihr heute auch wieder so ein hübsches Bündel untergebracht, wie damals?"

Ich verstehe nicht, was Ihr damit sagen wollt," ver- setzte die Frau, ihre Züge mit Gewalt bemeisternd, innerlich aber heftig erschrocken und bebend vor Aufregung,ich habe

kein Bündel und verkaufe auch keine Maaren. Ihr verwechselt mich wohl mit Jemand."

O nein; ich kenne Euch sehr gut, liebe Frau; eines Tages war ich Euch ganz nahe, als Ihr so ein Bündel hattet wie ich es meine und gleich darauf sah ich Euch noch einmal und da hattet Ihr das Bündel wahrscheinlich verloren. Was meint Ihr, soll ich's Euch wieder suchen?"

Laßt mich in Ruhe, ich habe nichts verloren und brauche Euch nicht und darum geht Eure Wege!"

Nun ja," versetzte der Fremde,dann suche ich eben allein und brauche Euch auch nicht dazu. Ich werde schon Jemand finden, der mir suchen hsift und wenn's auch der Staatsanwalt wäre!"

Was wollt Ihr denn eigentlich von mir, Mann? Ich weiß wirklich nicht, was Ihr mir da für Andeutungen macht."

Das ist kurz gesagt, gute Frau; damals an dem alten Schacht sähet Ihr etwas defecter aus als heute und da hätte ich's vielleicht für fünf Francs gethan, aber seither scheint Ihr ein Geschäft gemacht zu haben mit dem Kleinen, den Ihr dort so hübsch hinunterpurzeln ließet. Ich denke, wir wollen einen Handel machen und darum gebt mir zwanzig Francs jetzt gleich, dann brauche ich nicht erst zu suchen und Euch liegt ja auch sicher nicht sehr daran, daß ich ein glücklicher Finder werde. He, was meint Ihr, zwanzig Francs sind gewiß nicht zu viel. Der würdige Staatsanwalt zahlte wohl mehr dafür, aber ich habe mit dieser Menschensorte selbst nicht gerne zu schaffen und warum soll ich Euch durchaus an den Galgen bringen, was Euch doch selbst nicht besonders angenehm sein könnte!"

Der Kerl hatte mit einem gewissen gemüthlichen Hohn ge­sprochen, aus dem aber die Angeredete den Ernst der Drohung nur zu deutlich erkennen konnte. Sie vermochte das Zittern nicht mehr zu bemeistern und fast athemlos preßte sie die Hand auf's Herz, indem sie stammelte:Gut denn, Ihr sollt das Geld haben, morgen Mittag hier an derselben Stelle."

Damit eilte sie stürmischen Schrittes weiter, wie um einer furchtbaren Gefahr zu entfliehen, die sich ihr plötzlich in Ge­stalt des zerlumpten Menschen entgegengestellt hatte, welcher jetzt ihr mit höhnischem Lächeln nachblickte.

Als Frau Legros in das Zimmer des Directors der Pariser Findelanstalt trat und ihr Gesuch um das fällige ' Pflegegeld ihres Zöglings vorbrachte, bemerkte sie, wie der Director bei Nennung ihres Namens mit seinem Secretär einen Blick wechselte.

Ja, liebe Frau," sprach er hierauf,das ist so eine eigene Sache mit dem Kinde. Warum bringt Ihr uns den Kleinen niemals mit? Ihr wohnt kaum eine Stunde von hier und wir müssen uns doch überzeugen, wie es mit Eurer Pflege