Ausgabe 
12.12.1893
 
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Plan gefaßt. Eine Thräne rann ihr über die bleiche Wange, sie streifte das schimmernde Seidengewand ab, löste die Rosen aus dem Haar und glitt dann wie gebrochen vor dem Lager zu Boden, um stch einem rückhaltlosen Schmerzensausbruch zu überlasten.

Aber auch nicht einen Moment wankte das muthige junge Weib, denn die Ehre galt ihr über Alles. Sie hatte am Mare geschworen, treu zu sein, es gab kein Zurück, obwohl sie nun wußte, daß sie nicht aus freiem Willen, sondern unter dunkler Gewalt gehandelt hatte. Sie hatte schwere Stunden an des Fürsten Seite durchlebt, aber sie war vor Gott und den Menschen seine Gattin und blieb an seiner Seite nach wie vor l

Taumelnd und lallend erschien der Fürst gegen Morgen. Ohne Therese zu beachten, wankte er zum Lager und versank sofort in den lautröchelnden Schlaf der Trunkenheit, indeß die arme Frau, in ein Morgengewand gehüllt, zitternd auf dem Sopha sitzen blieb, bis das Helle Tageslicht anbrach.

* *

Wie ein Schlafwandelnder kehrte Arthur Fels in seine Wohnung zurück. Er hatte nicht mehr gewagt, den bestellten Wagen zu begleiten und die besinnungslose Fürstin hineinzu- betten, denn er sürchtete bei dem leidenschaftlichen Character des Fürsten daraus üble Folgen für Therese. Auch war der Doctor selbst ganz erregt. Er mußte fort, allein mit sich und den tausenderlei Gedanken sein, die auf ihn einstürmten. Ruhe­los eilte er in dem Gemach umher; immer wieder meinte er den feuchten, wehmüthigen Blick der unglücklichen Fürstin zu sehen und ihre bebende Stimme zu vernehmen aber es war vorbei. Eine Geisterstimme schien ihm zuzurufen: Du sahst sie zum letzten Male! Ach und es war vielleicht bester so und er­sparte ihnen Beiden erneute seelische Qualen!

Als der Tag anbrach, als die goldige Sonne eines wunder­vollsten Maimorgens auch bis zu dem verstörten jungen Manne drang, der sich mit zitternden Händen das Haar durchwühlte, da lachte er bitter, schneidend auf und ein grauenhaftes Etwas leuchtete aus seinen heißen, trockenen Augen. Dann murmelte er:Ah, nun muß ich in die Praxis gehen und von so und so viel nervösen Damen, denen nichts fehlt als Arbeit und Be­wegung, mir vorklagen lasten: Herr Doctor, ich habe eine so schlechte Nacht gehabt! Herr Doctor, mein Puls geht wie im Fieber! Wie möchte ich ihnen Allen erzählen von der Nacht, die ich durchgemacht, von den Furien, die meine Seele peitschen! Nein, nein, fort, das halte ich nicht mehr aus; ich will in die Heimath, ich bin selbst krank vielleicht kann mein Vater helfen, mehr als meine ganze Wissenschaft."

Er raffte stch auf, kleidete sich an, nahm seine Baarschaft zu sich und begab sich, nachdem er den Wirthsleuten mit- getheilt, daß er für einige Tage verreisen müsse, zur Bahn, um den Schnellzug zu benutzen. Unterwegs begrüßten ihn einige Bekannte, schüttelten ihm die Hände und frugen nach seinem Ergehen, aber er fertigte Alle kurz ab.

Sehr schlecht, sehr schlecht. Ich bin so krank wie Keiner von all' meinen Patienten!" sagte er auf ihre Fragen-

Und dann eilte er weiter. Erst als er seine Fahrkarte gelöst und im Coupöe saß, athmete er etwas freier, der Alp auf der Brust ließ ein wenig nach. Freilich, als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde es wieder schlimmer, eine nicht zu bewältigende Rastlosigkeit bemächtigte sich des unglücklichen Mannes, daß er unaufhörlich von einem Fenster zum andern schritt und mit den Händen um sich griff.Wäre ich doch erst daheim," murmelte er keuchend,ich bin krank die Furien lassen mich nicht los."

Endlich hielt der Eisenbahnzug an der letzten Station, Doctor Fels sprang hinaus, ließ fein Gepäck beim Bahnwärter, um es später holen zu lassen, und eilte vorwärts durch die grünen Wiesen, die von den Strahlen der scheidenden Sonne geküßt wurden, dem stillen Forsthause zu-

Die alte Haushälterin prallte entsetzt zurück beim Anblick Arthurs- Sein Vater war noch nicht daheim, so begab er sich

in dessen Arbeitszimmer, wo er erschöpft in einen Armstuhl sank.

Da bin ich nun daheim," flüsterte der junge Arzt mit hohler Stimme,ob es nun besser wird? Aber nein! Dort in dem Winkel haben wir ja als Kinder zusammen gesessen Therese und ich! Sie wollte Bilder ansehen und ich mußte das Buch halten und erklären. Des Vaters Bilderbibel mußte stets von neuem vorhalten; sie entsetzte sich vor dem armen Isaac, welcher gebunden dalag, bis der Engel Gottes seine Be­freiung brachte. Wie lieb sie dabei lauschte, wie die blauen Augen an mir hingen! Ach es sind ja dieselben Augen, die gestern zu mir redeten voll Herzeleid und Gram. Wie ist's möglich, daß ich die Geliebte unglücklich machen, ihren Willen beeinflussen konnte? Fort mit mir elendem Verbrecher, die Kugel ist für mich gerade gut die Hölle erwartet mich."

Draußen begannen mild und feierlich die Abendglocken zu läuten; Arthur bedeckte qualvoll stöhnend das Antlitz mit der Hand.

O, wenn sie doch läuten möchten zu meinem Begräbniß! Wie wäre mir dann wohl! Allmächtiger Gott, ich habe ver­wirkt, zu Dir zu flehen, aber man nennt Dich den Allgütigen habe Erbarmen mit dem verächtlichsten Deiner Geschöpfe!"

Da ging unten die Haurthür auf und des Oberförsters Stimme ward vernehmbar. Die Haushälterin mochte ihm wohl den ungewöhnlichen Besuch mitgetheilt haben, denn jetzt stieg er schnell die Treppe heran und öffnete die Thür- Einen Moment standen sich Vater und Sohn schweigend gegenüber, dann frug der Oberförster ernst und streng:Arthur, Du bist hier? Was ist geschehen? Du stehst aus wie ein Gespenst."

Ich mußte fort aus der Residenz," stöhnte der bleiche Mann,fonst wäre etwas Furchtbares geschehen; frage mich nicht, Vater, ich kann es Dir nicht sagen, aber Du siehst einen Verbrecher vor Dir!"

Da prallte der alte Herr zurück, als habe ihn ein Donner­schlag getroffen, sein Antlitz ward erdfahl, seine Faust ballte sich und die grauen Augen sprühten Blitze.

Einen Verbrecher?" frug er mit unheimlich gedämpfter Stimme.Mein eigener Sohn sollte ein solcher sein? Womit habe ich, der in treuen Diensten und opfervoller Vaterliebe er­graute Mann, solche Strafe verdient? Fort aus meinen Augen! Dies Haus soll auch nicht eine Nacht einen Verbrecher be­herbergen!"

Mein Vater," rief Arthur und aus der traurigen Stimme erscholl es wie ein Klageruf,ist es denn möglich, daß Du Dein eigen Fleisch und Blut von Dir stößest? Sei barmherzig wie es der Gott ist, dessen Namen Du ehrst und dessen Ge­bot der Liebe Du achtest."

Nimmermehr! Ein Verbrecher ist ein Verbrecher und ich kann Dir nicht helfen, kann Dich nicht frei von Schuld machen. Auch bist Du ein Mann. Mein Haus soll rein und tadellos sein wie mein Name und Wandel- Wenn Du bereut und gebüßt komme wieder, vielleicht kann ich Dir dann vergeben."

Jetzt lachte der junge Arzt auf in den gellenden Tönen des Wahnsinns, seine Zähne knirschten aneinander und weißer Schaum trat ihm vor die Lippen.Habe keine Angst, Vater, mein Verbrechen, so schwer und grauenvoll es auch ist, kommt nicht vor den irdischen Richter," sagte er dann höhnisch.Man wird auch kein Urtheil durch den Staatsanwalt über mich verhängen und Dein Name bleibt vor der Welt makellos. Was aber da droben im Himmel der ewige Gott sagen wird zu dem Vater, der den Sohn kalt und herzlos von sich stößt und kein Mitleid mit seinen Seelenqualen hat das soll Dir Dein eigenes Gewissen noch sagen. Ich gehe, doch denke an mich, wenn Du auf dem Sterbebette liegst und Dir das Ge­wissen sagt: Du sollfi nicht fieben Mal vergeben, sondern fiebenzig Mal sieben, denn Gott ist die Liebe."

Der junge Mann war hinausgeeilt, hatte Hut und Stock ergriffen, um so rasch als möglich den Staub des Vaterhauses von seinen Füßen zu schütteln, während der alte Oberförster starr und regungslos hinter ihm drein sah.

(Schluß folgt.)