Ausgabe 
12.12.1893
 
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kommend und herzlich begrüßt wurde, sich aber auffallend zurückzog.

Es war Doctor Arthur Fels, der junge Arzt, der durch seine Geschicklichkeit und Gewandtheit mehr denn je bei der Aristokratiein Mode" kam, ohne indeß sonderlich davon be­rührt zu werden. Er wußte, wer heute das Dornröschen gab und, obwohl er bis heute strengstens vermieden hatte, der ehe­maligen Geliebten zu begegnen, trieb es ihn diesmal mit räthsel« Hafter Gewalt, die Vorstellung zu sehen- Mehr als einmal hatte er munkeln und laut reden hören, daß die Fürstin Sereco nicht glücklich sei; ach, das wußte er ja selbst, wie ste wie eine geknickte Rose neben dem Fürsten hinlebte. Weshalb Fels heute hier war, hätte er wohl nie erklären können vielleicht war es der eine Gedanke, Therese zu sehen und zu sprechen, ihre geliebte Stimme wieder zu hören- Aber wie, brach das nicht von Neuem die unselige, tiefe Herzenswunde auf, die er bislang mit eisernem Willen zugehalten?

Der Vorhang flog auf und die Vorstellung begann. Bild um Bild zog unter Musikbegleitung vorbei; Doctor Fels unter­schied kaum die einzelnen Figuren, er wußte nur, daß Therese noch nicht erschienen war. Und endlich sollte das letzte Bild gezeigt werden: Dornröschen!

Die schöne Fürstin Sereco," ging es von Mund zu Mund. Weiche, sehnsuchtsvolle Töne erschollen vom Orchester und dann theilte sich der verhüllende Vorhang. Ein allgemeines Ah" der Bewunderung wurde laut beim Anblick de» süßen Märchenbildes, welches dort unter üppigem Rosengerank auf schneeigem Lager schlummerte. Therese hatte die Augen ge­schloffen, eine feine Röthe lag auf den zarten Wangen, denn sie mochte keine Schminke darauf leiden, unv dort rechts oben lauschte der Retter, der Prinz, ganz versunken in den holden Anblick, hernieder.

Mit verschränkten Armen »und festgeschloffenen Lippen stand Doctor Fels an einen Pfeiler gelehnt und starrte Dornröschen an. War's denn wirklich die Geliebte, welche er auf ewig verloren? Weshalb durfte nicht er selbst hineilen, um sie zum Leben zum Glück wach zu küffen? Aber nein, es war ja Alles nur ein Traum, ein Wahngebilde, das ihn täuschte, um ihn dann erst recht verzweifelt in die dunkle, öde Gegenwart zurückzuschleudern!

Wieder und noch einmal mußte der Vorhang sich öffnen, um Dornröschen den enthusiastisch Beifall klatschenden Gästen zu zeigen, und als dann die Vorstellung vorbei war, wogten die Damen und Herren aufgeregt plaudernd durcheinander.

Am Arm ihres Gemahls erschien bald darauf die Fürstin Sereco und nun drängten Alle um sie her, daß für den jungen Arzt keine Möglichkeit war, sich ihr zu nähern.

Nach dem Souper wurde getanzt und die älteren Herren, unter ihnen Fürst Sereco, zogen sich zum Spielen in einen der Nebensäle zurück.

Doctor Fels hatte furchtbar mit sich gerungen und der Entschluß stand fest in seiner Seele: er wollte beichten, die Ge­liebte sollte sein Verbrechen erfahren und ihn verdammen oder ihm vergeben! Aber wie zu ihr gelangen? Sie war noch immer umringt von Herren und Damen. Aus der dichtesten Gruppe sah Doctor Fels das blaffe, liebliche Antlitz Theresens, mit dem Rosenzweig im blonden Haar, hervorschauen; da faßte er einen kühnen Entschluß und drängte sich durch. Als sie ihn erkannte, zögerte sie sekundenlang, mit ihm zu sprechen, der Athem versagte ihr, die Schläfen hämmerten fieberhaft, dann aber reichte sie ihm gütig die Hand und sagte:Herr Doctor Fels, ich freue mich, Sie wiederzusehen. Wie geht es Ihnen und Ihrem Herrn Vater?" , r, r

Ich danke, so leidlich. Aber darf ich so kühn sein, Durch­laucht um einen Tanz zu bitten ?" fragte der junge Arzt erregt.

Sie hob das Elfenbeintäfelchen auf und sagte dann bei- stimmend:O gern, ich wollte die nächste Walzertour aus­setzen, weil ich müde bin; wenn es Ihnen recht ist, verplaudern wir dieselbe." , .

Ob es ihm recht war! Als die Paare sich im Tanzfaal ordneten, legte die Fürstin ihre Hand auf seinen Arm und schritt schweigend hinüber nach dem grünen, einsamen Winter­

garten, wo nur das Plätschern des Springbrunnens sich ver­nehmen ließ.

So sehen wir uns wieder, Arthur," flüsterte sie traurig und zum ersten Male blickten die süßen, blauen Augen voll zu ihm empor,was liegt doch in diesem halben Jahre für eine Welt von Schmerz und Weh ohne jeden Sonnenstrahl."

Ja eine Welt von Weh und Schuld," stieß der unselige Mann hervor,deshalb bin ich gekommen, Fürstin, um zu beichten. Ich kann es nicht länger aushalten!"

Was hätten Sie mir zu beichten, Herr Doctor?" frug die Fürstin erstaunt.Sie der mir einst nur Liebe ent- gegenbrachte und nun ebenso leidet, wie ich selbst."

Nein, Durchlaucht, mehr, unendlich mehr, denn ohne mich und meinen Willen wären Sie vielleicht nie des Fürsten Serecos Gemahlin geworden."

Sie schaute ihn verwundert an und ließ sich dann auf einen Divan nieder, Arthur bedeutend, einen Seffel sich näher zu rollen.

Ich kann Sie nicht verstehen, Herr Doctor," sagte sie dann,nur so viel verspreche ich Ihnen schon jetzt: Zmnen werde ich Ihnen niemals, ich müßte Ihnen Alles vergeben!"

Alles?" frug er, stürmisch ihre Hand ergreifend.The­rese, sagen Sie es noch einmal auch wenn ich Sie durch meinen Willen gezwungen hätte zu dieser Ehe?"

Auch dann würde ich Ihnen vergeben, Arthur, denn ich habe ja freiwillig mein Jawort gegeben."

Nein, o nein, das thaten Sie nicht," schrie er so erschüt­ternd auf, daß die bleiche Frau zusammenzuckte.Ich ich war es, der Ihren Willen beeinflußte. Ich beschwor dunkle Gewalten, um Ihren Willen zu verwandeln."

Und nun strömte ein volles Bekeuntniß aus dem Munde des schönen Mannes. Er lag zu den Füßen der Fürstin und preßte das todtblaffe Antlitz in die weichen Seidenfalten ihres Gewandes; nur schwach drangen die Töne der Musik zu Beiden heran, sie waren allein in diesen furchtbaren Minuten. Dann hatte Arthur seine Beichte geendet, ein tiefes Schweigen trat ein, welches ihm wie eine Ewigkeit dünkte, aber er wagte nicht, zu der Fürstin empor zu sehen, denn er fürchtete in ihren Blicken sein Verdammungsurtheil zu lesen.

Aber die schönen blauen Augen der Fürstin schimmerten nur feucht und wehmüthig, mit einem Male bog sie sich vor, legte die Hand auf das theure Haupt Dessen, dem einst ihr Herz gehörte, und hauchte liebevoll:Arthur, o Arthur, hast Du mich jemals wahrhaft geliebt und kannst dennoch denken, daß meine Liebe, meine Freundschaft gänzlich erlöschen möge? Ich habe Dir nichts zu verzeihen; Du hast mein Bestes gewollt, als Du Dein eigen Herz in Stücke rissest Gott segne und schütze Dick dafür immerdar!"

Therese, Du bist ein Engel!" rief Fels, Alles um sich her vergessend, und wollte die Fürstin in seine Arme schließen. Aber erglühend wehrte sie ab, dann wurde sie ganz bleich und ihre Sinne schwanden. Es war zu viel auf ihren zarten Körper eingestürmt und ohnmächtig sank die blonde Fürstin auf den Seffel zurück.

Der Walzer war zu Ende, lachend und jubelnd brängten die Tänzer herein und prallten erschrocken zurück, als sie im Wintergarten die Fürstin Sereco ohnmächtig liegen sahen, neben ihr einige Frauen aus den Garderoben mit Wiederbelebungs­versuchen beschäftigt.

Der Herr Doctor ist fchon nach einem Wagen gegangen und wir haben nach Seiner Durchlaucht in die Spielzimmer gesandt, doch er ließ sagen, er könne nicht kommen, die Frau Fürstin möge nur nach Hause fahren "

Ein liebevoller Gatte," sagte ganz laut und scharf Gräfin Braunau, eine Freundin Theresens,ich werde die arme Kranke heimbringen, Herr Lieutenant, ich bitte um meinen Pelz.

Die Gräfin brachte dann auch die Fürstin nach Hause.

Theresens Erwachen in ihrem eleganten Schlafzimmer war ; qualvoll. Nun wußte sie, weshalb sie damals den räthfelhaften 5 Entschluß gefaßt es war der Wille des ehemaligen Gelteb- ' ten gewesen, daß sie den Fürsten Sereco heirathen mußte. Wie mußte Arthur gelitten haben, ehe er den grauenhaften