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1893.
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Dienstag, den 12. Lecember.
Dunkele Mächte.
Novelle von H. v. Limpurg.
(Fortsetzung.)
Der Frühling war nach schwerem, hartem Winter ge- kommen mit linder Luft, grünumschleierten Bäumen und Sträuchern und den ersten Gänseblümchen, Anemonen und Primeln. Auch in der Residenz athmeten die Bewohner wie erlöst nach langem Winter auf und zogen an sonnigen Tagen hinaus aus den dunklen Häusern, um in Wald und Flur Licht, Luft und Frühlingsweben zu genießen.
Auch in der fürstlich Sereco'schen Billa standen die hohen Spiegelscheiben der Fenster weit offen und im Garten vor dem Treibhaus saß die junge Fürstin mit einer feinen Handarbeit beschäftigt, um den herrlichen ersten Maitag zu genießen. Sie war sehr schön und dennoch lag in dem schwermüthigen blauen Auge, um den feingeschnittenen rothen Mund ein Zug tiefen Leides, müder, stiller Ergebung, der dem Beschauer wehe that. Die junge Fürstin hatte eine bewegte Wintersaison durchgemacht. Gefeiert und ausgezeichnet von der Gesellschaft, dabei stets mit der unsinnigsten, völlig unmotivirten Eifersucht ihres Gatten kämpfend, der grollend über jedes Wort, jeden Blick Therefen« wachte und ihr dann beim Heimkehren die entsetzlichsten Scenen bereitete. Mehr und mehr lernte sie die leidenschaftliche, sinnlich veranlagte, herrische Natur ihres Gatten kennen — und beinahe fürchten. Wenn sie seine scheltende Stimme von Weitem vernahm, überrieselte sie schon ein leiser Schauder und sie mußte stets alle Selbstbeherrschung aufbieten, um ihm ruhig, freundlich gegenüber zu treten. Sinnend saß sie auch heute da, die Arbeit sank in den Schooß und Bild an Bild zog an ihren Augen vorüber, bis sie feucht wurden.
„Weshalb, o weshalb mußte ich ausersehen sein, unglücklich zu werden?" murmelte sie vor sich hin; dann aber erschrak sie vor der sündigen Frage und seufzte nur tief auf.
Bon der Billa her ließen sich soeben schlürfende Fußtritte vernehmen und die junge Fürstin erbleichte, faßte nach dem klopfenden Herzen und murmelte: „Sergei kommt!"
Als ihr Gemahl dann vor ihr stand, arbeiteten ihre weißen Hände emsig weiter.
„O, hier bist Du, Kind," begann er etwas unmuthig, „ich suchte Dich überall, um wegen der Wohlthätigkeitsvorstellung Rücksprache zu nehmen. Man will, daß Du die Dornröschenrolle übernimmst."
„O nein, die gebührt einem ganz jungen Mädchen, etwa
Baroneß Reuhoff, aber nicht einer verheiratheten Frau," erwiderte die Fürstin.
„Aber die Reuhoff hat ein Gesicht roth wie eine Mohrblume und ist klein und dick. Wenn man Dich auswählt, wirst Du nicht Nein sagen, hörst Du."
Es grollte bedenklich in des Fürsten Stimme und Therese kannte ihn zu genau, um einen Sturm herauf zu beschwören. Ruhig legte sie die Arbeit zusammen und stand auf. „Nun wohl, Sergei, wenn Du es wünschest, will ich mich als Dornröschen unter die Rosen zum Schlummer legen. Wer ist dann mein Retter aus dem Zauberbanne?"
„Ach, darüber ist man sich wohl noch nicht einig, jedenfalls ist es mir lieb, daß Du Dich nicht zierst, die Rolle zu übernehmen. In acht Tagen ist die Aufführung, besorge Dir ein weiches, weißes Seidengewand mit Schleppe und Goldgürtel und im Haar eine gleiche Spange."
„Gewiß, das will ich thun," erwiderte die junge Fürstin. „Der Zwischenraum bis zur Vorstellung ist aber wirklich etwas kurz."
„O, in acht Tagen kann man diese Vorbereitungen schon treffen. — Uebrigens, Therese, ich muß Dich noch auf etwas aufmerksam machen," fuhr Fürst Sereco leidenschaftlich fort. „Der Marchese Fuentos von der spanischen Gesandtschaft hat ein Auge auf Dich geworfen. Hüte Dich ihm gegenüber, denn meine Pistolen sind bald geladen und wen ich treffen will — der hat am längsten gelebt."
Hoch und stolz richtete sich die junge Fürstin in die Höhe, ein zürnender Blick traf den Gemahl und sie sagte unwillig, obwohl völlig beherrscht: „Sergei, diese Warnung ist ganz un« nöthig, ich weiß den Namen und Rang, den Du mir gegeben, mit Ehren zu tragen und jede unschickliche Annäherung von mir fern zu halten. Auch kann ich Dir nur versichern, daß noch Niemand je gewagt hat, mich zu beleidigen. Der Marchese Fuentos spricht oft mit mir, aber stets mir Achtung und Zurückhaltung. Dies ist meine Antwort auf Deine Worte."
Und mit vollendeter Ruhe schritt sie an dem eifersüchtigen Gatten vorüber, der hinter ihr drein die Faust ballte und murmelte: „Immer dies Uebergewicht, dieser unsinnige Stolz; wenn ich sie doch einmal demüthigen und über sie triumphiren könnte!"
Der Festtag war gekommen. Die weiten Räume der Kunstakademie schwammen in einem Meer von Glanz und Licht, und eine zahlreiche, glänzende Gesellschaft wogte plaudernd und lächelnd umher. Ein ernster, stattlicher Mann befand sich inmitten derselben, der von vielen Herren und Damen zuvor-


