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Symbol her Vergänglichkeit, so daß es herabrollte, mit dumpfem Gedröhn auf das grüne Tuch, welches die Platte des Schreib- tische» überspannte, fiel und nun gleichsam höhnend zu lächeln schien. —
„Pochst Du auf Dein Recht, alter Freund?" rief Frank mit nervöser Heiterkeit. „Hast auch Recht I Du sollst bleiben, wo Du hingehörst, und mich daran mahnen, daß man dem flüchtigen Augenblick huldigen muß, weil nichts Bestand hat auf dieser Welt. Lust und Verzweiflung, Schuld und Reinheit — Alles deckt ja doch endlich das Grab, und die Zeit breitet den Schleier des Vergessens darüber. —"
Nur wenige Wochen überlebte Frau v. Waldau die Vermählung ihrer Tochter, dann schlummerte sie sanft und schmerzlos, mit einem friedlichen Lächeln um den erblassenden Mund, in die Ewigkeit hinüber. Wußte sie doch das geliebte Kind wohl geborgen, und durfte ohne quälende Befürchtungen ihr müdes Haupt zur Ruhe legen.
Rafaelens grenzenloser Schmerz war durch keinen tröstenden Zuspruch zu mildern, er mußte sich durch seine eigene Gewalt erschöpstu. Wenn eins ihr Linderung zu gewähren vermochte, so war es der Gedanke, sich selbst bezwungen zu haben, um den Willen der nun Verewigten zu erfüllen.
Als Monate vorüber gezogen, sprach Frank mit ihr von seiner Absicht, Clauswitz in ein Sanatorium umzuwandeln. Sie stimmte lebhaft bei. In P. und unter dem streng bewachenden, vorwurfsvollen Blick der Schwiegermutter konnte sie nicht heimisch werden. Die ganze Qual unendlicher Sehnsucht war längst über sie gekommen. Nur wieder die lieben Fluren, die Wälder und Berge sehen, nur wieder die Luft der Heimath athmen!
Viele bauliche Veränderungen mußten mit dem Rittergut vorgenommen werden, und ein Jahr ging darüber hin, bis es, vollkommen und zweckentsprechend eingerichtet, den Hülfe- suchenden geöffnet werden konnte.
Dem Arzt waren inzwischen mehrere Aussehen erregende Kuren gelungen, die seinem Namen auch in weiteren Kreisen Geltung verschafft hatten. Einflußreiche Persönlichkeiten inter- essirten sich infolge dessen für ihn, und man begann ihm lebhafte Beachtung zu schenken. Die Geräumigkeit der neuen Heilanstalt, die herrliche, gesunde Lage, dicht am Wald und fern von jedem störenden Geräusch, machten sie zu einem sehr geeigneten Asyl für Leidende und Ruhebedürftige. Ein Theil de» parkähnlichen Gartens war abgezäunt und stand zu Rafaelens alleiniger Benutzung. Auch die von ihr und Magda bewohnten Gemächer lagen so, daß keine Störung statifinden konnte.
Die alte Frau Frank hatte wacker und unermüdlich dafür gesorgt, daß die vielen Räume de» prächtigen Gebäudes bei aller Eleganz auch nicht der Behaglichkeit ermangelten. Wochenlang war sie treppauf und treppab gewandelt, bald hier einen Rath ertheilend, bald dort etwas anders arrangirend, immer die zahlreichen Arbeitskräfte beaufsichtigend und zur regen Thättgkeit aneifernd. In Clauswitz zu bleiben, lehnte sie jedoch entschieden ab und erwiderte, als Georg noch einmal ihren Vorsatz erschüttern wollte:
„Ich kehre nach P. und in mein kleines Haus zurück. Dort sah ich Dich nicht nur körperlich, sondern auch geistig emporwachsen, au« jeder Ecke winkt mir so zu sagen eine liebe Erinnerung, und dann, daß ich es nur gestehe, in Deinem häuslichen Leben giebt es gar Vieles, was mir mißfällt. Es ist nicht Alles, wie es fein sollte, zwischen Dir und Rafaele. Ich bemerkte —"
»Sie liebt mich nicht, hat mir aber auch niemals Liebe geheuchelt. Ich bin zufrieden," unterbrach er mit einer gewissen Barschheit.
„Ich kenne Dich zu genau, um Dir in dieser Hinsicht Glauben zu schenken," entgegnete die Wittwe. „Jndeß ein Mann von Deiner Energie wird sich auch mit dem selbst ge- wählten Loose abzufinden wissen. Für Dich, den viel gesuchten Arzt und Gelehrten, giebt es ja auch Wichtigeres zu thun, als zu den Füßen eines schönen Weibes zu sitzen. Meinem zärtlichen, stolzen Mutterherzen will es aber nicht wohl werden in der Eisatmosphäre, welche in Clauswitz weht, deshalb ist -
es besser, wenn ich gehe. Es könnten sonst vielleicht einmal bittere Worte zwischen mir und Rafaele fallen und noch größere Entfremdung herbeiführen. - Du stehst übrigens sehr angegriffen au», mein lieber Sohn."
„In letzterer Zeit flieht mich häufig der Schlaf. Aber das braucht Dich nicht zu beunruhigen. Wenn er sich zu kommen weigert, so werde ich ihn zwingen Mittel stehen mir ja zu Gebote. Doch lassen wir da» Alle», um uns von Angenehmerem zu unterhalten. Hier, lies! Mehrere Besprechungen meines kürzlich veröffentlichten Werkes!"
Die alte Frau überflog die dargereichten Berichte.
„Kann ich diese Zeitungen behalten?" fragte sie.
„Natürlich."
„Schön! Lebewohl!"
Noch einmal nahm sie feinen Kops zwischen ihre großen, weißen Hände, wie er schon ihre Gewohnheit gewesen, als Georg noch im Kindesalter stand, und küßte wiederholt seine hohe Stirne.
„Auf Wiedersehen, mein Sohn! Bleibe nur hier. Du brauchst mich nicht zu begleiten. Wir haben uns so viel herzlicher verabschiedet, als vor Zeugen. Vergiß nicht: In dem einsamen Häuschen in P. wohnt Eine, die jederzeit ihre Seligkeit für Dich hingeben möchte."
„Willst Du Rafaele nicht nochmals sehen?"
„O ja. Ich gehe zu ihr. Suche mich bald auf, Georg."
„Gewiß, Mutter."
Die Wittwe schritt in den rechten Flügel des Gebäudes hinüber, klopfte an eine Thüre, öffnete aber, ohne das übliche „Herein!" abzuwarten.
Die junge, am Fenster sitzende Frau wandte sich erstaunt zu ihr. „In Reisetollette, Mama?" fragte sie, „Du willst uns so plötzlich verlassen?"
„Ich denke, es wird mich hier Niemand entbehren," lautete die kühle Antwort. „Meinen Sohn führt sein ärztlicher Beruf so oft nach P., daß wir uns wenigstens allwöchentlich begrüßen können — und Du hast ja Deine Freundin Magda."
„O, aber ich sehe Sie sehr — sehr ungern scheiden!" rief das Mädchen, welches in dem erkerartigen Vorbau auf einem gestickten Schemel kauerte, emporspringend. „Mir ist es, als dürfe uns Ihr klarer Blick, Ihr entschiedenes Eingreifen in so Vieles nicht fehlen — als verlöre ich einen Schutz, eine Stütze in Ihnen."
„Beides werden Sie in Georg finden, mein Kind," sagte die Wittwe ruhig. Ihrem kühlen Verstand war dar leidenschaftliche, aufgeregte Wesen der Waise, aus deren dunklen Augen eine gleichsam aus Gluth gewobene Seele leuchtete und den schwachen Körper zu verzehren drohte, unbegreiflich. Das schmale, blasse, von nachtschwarzen Haarmassen umwallte Gesichtchen hatte etwas dämonisch Unheimliches und doch zugleich den Ausdruck kindlicher Schüchternheit und Hülflostgkeit.
„Hast Du diese Berichte über da» Werk meines Sohnes gelesen?" fuhr die alte Dame, zu Rafaele gewandt, fort, ihr die Zeitungen zeigend.
Ja" _
„Und? — — Weißt Du nichts darüber zu sagen?" „Ich freue mich seines Glückes."
(Forssetzung folgt.)
GeinsinirÄtziges.
Das Pflanzen der Rosen kann von Mitte October an bi» zum Frostwetter vorgenommen werden. Nachdem eine circa anderthalb Fuß tiefe und circa 2 Fuß breite Grube aufgeworfen, wird mit guter, lockerer Erde wieder so viel zugefüllt, daß der nur wenig zu beschneidende Wurzelstock in die gehörige Tiefe kommt. Es ist besser, zu tief als zu hoch pflanzen. Nachdem die Wurzeln mit lockerer Erde bedeckt, wird dieselbe fest angetreten und mit der übrigen Erde die


