Nr. 120
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1893.
UntevhaltUNgsblatt zunr Gietzeirev Anzeigen (Gsnevtrl-Anzeigev)
Donnerstag, den 12. Oktober.
Dunkle Mächte.
Novelle von B. Corony.
(Fortsetzung.)
Schmerzlich erstaunt sah ihr die arme, unglückliche Braut nach und kehrte dann in das Haus zurück.
Frank, im Begriff, fortzugehen, trat ihr auf der Schwelle entgegen.
„Theure Rafaele!" rief er, die Arme ausbreitend.
Sie wich zurück. „Mir wurde eben ein bitteres Weh zugefügt. Mazda weigert sich, mich zu begleiten."
„Dieser allerdings unerklärliche Widerstand wird leicht zu beseitigen sein," erwiderte er. „Aber können wir das Mädchen nicht entbehren?"
„Ich bin von Kindheit an an sie gewöhnt und würde mich nur schwer von ihr trennen."
„Dann muß sie diesen kindischen Eigensinn aufgeben." „Muß? — Nicht Alles läßt sich erzwingen." „Nein, aber ungerechtfertigter Trotz ist zu besiegen." „In diesem Falle bezweifle ich er."
„Eine vorübergehende Launenhaftigkeit, nichts weiter, sage ich Ihnen."
„Möchten Sie Recht haben!"
Langsam, als hätten ihre Glieder alle jugendliche Elasticität verloren, stieg sie die Treppe empor. Der Arzt blickte ihr nach, ging dann in den Garten, durchstreifte mehrere Alleen und fand die Waise in einem kleinen Kiosk sitzend. Sie wandte den Kopf nicht, erkannte aber den Tritt des Nahenden. Immer trotziger und unfreundlicher wurde der Ausdruck ihres sonst so anmuthigen Gesichts, immer finsterer zogen stch die schwarzen, kühn geschwungenen Brauen zusammen — und dann erzitterte plötzlich ihr ganzes, kleine», schmächtiges Figürchen, als sie ihren Namen nennen hörte. Sie antwortete nicht darauf und machte keine Bewegung.
„Mazda, ist es wahr, daß Sie von Ihrer Schwester und Freundin scheiden wollen, wenn diese meine Gattin wird?" fragte er, sich zu ihr herabbeugend.
„Ja, es ist wahr!"
Rauh, kalt, unhöflich klangen die Worte.
„Warum?"
„Ich brauche keinen Grund anzugeben."
„Sie werden es aber dennoch thun!"
Da wieder dieser seltsame, halb bittende, halb befehlende Ton, der immer so wunderbaren Einfluß auf sie ausübte. Aber Mazda sträubte stch mit übermenschlicher Gewalt, zu
unterliegen. „Ich werde es nicht thun!" stieß sie zwischen den schimmernden Zähnen hervor. „Ist nichts auf der Welt mein, so besitze ich doch einen freien Willen. Ich folge Rafaele nicht! Wozu bedürfte sie meiner, und was sollte ich in dem fremden Hause? Frei will ich sein! Endlich, endlich frei!"
„Wer beeinträchtigt Ihre Freiheit? — Aber ein gegebene» Wort müßte doch unter allen Umständen gehalten werden," sagte Frank mit großer Schärfe.
„Ich verpfändete da» meine nicht!"
„Es thut mir leid, Sie an etwas erinnern zu müffen, was ich Ihrem Gedächtniß fest eingeprägt glaubte."
„Woran Sie mich mahnen wollen, ist mir unverständlich."
„Sie versprachen mir einst, wenn ich je eine Bitte an Sie richten sollte, diese zu erfüllen, vorausgesetzt, daß es in Ihrer Macht liegt und sich mit Ihrem Gewissen verträgt."
„Davon weiß ich nichts."
„Sie leugnen es?"
„Ja! Denn ich bin mir bewußt, nie eine derartige Aeußerung Ihnen gegenüber gemacht zu haben."
„Sie wollen sich nicht erinnern."
„Nein; ich erinnere mich nicht."
„Das ist unwahr!" wiederholte er, sie scharf fixirend, und, als wohne seinem Blick magnetische Anziehungskraft tnne, mußte sie nun auch den ihren erheben, während die zuckenden Lippen stammelten:
„Nein, nein."
„Und doch!"
„Wann hätte ich das gethan?"
„Ihr Gedächtniß bedient sie schlecht, Fräulein. Erinnern Sie stch!"
Sie hätte die Augen abwenden mögen und vermochte es doch nicht. Ihre ganze Willensthätigkeit begann allmählich zu erlahmen. Das feine Köpfchen bog sich weit in den Nacken zurück, und ein Ausdruck peinlichen Zweifels war in dem kindlichen Gesichte zu lesen.
„Denken Sie doch nach. Ich weiß ganz genau, wo und wann Sie mir dieses Versprechen gaben."
„Ich that — es — nicht--," erwiderte sie noch
einmal mechanisch, aber zögernd und unsicher, wie Jemand, der seiner Sache selbst nicht gewiß ist.
Frank legte die Hand auf ihre Stirne. „Ich will Ihnen zu Hülfe kommen. In dem Zimmer, wo Sie lange krank lagen, ist es geschehen. Wie die Taube vor dem Habicht, so zitterten Sie vor dem Tode. Zum ersten Male wieder, als eine dem Leben Neugeschenkte, am Fenster stehend, sprachen Sie warme Worte und wiederholten unaufhörlich: „Könnte ich nur etwas thun, um Ihnen, der mich dieser schönen, entzückenden Welt er-


