Ausgabe 
11.11.1893
 
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Gehör fehlen dem Lebewesen der untersten Thierklaffen. Erst bei den Insekten beginnt jene Lebhaftigkeit der Bewegungen, jene Regsamkeit der Instinkte und Lebensäußerungen, jene Mannig- falt^keit der Handlungen, welche uns unwillkürlich Vergleiche mit menschlicher Thätigkeit anstellen läßt.

Bisweilen besteht der Instinkt dieser Thiere in einer List, mit der sie andere Thiere zu täuschen und zu fangen suchen. So gräbt der Anceisenlöwe, ein unfern Bienen verwandtes In­sekt, ein tonnenförmiges Loch in den Sand, um hier auf eine Ameise oder ein anderes Thier zu warten, das sich an den Rand der Schlucht verirrt- Kaum wird der Ameisenlöwe des sorglosen Wanderers ansichtig, so überschüttet er ihn mit einem Regen von Sand, der im Zurückrollen die sichere Beute mit sich herabreißt und dem schlauen Jäger überliefert.

Während hier die List von Seiten des Angreifers ausgeht, wird sie zuweilen auch von dem verfolgten Thiere angewandt. So spritzt der Bombardierkäfer, wenn ihm ein Feind auf den Fersen ist, diesem einen übelriechenden Saft mit lautem Knall entgegen. Erschrocken hält der Verfolger in seinem Lauf inne, der Saft, der sich sofort in eine Dampfwolke verwandelt, reizt seine Geruchsnerven und benebelt seinen Blick. Unterdessen eilt der Bombardierkäfer geschwind hinweg und überläßt dem ge­täuschten Feinde das Nachsehen.

Viele Insekten geben einen schrillen Laut von sich, wenn sie angefaßt werden. Kinder fangen häufig ein solches Thier und halten es mit den Fingern fest, um es zu besichtigen, allein erschrocken werfen sie es von sich, sobald dieser pfeifende Ton sich hören läßt. Aber auch gegen ländere Feinde wird dieser grelle Laut ein wirksames Einschüchterungsmittel. Viele Bock­käfer, dann aber auch zum Beispiel der Todtenkopf, der be­kannte Schmetterling haben diese Eigenthümlichkeit.

Die Fische sind im allgemeinen weniger regsam und ihr Instinkt zeigt selten merkwürdige Aeußerungen. Indessen giebt es auch hier einige interessante Erscheinungen. Im Ganges lebt ein Fisch, der sogenannte Bogenschütze, der sich von In­sekten nährt, deren er jedoch wegen seiner Langsamkeit auf ge­wöhnliche Weise nicht habhaft werden würde. Er spritzt nun einen Strahl Wasser, oft mehr als einen Meter weit nach den Kerb- thieren, die auf Wasserpflanzen im Fluße oder am Ufer sitzen, und die er dadurch ins Wasser schleudert. So sicher ist der Fisch in seiner Kunst, daß er selten seine Beute verfehlt, ja sogar die Insekten, die über das Wasser hinfliegen, holt er mit seiner seltenen Schußwaffe aus der Luft herunter. Wie kunstreich der Fisch bei seiner Jagd verfährt, das geht auch daraus hervor, daß man ihn auf Java, wo er ebenfalls vor­kommt, in Bassin» im Zim ner hält und ihm auf kleinen Schiffchen oder auf Stangen Insekten zuführt, an denen er dann zur Belustigung der Javaischen Alten und Jungen seine Künste probiert.

Ein anderer Fisch, der Stichling, ist dadurch äußerst merk­würdig, daß er einen Instinkt besitzt, welcher sonst fast aus­schließlich den Vögeln eigenthümlich ist. Er baut sich nämlich von Wafferpflanzen ein Nest und zwar mitten im Waffer. In diese» Nest legt der Fisch seine Eier und hier suchen auch die jungen Thierchen Schutz, wenn sie von einem Feinde verfolgt werden.

Bei de« Vögeln bietet der Nestbau für uns nichts Unge­wöhnliches, aber auch hier zeigt sich der Instinkt der Thiere mitunter in sehr merkwürdigen Formen. So baut ein im Orient lebender Vogel, Silva sutoria, sein Nest mitten auf einem Baumblatte und näht dieses '.fest zusammen, daß da» kleine Heim vollständig umhüllt und vor allen Angriffen ge­sichert ist. Zum Nähen bedient er sich eine» Cocon» Baum­wolle, die er in feine Fäden zieht. Mittelst seines Schnabels pickt er dann Löcher in das Blatt und schlingt die Fäden durch, so daß eine richtige Naht entsteht. Eine andere Art von Vögeln, die am Cap der guten Hoffnung lebenden sogenannten Republikaner, bauen ihre Nester gemeinsam, und zwar setzen sie dieselben dicht aneinander. Dadurch entsteht eine ganze

Kolonie von Wohnungen, und um so einheitlicher wird diese Nesterkolonie, als sie mit einem gemeinschaftlichen Dache bedeckt wird. So bekommt der ganze Bau das Aussehen einer ein­zigen großen Hütte, die zwischen den Aesten eines Baumes er­richtet ist. Die Eingänge zu den einzelnen Nestern befinden sich auf der unteren Seite, so daß die Thiere nur fliegend in dieselben gelangen können. (Schluß folgt.)

Citevcrvisches

Fürstenblut, Roman in 2 Bänden von Maurus Jokai. Verlag der Druckerei und Verlagshaus Stuttgart, Dr. Foerster & Cie. Gehestet Mk. 6., elegant gebunden Mk, 7.50. Jokai, der gefeierte ungarische Dichter hat weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus, überall in der gebildeten Welt zahlreiche Verehrer gefunden; die meisten seiner Schöpfungen wurden in viele Sprachen übersetzt und sind zu den be­liebtesten unter der Fülle der neueren Erscheinungen der Romanlitteratur zu zählen. Ein Meister in der Erzählungskunst, weiß er wie nur Wenigs interessant und spannend zu schildern und den Leser von An­fang bis Ende zu fesseln. Hievon zeugt auch der uns vorliegende zwei- bändige RomanFürstenblut". Die demselben zu Grunde gelegten historischen Namen und Thatsachen sind wie in den Panoramen ein Stück Wirklichkeit, berufen, den Leser in das Reich der Täuschung hinüberzuleiten. Die Helden des Romans sind die beiden Söhne des Fürsten Räkvczy, Josef und Georg. Die vielfachen Schicksalsschläge und Prüfungen aller Art, die schon in früher Jugend an den jüngeren Georg herantreten und auch noch später seinen Lebensweg kreuzen, geben dem Verfasser Gelegenheit, seine Phantasie frei schalten und walten zu lassen. In der Schilderung des damaligen Wiener Lebens mit all' seinen Licht- und Schattenseiten, in dessen Strudel auch Georg hinein­gezogen wird, zeigt sich Jokai als Meister. Hier ist er in seinem Ele­mente. Bis ins Kleinste genau, mit allen ihren Vorzügen und Schwächen und mit dramatischer Lebendigkeit sind alle seine Gestalten gezeichnet, alles an ihnen ist Leben und Handlung. Wie Georg durch Anhänger seines Vaters den Verführern in Wien entrissen, dann unter Zigeuner geräth und aus deren Händen befreit wird, bis er endlich die ihm längst zuerkannten Güter seines Vaters in Sizilien erhält; alles daS weiß der Verfasser meisterhaft in höchst fesselnder Weise vor Augen zu führen. Wir können den Roman aus vollster Ueberzeugung als her­vorragend empfehlen. Der Uebersetzer hat seine Aufgabe mit großem Geschick gelöst und selbst die schwierigsten Stellen mit feiner Empfindungs- gabe wiedergegeben, das Buch ist durchweg fesselnd geschrieben, so daß es jeder Leser, wie auch wir, befriedigt aus der Hand legen wird. Die innere und äußere Ausstattung des Buches verdienen gleiches Lob, gutes Papier und besonders klarer Druck kommen demselben, wie auch der mäßige Preis von Mk. 6.--, für 2 starke Bände vorteilhaft zu statten.

Das Frauenbuch, ein ärztlicher Rathgeber für die Frau, in der Familie und bei Frauenkrankheiten von Frau Dr. med. H. B. Adams, praktische Aerztin in Nordrach. Mit zahlreichen Abbildungen. Vollständig in 14 Heften ä 50 Pfennig. Ohne Zweifel erregt dies soeben im Süddeutschen Verlags-Institut in Stuttgart erscheinende Werk berechtigtes Aufsehen, handelt es sich doch um eine in der ganzen Weltlitteratur noch nicht vorhandene Erscheinung und zwar um nichts geringeres als das erste frauenärztliche Buch für den praktischen Ge­brauch. Zum erstenmale giebt hier eine Aerztin, deren Ruf durch ihre langjährige berühmte Praxis schon in weite Kreise gedrungen ist, den Frauen aller Stände Aufschluß über die Kenntnisse, welche für jede Frau, die ihren Beruf als Gattin und Mutter wirklich erfüllen will, unbedingt nothwendig sind. In leichtfaßlicher Sprache, durch viele Ab­bildungen erläutert, behandelt die Verfasserin im Haupttheil alle Frauen­krankheiten und zeigt das Jnhaltsverzeichniß, wie eingehend und er­schöpfend dieser Theil bearbeitet ist. Ferner aber und das verleiht dem Werk einen noch höheren Werth giebt die Verfasserin genaue Aufklärungen darüber, wie die Krankheiten zu verhüten sind, was zu thun und zu lassen ist, um Körper und Geist durch naturgemäßes Leben vor nachtheiligen Einwirkungen zu schützen, und macht mit tiefem Ver- ständniß wie eben nur die Frau der Frau sagen kann auf die­jenigen Gefahren aufmerksam, deren Nichtbeachtung der Thätigkeit der Hausfrau und Mutter leider so oft vor der Zeit ein Ziel setzen kann. Durch diese Belehrungen wird die Frau in den Stand gesetzt, bei allen Gesundheitsfragen und Krankheitsfällen, auch ohne sofort den Arzt zu brauchen, ohne Verzug helfend eingreifen zu können. Von welch enormer Wichtigkeit daher dasFrauenbuch" für jede Frau ist, wie viel Heil und Segen es in jeder Familie stiften wird, braucht kaum noch hervor­gehoben zu werden, zumal unsere heutigen Lebensverhältnisse die Kennt- niß dieses geradezu reformatorisch bedeutungsvollen und nothwendigen Buches jeder Frau doppelt zur Pflicht machen. Dasselbe ist in jeder Buchhandlung zu haben.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.