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thörichten Laune willen, einer sentimentalen Anwandlung halber brichst Du Dein Wort gegen das edle Mädchen?"
„Sei gerecht, Mutter," sprach Curt; „Aller, war ich ge- than, that ich aus Liebe zu dem schönsten, reinsten Mädchen, das ich je gesehen!"
„Darf ich den Namen dieses Mädchens erfahren, das Dich so berückt hat?" fragte seine Mutter mit einem leisen Anflug von Spott.
„Martha von Scherwiz, der Gräfin Pflegetochter, ist es," antwortete ihr Sohn. „Mutter, ich bitte Dich, sage gegen mich, was Du willst, aber ihrer schone. Ich liebe sie und sie wird die Meine."
„Nie! Mit meiner Zustimmung nie!" rief die Gräfin im höchsten Zorn. „Ich verbiete eine solche Thorheit; ich bestehe darauf, daß Du Deinem Worte gegen Melanie treu bleibst, daß Du dieses sirenenhafte Mädchen vergessen lernst."
„Halt!" unterbrach Curt sie mit finster zusammengezogener Stirn. „Kein Wort gegen sie! Selbst der Mutter gegenüber hat die Geduld eines Mannes ihre Grenzen."
„Auch Rücksicht, wie es scheint," versetzte die Gräfin. „Curt, wenn ich glauben könnte, Du sprächest im Ernst, so wäre ich tief, tief bekümmert. Denke reiflich über die Sache nach und komme dann wieder zu mir. Jetzt will ich kein Wort weiter hören."
Und mit einer stolzen Bewegung entließ die Gräfin ihren Sohn.
Zwölftes Capitel-
Gräfin von Roddeck fühlte sich durch die Lösung von Curts Verlobung und seiner Absicht, sich mit einer jungen Dame zu verbinden, deren Herkunft völlig unbekannt war, in ihrem Stolze tief verletzt.
Doch die Liebe zu ihrem einzigen Sohne stand ihrem Stolze kaum nach, so daß dieser, als er sich nach einer schlaflosen, aufregenden Nacht am nächsten Morgen zu ihr begab und an ihre große Liebe zu ihm appellirte, erreichte, was er so sehnlichst wünschte; die Gräfin söhnte sich mit ihm aus und gab endlich, wenn auch nach langem Widerstreben, ihre Einwilligung zu seiner Heirath mit dem Mündel der Gräfin.
„Doch nur unter gewissen Bedingungen," sagte sie. „Du darfst nicht vergessen, daß Martha nur das adoptirte Kind der Gräfin Scherwiz ist. Ich will nichts gegen die junge Dame sagen, ich glaube, sie ist eine entfernte Verwandte der Gräfin, — doch muß ich darauf bestehen, daß uns alle Einzelheiten über ihre Geburt und Verwandtschaft klargelegt werden. Das ist nicht mehr als recht und billig — das Haus Roddeck hat nie unter seinem Range geheirathet."
„Gewiß, Mutter," stimmte Curt ihr bet; „wie ich gehört habe, ist Martha die Tochter der intimsten Freundin der Gräfin Scherwiz; doch werde ich dieser morgen meine Aufwartung machen und Dir dann alles Gewünschte mittheiien."
Doch als Curt sich am folgenden Tage zur Mittagsstunde der Scherwiz'schen Villa näherte, schien dieselbe von einer befremdenden Stille umgeben- Die Balkonthüren waren geschloffen und der Diener, der Curt die Thür öffnete, sah auffallend ernst aus-
Auf Curts Frage nach der Gräfin ward ihm die Mittheilung, daß dieselbe schwer erkrankt sei. Sie sei am vorhergehenden Abend plötzlich von einem schweren Anfall ergriffen worden, von dem sie noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen sei. Die Comteffe habe die Gräfin noch keinen Moment verlassen-
Wie in einem Traum befangen wandte sich der junge Graf zum Gehen. Die Sonne erglänzte so hell, in den Straßen herrschte reges, munteres Treiben; die ganze Luft schien Leben, Glück und Frohsinn zu athmen, nur über dem Hause, das sein Liebstes barg, hing eine dunkle, schwere Wolke.
Curt kehrte nach Hause zurück; er schrieb an Martha, daß ihre Sorge auch seine Sorge sei, und bat sie, sie mit ihr theilen zu dürfen. „Nicht wahr," schrieb er, „ich darf heute Abend kommen, um Dich ein wenig zu trösten?"
Eine schwere Wolke hing über dem Scherwiz'schen Besitz- thum. Die Dienerschaft ging geräuschlos einher und sprach nur im Flüsterton. In dem Zimmer neben dem Krankenzimmer fand eine ernste Berathung berühmter Aerzte statt.
Die Kranke selbst lag bleich und regungslos auf ihrem Lager, über ihre farblosen Lippen kam nur ein schwacher, matter Athem.
Die ganze Nacht hindurch hatte Martha an ihrem Bett gekniet uud der Kranken Kopf und Hand mit heißen Thränen genetzt und sie bei den zärtlichsten Namen gerusen; aber alles Weinen und Flehen war umsonst, die Gräfin sollte nie wieder den Klang dieser so innig geliebten Stimme hören.
„Muß sie denn sterben?" rief Martha ganz verzweifelt. „Gibt es denn nichts, das sie retten kann?"
Die Personen, welche Martha so fragte, wandten sich mit bekümmertem Antlitz von ihr, denn sie wußten, daß die junge Dame allein in der Welt stand, wenn die Gräfin tobt war.
Martha war fast von Sinnen über den so plötzlich über sie hereingebrochenen Kummer. Gestern hatten noch Hoffnung und Liebe sie so beglückt, wie ein goldener Strahl hatte es sich, wie es schien, vom Himmel auf sie herabgesenkt. In demselben Augenblick, wo sie nur daran dachte, ihr neugefundenes Glück mit ihrer Adoptivmutter zu theilen, hatte sie ein heftiges Klingeln gehört, dann einen lauten Schrei, und wie sie und die Dienerschaft herbeigeeilt waren, hatten sie die Gräfin bleich und besinnungslos am Boden gefunden.
„Hat die Gräfin keine Angehörigen, die man benachrichtigen könnte?" fragte der Arzt-
„Meines Wissens nicht," antwortete Martha, „Mama hat mir schon öfters gesagt, daß sie keinen einzigen Verwandten in der Welt besitze."
Als der Abend kam, bat der junge Graf seine Mutter, daß sie ihn begleite.
„Die Gräfin liegt im Sterben," sprach er, „und Martha hat Niemand zur Seite; wir müssen gehen, sie zu trösten, Du darfst mir diese Bitte nicht abschlagen, Mutter."
(Fortsetzung folgt.)
Merkwürdige Jnstinkthandlungen der Thiere.
Von Dr. Curt Grottewitz.
------- (Nachdruck verboten.)
Wohl ist die Natur in allen ihren Einzelheiten ein unerklärlich Reich von Wundern; jeder einfache tägliche Vorgang, das Wachsen eines Blattes, die Bewegung eines Thieres ist für uns im letzten Grunde etwas ebenso Unbegreifliches wie die Entstehung der Wärme oder der Electricität. Allein wir haben uns an gewisse Dinge, eben weil wir sie täglich sehen, so gewöhnt, wir finden sie so natürlich, als hätten wir ihr innerstes Wesen erfaßt. Dagegen giebt es gewiffe Vorgänge in der Natur, die uns aufs Höchste frappieren. Obwohl nicht wunderbarer als jene alltäglichen Wunder des Weltalls, weichen sie doch von dem Gewohnten außerordentlich ab, sie treten nur selten auf, oder aber sie haben irgend welche Beziehung zu unfern Schönheitssinn, zu unferm geistigen Interesse oder irgend welche Aehnlichkeit mit menschlichem Thun und Treiben.
Gerade in letzterer Hinsicht ziehen uns viele Jnstinkthandlungen der Thiere immer von Neuem wie seltsame, außergewöhnliche Phänomene an. Während wir von dem Thiere ge« wohnt sind, daß es läuft, wie der Weg es führt, daß es seine Nahrung nimmt, wo sie gerade steht, begegnen uns zu unserer Ueberraschung hie und da die merkwürdigsten Jnstinktäußernn- gen, die einen weiten Blick, ein Streben nach einem entfernten Ziel, ein zweckmäßiges, zielbewußtes Handeln bekunden, wie wir es sonst nur beim Menschen finden.
Bei den niederen Thieren vollzieht sich das Leben in dem gewohnten Kreislauf. Stumpfsinnig und träge, führen sie eine Art Pflanzendasein, selbst die höheren Sinne wie Gesicht und


