Unterchaltnnssblatt jutn Gieszenev Anzergev (Genepal-Anzerg^)
18V 3.
Nr. 55
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Donnerstag, den 11. Mar.
Am Walde.
Die Größe der Schöpfung, das Reich der Natur, Der Mensch kann es nimmer ergründen;
In jeglicher Blume auf blühender Flur Sind mancherlei Räthsel zu finden!
Im Walde! Im Walde! da ist es so schön, Da herrscht ja die Göttin der Freude;
Laut schallet die Büchse in Thälern und Höh'n, Dazwischen tönt Dörfchens Geläute!
Da singen die Vögel ihr fröhliches Lied Und preisen die göttliche Liebe;
Durch blühende Felder der Hirte hinzieht, — O, daß es doch immer so bliebe!
Im Walde, da athmet so frisch und so frei
Das Herz in so munteren Schlägen,
Man fühlt sich so jung — ob das Alter auch sei, — Fühlt freudig die Brust sich erregen!
D'rum lustig hinaus in den herrlichen Wald, Entfliehet dem düsteren Hause, Und pflücket die Blumen, sie welken so bald, Mit fröhlichem Herzen zum Strauße-
Da rauschen die Winde, vom Zephyr bewegt, Geheimnißvoll, ernst durch die Bäume, Und mächtig ergriffen, so seltsam erregt, Umschweben uns mancherlei Träume.
Wir denken der lange entschwundenen Zeit,
Den eh'mals so glücklichen Sonnen;
Wir denken an Alles, was einst uns gefreut, — Schon lange verrauscht und zerronnen!
Da rieselt die Quelle melodisch dahin
Und lächelt im silbernen Glanze, — So sehen wir Alles im Leben entflieh'», Nie rasten die Wellen im Tanze.
Da knüpfet die Freundschaft manch' -inniges Band, Und fesselt in Eintracht die Herzen, Sie bietet im Kummer die liebende Hand Und lindert und heilet die Schmerzen. —
D'rum eilet zum Walde, da ist es so schön, Noch lächelt der Frühling uns heute, Wenn Stürme erbrausen, die Blüthen verweh n, Dann ist auch verklungen die Freude!
Th- Loos.
Liebe um Liebe.
Novelle von Carl Cassau.
(Schluß.)
Ein herrlicher Augustmorgen lagerte über der Erde; es war, als wollten sich Himmel und Erde vermählen. Da fuhr Lothar mit Alexandrine in die Stadt. Letztere wollte Einkäufe machen, ihr Gatte aber sich ein wenig zerstreuen.
Beim Cafs Sterzinger stieg Lothar ab, nachdem er mit Alexandrine verabredet, daß man sich in einem Modemagazin nahe bei dem Dom um zwölf Uhr treffen wolle. Der Wagen fuhr ab, Lothar winkte der Gattin nochmals zu, stieg die paar Stufen hinauf und fuchte sich eine schattige Stelle der Veranda, wo er halb verborgen- saß. Er bestellte sich ein Glas Bier und las die neuesten Zeitungen.
Nach und nach füllte sich das Local. Säbel klirrten und nicht weit von Lothar setzte sich Guido von Gilzingen mit mehreren Kameraden nieder, ohne Hiller zu gewahren.
Man plauderte von Pferden, von Hunden, von schönen Mädchen, vom Ballet und einigen neuen Fällen der Scandal-
In diesem Augenblicke fuhr Alexandrine, die ihre Absicht geändert, wieder vor dem Cafs vorbei, indem sie sich, um Lothar zu sehen, weit vorbeugte. „ , r L .
9 Sich', Deine alte Flamme, Gilzingen!" rief da einer der
^ Gilzingen lachte cynisch und entgegnete dann prah eck,: „Beim Mars, wahrhaftig! - Wenn chr Gatte doch wüßte, daß ich den ersten Nektar von ihren Lippen schlürfte, er würde rasend werden, wie Roland und Am; aber der Narr schreibt jetzt gewiß lauter — Alexandriner!''
Die Uebrigen belachten den Kalauer. Da stand Lothar mit flammendem Antlitz vor dem erschrockenen Gllzingen.


