- 218 -
„Elender," donnerte er, „Bube, der die Geheimniffe eines liebenden Frauenherzens zu Markte trägt! Nimm das!" Hiller warf Gilzingen die Handschuhe in's Gesicht und wandte sich um-
Ein wirres Durcheinander entstand. Gilzingen wollte sich auf Lothar stürzen, der ihn mit unterschlagenen Armen erwartete, aber die Kameraden stellten sich dazwischen, hinderten aber nicht, daß Gilzingen schrie: „Das sollen Sie mit Ihrem Leben büßen!"
Lothar lächelte fein und sagte ruhig: „Seien Sie Der# sichert, daß ich Sie auch nicht schonen werde! Schicken Sie Ihren Zeugen gefälligst zu Doctor Löwe!"
Er grüßte und entfernte sich mit stolzem Schritt.
„Wie dumm, Gilzingen!" schimpfte jetzt Oberlieutenant Braga. „Sich so aus der Ruhe bringen zu lassen, daß Du um den ersten Schuß kommst!"
„Du hast recht, Braga," gab Gilzingen zitternd vor Wuth nun zu, „bitte, sei Du mein Secundant!"
„Mit Vergnügen!"
„Fordere ihn auf Pistolen, morgen früh acht Uhr im hin« tersten Theile des Prater!"
„Wie Du wünschest! Wie viele Kugeln?"
„Bis einer von uns ein todter Mann ist!"
„Gut! Distanz, Kamerad?"
„Zehn Schritte, ohne Avanciren!"
„Wohl!"
Die Sache war erledigt, aber ein ergrauter Rittmeister von den Dragonern raunte Gilzingen zu: „Nimm's nicht so leicht, Gilzingen; dieser Dichter soll sich auf etwas mehr als bloße Versfüße verstehen!"
„Vielleicht auf's Laufen!" meinte Gilzingen, über den eigenen Witz lachend.
Der andere Rittmeister entgegnete ernst: „Nein, auf das Fallenmachen! Wenigstens hat er auf der Universität einen Uebermüthigen mit der Pistole zu Fall gebracht und einem Zweiten mit dem Säbel eine solche Zeichnung vor der Stirn eingeschnitten, daß man an seinem Muthe nicht zweifeln kann I"
Damit wandte er sich ab. Vergeblich suchte Gilzingen den langen Tag über seine Ruhe wieder zu gewinnen, denn er zitterte krampfhaft erregt. Seine Unruhe verrieth denn auch Fioretta, daß er etwas vorhabe, was das Licht scheue. Als echte Italienerin beobachtete sie ihn deshalb mit Mißtrauen auf Schritt und Tritt.
Lothar dagegen war sehr ruhig. Lächelnd trat er bei Doctor Löwe ein und forderte ihn auf, ihm bei dem Duell zu secundiren.
„Höre, Franz," sagte er, „Du mußt mir zu lieb einmal alle Bruchstücke einstiger Kenntniß von den Regeln des Zweikampfes aus der Burschenzeit zusammensuchen! Ich bin gefordert!"
„Du? — Duell! — Spaß!" rief Löwe trocken.
„Nein, nein, Franz, es ist Ernst, blutiger Ernst! Rittmeister Gilzingen hat mich tödtlich beleidigt, ich — warf ihm die Handschuhe in's Gesicht und nannte ihn einen Elenden, die Folge natürlich war eine Forderung. Sei mein Zeuge; sein Secundant wird Dich heute noch besuchen!"
Jetzt sprang der Chefredacteur auf und rief: „Alle Wetter! Und Dein edles Leben setzest Du gegen einen solchen Buben ein? — Hättest ihm gleich den Hals brechen sollen!"
Lothar zuckte die Achseln und sagte ruhig: „Soll ich nicht auf Gott und mein gutes Recht bauen?"
„Armer Lothar! Bei dem Duell sieht es oft schlimm mit dem Rechte aus!"
„Nenne mich reich, Franz, denn ich besitze die Liebe Derjenigen, die mir von jeher Alles war! Uebrigens darf Alexandrine nichts davon wissen. Ich werde eine Reise vorschützen! Die Disposition für das Duell bringst Du mir wohl persönlich ?"
„Gewiß!"
„Dann auf Wiedersehen!"
„Adieu!"
Lothar ging und traf Alexandrine, wie verabredet «ar. Unterwegs theilte er ihr gleich mit, daß er morgen in der Frühe auf ein paar Tage verreisen müsse.
„Kann ich Dich begleiten?"
„Schwerlich, mein Herz; es handelt sich um langrveiligi Dinge des Journalistentages."
„Ah so, Ihr habt wieder Euren Tag?"
„Ja!"
„Und wo wird er dieses Mal abgehalten?"
„In Graz!"
Bei Tafel war Lothar sehr aufgeräumt; er scherzte und lachte und Alexandrine bemerkte nichts Auffälliges an ihm. Erfreut schien er auch, als Doctor Löwe mit Beate eintraf.
Kaum waren die Freunde allein, so flüsterte Löwe: „Morgen früh acht Uhr im hintersten Theile des Prater; Pistolen, zehn Schritte ohne Avanciren, Kugelwechsel bis einer fällt!"
Lothar erwiderte: „Ganz wie ich gedacht!"
„Sind Deine Pistolen in Ordnung?" frug Löwe.
„Vorzüglich! — Mein Wagen holt Dich rechtzeitig ab. Carl soll uns fahren!"
„Abgemacht!"
Nachdem der Besuch fort war, schrieb Lothar unter dem Vorwande, arbeiten zu wollen, zwei Briefe, den einen an Alexandrine, worin er für den Fall seines Todes in den herzlichsten Worten von ihr Abschied nahm, den anderen an einen Anwalt, worin er über sein Vermögen zu Gunsten Alexandrinens, Victors und der Familie Löwe entschied.
„So wäre denn Alles geordnet!" flüsterte er. „O, Gottes Erde ist doch schön, seitdem ich Alexandrine errungen!" seufzte er aber dann doch.
Alexandrine schlief noch fest, als Lothar am anderen Morgen aufstand, sich anzukleiden. Erst als er bereit war, in den Wagen zu steigen, trat er vor ihr Bett.
„Lebe wohl, geliebtes Herz!" flüsterte er zärtlich.
Sie erwachte und fragte freundlich lächelnd: „Und wann sehe ich Dich wieder?"
„In zwei Tagen spätestens, mein Schatz!"
„So reise mein Gott!"
Das letzte Wort nahm er wie ein glückverkündendes Omen mit.
Es war ein prachtvoller Morgen, wohl tauglich zu etwas Besserem, als sich gegenseitig die Hälse zu brechen. So meinte auch der Sanitätsrath Stephani, als ihn ein Wagen zu dem Duell abholte. Doctor Löwe hatte ihn noch spät am Abend über die Sache verständigt.
Stille war es in dem großen, waldartigen Park auf der Hinterseite, die der Kaiserstadt abgewendet ist. Da aber ertönte plötzlich Pferdewiehern. Gilzingen todtenbleich aussehend, Oberlieutenant Braga und ein Arzt ritten heran und grüßten Höf» lich. Ein Diener folgte mit einer leeren Kalesche-
„Sie sind wenigstens pünktlich!" murmelte Lothar, der ebenfalls mit Löwe bereit stand.
Der Versöhnungsversuch ward beiderseitig abschläglich be- schieden.
Die Secundanten luden die Waffen, tauschten diese und maßen die Distanz ab. Die Gegner nahmen dann Aufstellung.
„Herr Doctor Hiller hat als der Geforderte den ersten Schuß bei drei!" rief Braga und Löwe zählte ruhig:
„Eins, zwei, drei!" x
Lothar hatte ruhig dagestanden, bei drei krachte der Schuß, Gilzinger sank zur Erde und seine Pistole flog zur Seite. — Lothar hatte ihm die rechte Hand zerschmettert. —
Der Verwundete richtete sich aber wieder auf. Zähneknirschend verlangte er die Waffe und nahm sie in die linke Hand. Dabei schäumte er vor Zorn und rief:
„Einen tobten Mann werde ich aus ihm machen I"
Lothar stand wie eine Bildsäule da, aber kaum hatte Gilzinger auf ihn angeschlagen, so brach dieser auch ohnmächtig zusammen, denn der Blutverlust aus der Wunde hatte ihn erschöpft.
Die Secundanten erklärten den Ehrenhandel für ausge-
tragen.
In diesem Augenblicke stürzte ein junges Weib mit einem Knaben voll Angstgeschrei herbei und warf sich über Gilzingen.


