Ausgabe 
11.3.1893
 
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zähle eins, zwei, drei und damit ist es genug. Das erste und zweite Mal wird es wohl schreien; es schreit aber auch, wenn man es nicht hineintaucht. Wenn man das Kind sechs­mal bis siebenmal in kaltes Wasser getaucht hat, wird es nicht mehr schreien- Ich habe vorgestern ein Kind von IV2 Jahren gesehen, welches geistig und körperlich wunderbar Entwickelt ist. Diefes Kind hat keine warme Bäder erhalten, sondern ist stet» in kaltes Wasser getaucht worden. Ich habe zu Hause eine Menge Photographien von Kindern im Alter von 1[2 bis 3/i Jahren, die nach meiner Anweisung behandelt worden sind und die sich ganz prächtig entwickelt haben. Wenn es den Müttern als etwas gar zu unbarmherzig erscheint, ihre Kleinen in das kalte Wasser zu tauchen, so mögen sie an die Zukunft ihres Kindes denken, mögen daran denken, wie dankbar ihnen später das Kind sein wird. Viele Mütter geben ihren Kindern nickt nur warme Bäder, sondern heiße Bäder. Ich habe eine Frau gekannt, die hat ihr Kind in so heißem Waffer gebadet, daß das arme Wesen gestorben ist. Eine andere Frau konnte es nicht über sich bringen, das Kind in kaltes Wasier zu tauchen. Sie legte das Kind deshalb zuerst in warmes Wasser und von da in kaltes Wasier. Natürlich gedieh das Kind nicht und als sie sich darauf bei einer Nachbarin beklagte, gab ihr diese den Rath, das Kind gleich in das kalte Wasier zu tauchen. Jetzt befolgt sie den Rath, und seitdem entwickelt sich das Kind auf das Prächtigste.

Ein zweiter Fehler ist die unglückliche Nahrung. Da» Kind hat nicht das Glück, so vernünftig aufgezogen zu werden, als wie man einen Vogel oder manches Hausthier aufzieht. Da bringt mir eine Gräfin vor zwei Jahren vier Kinder, welche im Alter von 15, 13, 11 und 9 Jahren standen- Ich fügte der Gnädigen, daß ich so vier armselige Krüppel wie ihre vier Kinder bis jetzt noch nicht gesehen hätte. Diese Kinder haben ganz gewiß gar nicht» Gescheidtes oder Ver­nünftiges zur Kost bekommen. Die Frau erwiderte darauf, daß sie nicht glaube, nur irgend etwas unterlassen zu haben, das ganze Jahr sei ein Arzt in» Haus gekommen, desien Rath stets auf das Pünklichste befolgt worden wäre- Die Kinder hätten stets den feinsten Kaffee, den feinsten Wein, das feinste Bier, das feinste Fleisch und die feinste Mehlkost bekommen. Mehr könne man doch nicht thun- Darauf habe ich gesagt: Das ist lauter Plunder! Wenn Sie 56 Wochen hier

bleiben, will ich Ihre Kinder cutteren- Dieselben müssen aber von jetzt an essen, wa» ich ihnen vorschreibe. Morgen» geben Sie ihnen eine Kraftsuppe.Ja meine Kinder essen keine Krastsuppe." Dann geben Sie Ihren Kindern gar nichts; wenn sie keine Kraftsuppe essen können, haben dieselben keinen Appetit und brauchen nichts zu essen. Lassen Sie zwei bis drei Mahlzeiten vorüber gehen und die Kinder werden die Kraftsuppe gern essen. Zweitens bekommen Ihre Kinder keinen Tropfen Kaffee, keinen Tropfen Wein, keinen Tropfen Bier. Im Laufe de» Vormittags geben Sie denselben ein Stückchen Kraftbrod und Zuckerwasier. Mittags können Sie den Kindern etwas Suppe, Fleisch und Gemüse geben, aber kein Zucker­gebäck. Nachmittags zwischen 3 und 4 Uhr können sie wieder ein Stückchen Kraftbrod mit einem kleinen Apfel zu sich nehmen und Abends erhalten sie eine wenig gesalzene, wenig gewürzte Kost, sei es Fleisch oder eine einfache Mehlkost. Jede» Kind wird abgehärtet und gekräftigt mit täglich zwei Wasieran- wendungen." Nach sechs Wochen fielen die Mädchen wegen ihres gesunden k»ästigen Aussehens jedem Kurgast in Wörrishofen auf und man hat die Kinder kaum mehr gekannt, fo frisch und heiter waren dieselben. Den Heranwachsenden Kindern darf keine andere Kost gegeben werden, al» eine solche, welche Blut macht. Gebt darum den Kindern keinen Kaffee, keinen Thee, kein Bier, keinen Wein, keine Lebkuchen oder sonstige Conditorwaaren. Das ist alle» Plunder und macht kein Blut- Die schönsten Mädchen im Dorfe sind bei uns diejenigen, welche die ärmsten sind und deren Familien nur Erdäpfel und Brodsuppe haben und das nicht genug. Ich bin auch nicht weit her, sondern nur ein Weberssohn und mit

Erdäpfeln und Schwarzbrod aufgezogen worden und war doch ein Mordskerl mit 18 Jahren.

Die Heranwachsende Jugend muß sodann mehr in» Wasier gehen. Ich will nichts gegen das Turnen sagen, denn das Turnen gefällt mir fehr gut, aber ich sage, wenn man anstatt des Turnens den Kindern wöchentlich zwei- oder dreimal ein !altes Bad geben würde, würde es im Interesse der Ent­wickelung der Kinder noch viel besser sein- Jedes kalte Bad kräftigt und stärkt und bildet auch das beste Mittel gegen die Verweichlichung- Wenn die Kinder verweichlicht werden, können te sich nie zu einem gefunden kräftigen Menschen heranbilden. Daher kommt auch die moderne Krankheit, die Nervosität, an der jetzt die ganze Menschheit leidet- Die 2500 Kurgäste, welche diesen Sommer in Wörrishofen sich aufhielten, litten fast alle an der Nervosität. Diese Krankheit kann nur durch Abhärtung aus der Welt entfernt werden. Eine gute or- dentliche Abhärtung des Körpers läßt eine Nervosität nicht aufkommen. Der Keim zu der Nervosität wird bei den Kin­dern auch dadurch gelegt, daß sie in der Schule überlastet werden mit allerhand Gegenständen, weil die Eltern Angst haben, daß die Kinder nicht früb genug alles lernen- Die Abhärtung des Körpers muß hauptsächlich durch die Kleidung erfolgen. Man darf keine verweichlichende Kleider tragen. Sehen Sie mich an. Ich gehe heute gerade so wie im Juli. Die Kleider sollen einfach sein, nur die Blößen verdecken und schützen vor Kälte und Hitze. Betrachten Sie sich doch einmal unsere Thiere. Der Spatz hat seinen Sommerfrack und seinen Winterfrack, er hat aber keinen Paletot und keinen Pelz und er befindet sich ganz wohl dabei. Die Abhärtung erfolgt ferner durch das Bar fuß geh en- Benutze jeder die Gelegenheit, barfuß zu gehen- Wie viele Leute haben Sommer wie Winter kalte Füße. Wer kalte Füße besitzt, hat zu wenig Blut im Fuße und zu viel Blut im Kopf oder in der Brust. Ein Kopf, in dem aber zu viel Blut sitzt, kann zum Denken nicht gebraucht werden. Und zu viel Blut in der Brust und im Unterleib macht ebenfalls große Beschwerden- Diese Müh­seligkeiten verschwinden mit dem Barfußgehen, da sich durch dasselbe da» Blut in die Füße zieht, so daß diese erwärmt werden und die kalten Füße sowohl, wie der heiße Kops in Wegfall kommen. In Wörrishofen läuft alles barfuß- Diesen Sommer befand sich unter den Kurgästen daselbst auch ein Cardinal-Erzbischof. Ich hielt es anfangs nicht für angemessen, diesem hohen Herrn da» Barfußlaufen anzurathen, bis auf Veranlassung des Bischofs dessen Diener mich fragte, warum ich dem Bischof nicht sage, daß er barfuß gehen solle.

Derselbe warte nur darauf und schließe au» dem Umstand, da ihm da» Barsußgehen noch nicht angerathen worden sei, daß es mit ihm schlecht gehe. Als ich wieder zu dem Bischof kam, fragte ich ihn, ob er nicht barfuß gehen wolle, worauf dieser mir antwortete, daß er schon lange auf eine diesbezügliche Anweisung von mir gewartet habe. Der Bischof ist hierauf immer barfuß gegangen und es bekam ihm sehr gut- Wer nicht im Freien barfuß laufen will, kann ja Abend» vor dem Schlafengehen */4 Stunde in seinem Zimmer barfuß auf- und abgehen. Wer im Besitze eine» Gärtchen» ist, dem kann nur angerathen werden, früh Morgen» 1/i Stunde barfuß in dem­selben zu promenieren- Wer nicht barfuß gehen will, der kann sich auch in der Woche drei- bi» viermal Wasser auf die Kniee gießen und dasselbe dann trocknen lassen. Wie viel Krank­heiten sind nicht schon durch da» Wasser geheilt worden. So brachte man mir ein Kind im Alter von drei Jahren au» der Schweiz, welches blind war. Das Wasser hat dieses Kind binnen vier Wochen wieder sehend gemacht. (?) Da» Wasser ist da» wahre Universalmittel gegen alle Leiden, für da» wir unserem Schöpfer nicht genug danken können- Nur müssen wir e» vorsichtig und vernünftig anwenden, damit e» nicht durch unvernünftige Anwendung unsere Natur zugrunde richtet- Man darf e» ja nicht stark anwenden, die leiseste einfachste Anwendung verbürgt am sichersten den Erfolg.

(Schluß folgt.)

Redaetion: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.