belustigt, „uns Beide, meine junge Freundin und mich, als Beispiele Ihrer amerikanischen Selbständigkeit aufzustellen, ist zu närrisch, mein werther Herr! — Eine deutsche Frau bedankt sich für diesen Vergleich, weil Ihre Ladys nur für ihr eigenes Vergnügen eine solche Freiheit beanspruchen, das strenge Wörtchen „Pflicht" aber gar nicht kennen. Es mag ja wahr sein, daß sie drüben viel mehr von den Männern respectirt werden und eine Amerikanerin ganz allein unangefochten die weitesten Reisen unternehmen kann, ein Vorzug freilich, deflen wir uns nicht rühmen können."
„Also doch ein nennenswerther Erfolg jener Selbständigkeit, weil sie dem starken Geschlecht Respect gegen die Frau einimpft," lächelte Steindorf spöttisch. „Wie urtheilen Sie darüber, mein gnädiges Fräulein?" wandte er sich dann zu Armgard, die sich mit Lotta leise unterhielt.
»Ich? — Nun, Amerika hat niemals Sympathie in mir erwecken können, Herr Steindorf, — wie ich ebensowenig die gepriesene Selbständigkeit amerikanischer Frauen verstehe. Ich bin mit meinem Loose sehr zufrieden und davon überzeugt, daß eine deutsche Frau in unserm Vaterlande ohne Begleitung unbehelligt reisen kann, da sie andernfalls des Schutzes jedes gebildeten Mannes sicher sein dürfte."
„Ah, meine Gnädige, da liegt ja eben der große Unterschied," erwiderte Steinvorf lächelnd, „Sie räumen also ein, daß nur der gebildete Mann hier in Deutschland eine alleinreisende Dame gegen Rohheit und Zudringlichkeit in Schutz nehmen wird, was in Amerika der einfachste Mensch sür selbstverständlich hält. Ich rede besonders von geborenen Amerikanern, da Rohheiten gegen Damen, wie überhaupt gegen das weibliche Geschlecht sofort geahndet werden, weil dergleichen nur von sogenannten grünen Einwanderern möglich ist. Sie werden mir zugeben, mein gnädiges Fräulein, daß durch eine derartige Ausnahmestellung der weibliche Stolz, sowie eine gewiffe Sicherheit der Welt gegenüber schon dem Kinde ausgeprägt werden muß."
„Sehr begreiflich," sprach Armgard, „nur daß solche frühreife Kinder den Eltern sehr unbequem werden müffen. Ich würde mich für eine derartige Ausnahmestellung, so verlockend sie auch sein mag, ihrer Consequenzen halber bedanken. Doch lassen Sie darüber Ihren Kaffee nicht kalt werden, Herr Steindorf!" setzte sie mit kühler Artigkeit hinzu. „Solche Streitfragen sind ebenso unnütz als unerquicklich."
Mit großer Gewandtheit wußte Steindorf sich jetzt eines anderen Themas zu bemächtigen, indem er das landwirthschaft- liche Leben Amerikas mit dem der Heimath verglich und sich so eingehend und zugleich so anziehend darüber zu äußern verstand, daß Armgard mit Interesse zuhörte und selbst Tante Hanna sich davon gefesselt fühlte.
Mit einem gewissen elegischen Tone entrollte er dann ein Bild seines eigenen Lebens, weilte trauervoll an den Gräbern seiner Kinder und der Gattin, und schilderte das unbezwingliche Heimweh, welches ihm dort drüben trotz der bestsituirtesten Lage keine Ruhe gelassen, da ihn nebenbei das noch stärkere Gefühl der Reue unbarmherzig gepackt und er im Stillen gehofft habe, die väterliche Besitzung zurückkaufen zu können.
„Sie können sich nicht vorstellen, meine Damen," schloß er mit einem tiefen Seufzer, „welch' ein Donnerschlag die Nachricht sür mich war, daß Rotenhof auf einen Verwandten des letzten Besitzers vererbt worden sei, und daß dieser Brink mein Erbe seinerzeit für einen Spottpreis erstanden hat. Ich lebte drüben in dem Wahne, über kurz oder lang zurückkehren und den Besitz meiner Vorfahren antreten zu können, hoffte, daß die alten Freunde es nicht dulden würden, mein Erbe in fremden Händen zu sehen oder doch eine Verschleuderung desselben um jeden Preis verhindert haben würden."
„Und war, wenn ich fragen darf, Herr Steindorf, berechtigte Sie zu dieser Hoffnung?" fragte Armgard, ihn groß anblickend.
„Nichts, als der feste Glaube an die Ewigkeit einer Liebe — Pardon — einer treuen Freundschaft, welche alle Mißhellig- keilen und Zerwürfnisse überdauert," antwortete der Gast mit
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einer tragischen Miene, welche der alten Tante ein verächtliches Lächeln entlockte.
Armgard erblaßte, ob aus Zorn über die bodenlose Anmaßung oder aus Bestürzung, was Tanta Hanna nicht ermitteln konnte, sie aber mit einer großen Unruhe erfüllte. Letztere, welche von ihrem Platze aus die am Garten entlang führende Chaussee überblickte, nahm mit ihren noch immer recht scharfen Augen in diesem unerquicklichen Augenblick zwei Reiter wahr, welche im gemächlichen Schritt und in schr lebhafter Unterhaltung sich näherten.
„Sehen Sie, liebe Freundin," wandte sie sich an Armgard, „dort kommt Ihr neuer Nachbar, der junge Herr Marbach von Rotenhof."
Armgard warf einen raschen Blick nach der Chaussee hinüber, worauf auch Steindorf sich erhob, um, wie er bemerkte, den fremden Erben seiner väterlichen Besitzung sich anzusehen.
Als Jene sich umwandte, erschrak sie über die Verwandlung, welche mit ihrem Gaste vorgegangen. Sein gebräuntes Gesicht war erdfahl geworden, seine Augen wie verschleiert von Furcht oder Haß.
»Ist Ihnen nicht wohl, Herr Steindorf?" fragte sie mit unsicherer Stimme.
„O, es hat nichts auf sich, danke verbindlichst, meine Gnädige!" erwiderte er, sich hastig über die Stirn streichend. „Der Anblick jenes Herrn erinnert mich zu grausam an meinen Verlust. — Er wird vielleicht seine Aufwartung machen?" setzte er fragend hinzu.
„Möglich, obwohl er dazu eine passendere Zeit wählen könnte."
„Halten Sie die Etikette auch hier jetzt so streng aufrecht, mein gnädiges Fräulein? — Dann bedaure ich aufrichtig, mich hierin ebenfalls vergangen zu haben."
„O, mit einem Amerikaner darf man es in dieser Hinsicht wohl nicht so genau nehmen," bemerkte Armgard lächelnd, „aber — Sie wollen schon aufbrechen, Herr Steindorf?"
(Fortsetzung folgt.)
Gin Iortrag des Ifarrers Kneipp.
Wie wir bereits im „Gießener Anzeiger" meldeten, hielt vor einiger Zeit Herr Pfarrer Kneipp vor einer äußerst zahlreichen Versammlung in Mannheim einen Vortrag über seine Heilmethoden. Ohne eine Stellung zu den von Herrn Pfarrer Kneipp dargelegten Grundsätzen nehmen zu wollen, theilen wir, dem Wunsche einiger seiner Anhänger entsprechend, nachstehend das Wesentlichste aus dem Vorträge mit.
Herr Kneipp bemerkte in seinen einleitenden Worten, daß die Wasserbehandlung nicht von ihm ersunden worden sei, sondern daß man dieselbe schon in früheren Jahren angewendet habe. Er sei auch einmal am Rande des Grabes gestanden und die Leute hätten bereits gesagt, daß er in höchstens 5 bis 6 Wochen sein Leben beschließen werde. Er habe sich aber durch Wasser geheilt. Nun könne er aber doch nicht so unbarmherzig sein, seine Heilmittel und seine Heilmethode nicht in den Dienst der Leidenden und Mühseligen zu stellen: hierzu verpflichte ihn-schon sein Amt als Priester- Der Mensch ist an seiner Mühsal und seinem Elend meist selbst schuld. Das Menschenalter ist jetzt erschreckend tief heruntergegangen. Von einem Menschenalter als einem Jahrhundert kann fast gar keine Rede mehr sein. Vor Jahren hieß es, daß das menschliche Durchschnittsalter sich auf 34 Jahre belaufe. Inzwischen ist es noch weiter heruntergegangen, sodaß es jetzt nur noch 28 Jahre beträgt Und wenn wir so fortleben, wird es noch viel weiter heruntergehen. Redner will deshalb die Hauptfehler unserer heutigen Lebensweise und zugleich die Heilmittel für die aus diesen Fehlern entstandenen Gebrechen beleuchten. Zunächst unsere Kleinen. Ein Hauptfehler bei der Erziehung derselben liegt in den warmen Bädern. Warm macht schlapp und welk. Wenn ein Kind 2 oder 3 Tage alt ist, möge man es, anstatt ihm ein warmes Bad zu geben, in kaltes Wasser tauchen- Es braucht die» ja nicht lang zu dauern. Man


