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zumal wenn man durch ein freundliches Geschick ein Stückchen als eigenen Besitz davon empfangen hat."
„Ja, das ist richtig," stimmte Hanna lächelnd bei, „Sie haben Ihren hübschen Antheil davon erhalten, eia richtiges Eden, aber im Grunde müßte ein Jeder seine eigene Scholle besitzen, da es für mich nichts Trostloseres gibt, als eine von oben bis unten mit armen Menschen vollgestopfte Miethskaserne. Die Unglücklichen lernen niemals den traulichen Begriff „Elternhaus" kennen."
„Das ist wahr und in der Thal ein trauriger Gedanke," sagte Armgard, nachdenklich nach ihrem schloßähnlichen Besitz hinüberschauend. „Von dieser Seite habe ich die Sache noch nicht betrachtet, man könnte beinahe Gewiffensbiffe dabei empfinden."
„Ach was," rief Mamsell Evers, welche sich ein Wort herausnehmen durste, „das sind so schöne Phantasten von der Tante, die im Stande wäre, ihr nettes Häuschen dem ersten besten Tagedieb abzutreten. Ihr sieht das nun mal ähnlich, aber im Uebrigen sind es leibhaftige Luftschlöffer, wie sie die Socialdemokraten aufbauen. Denn wo sollte man wohl für das Gewimmel von armen Menschen in der weiten Welt all' die eigenen Häuser hernehmen? Nee, Fräuleinchen, sei'n Sie froh, daß Sie ein solch' hübsches Heim haben, ich bin's auch, obwohl mir kein Stein und keine Erdkrumme davon gehört."
Beide Damen stimmten der alten Mamsell bei und plauderten über andere Dinge, als Armgard beim Rollen eines Wagens plötzlich zusammenschreckte.
„Am Ende doch noch Besuch," seufzte sie, „man soll den Tag nie vor dem Abend loben."
„Sie sind ganz blaß geworden," sagte Tante Hanna verwundert, „wer kann'« denn sein? — Vielleicht irgend eine bekannte Familie aus der Stadt."
Mamsell Evers hatte sich bereits entfernt, um den Besuch zu empfangen.
„Ich hoffte heute verschont zu bleiben," erwiderte Arm- gard, „zumal die Mehrzahl meiner Bekannten mich noch auf der Reise wähnt. Bin so gar nicht in der Stimmung, Gäsie zu unterhalten, hatte mich unsäglich gefreut, mit Ihnen, meiner ältesten und treuesten Freundin, allein zu sein — und nun kommt —"
Sie stockte plötzlich, ihre Augen blickten starr, als sähen sie ein Gespenst, ihr Antlitz wurde noch um einen Schatten blasser als zuvor.
Hanna folgte erschreckt der Richtung ihres Blickes und stieß ein unwilliges Wort der Ueberraschung, das fast wie „bodenlose Frechheit" klana, hervor.
„Meine Ahnung!" flüsterte Armgard, sich stolz erhebend, rhrem sich rasch nähernden Besuch einige Schritte entgegengehend.
Es war ein hochgewachsener, sehr schöner Mann von ungefähr Anfang der Dreißiger. Ein militärisch gestutzter Schnurrbart gab ihm das Aussehen eines Offiziers in Cioil, wie er sich überhaupt zu bemühen schien, eine nachlässig vor« nehme Haltung zur Schau zu tragen, welche ihm bei seiner tadellos stattlichen Figur sehr gut stand. Das Gesicht dieses elegant gekleideten Mannes war in der That sehr schön, nur in den Augen, deren Farbe unergründlich war, da dieselbe bald blaugrau, bald gründlich erschien, lag ein lauernder, beobachtender Ausdruck, welcher auf jedes unbefangene Gemüth abstoßend wirken mußte.
Hatten Herrn Julius Steindorfs Augen, denn dieser war der Gast, welcher soeben, mit seinem Töchterchen an der Hand, von Armgard Holten begrüßt wurde, auch in der ersten Jugend schon diesen lauernden Ausdruck besessen?
Tante Hanna legte sich bekümmert diese Frage vor und bllckte ängstlich aus Armgard, deren Character ihr plötzlich unverständlich geworden war. Konnte ein so stolzes, selbständiges Wesen noch immer Liebe für diesen Mann empfinden, der Jte ^st^richmäht hatte und jetzt nur zurückgekehrt war, um den Goldfisch auf's Reue für sich zu angeln? — Konnte die finge Armgard sich noch immer von einer solchen Außenseite
Hanna warf einen feindseligen Blick auf den eleganten Ankömmling und athmete etwas erleichtert auf, als sie die Ruhe und sichere Haltung ihrer jungen Freundin sah. Und nun begrüßte er die alte Dame mit einer wahren Hochsiuth von Herzlichkeit und wunderte sich, sie noch immer in derselben Jugendfrische und kerzengeraden Haltung zu erblicken, wie vor zehn Jahren, als ein sichtbares Wunder geistiger Elasticität und Willenskraft.
Tante Hanna berührte flüchtig die dargebotene Hand und meinte trocken, daß sie nicht eitel genug sei, um solche Com- pltmente als ein persönliches Verdienst sich anzurechnen.
„Der Herrgott hat mir soviel Geistesfrische bewahrt," setzte sie hinzu, „um den hohlen äußeren Schein vom inneren Kern trennen zu können und dafür bin ich ihm dankbar."
„Immer noch schlagfertig," lächelte Steindorf, sich auf Armgards Aufforderung an den Tisch niederlassend. „Begrüße Tante Hanna, von der ich Dir so viel erzählt habe, liebe Lotta!" wandte er sich dann an sein siebenjähriges Töchter- chen, das nach dem neuesten Mode-Journal gekleidet, im kurzen Damenkleide und. mit den schwarz bestrumpsten Beinen eine gewisse kokett studirte Haltung angenommen hatte.
Lotta setzte ihr siegreiches Lächeln auf und näherte sich mit dem Anstand einer amerikanischen Lady der alten Dame, die sie verwundert betrachtete, ihr aber doch mit einem gewissen Mitleid, denn was konnte das Kind am Ende für diese abscheuliche Dressur, die Hand entgegenstreckte, welche die Kleine graciös ergriff und an die Lippen führen wollte.
„Bewahre der Himmel, Kind, was willst Du thun?" rief Hanna, entrüstet ihre Hand fortziehend, „komm", setzte sie dann sanfter hinzu, „laß mich Deine Stirne küssen, armes Ding, wer hat Dich solchen Unsinn gelehrt?"
„Meine selige Mama", erwiderte Lotta gekränkt, „die wußte genau, was sich für eine Lady paßte. Tante Armgard ist vornehm, Papa hat's mir gesagt, vornehm und sehr reich, — aber Du bist keine Lady, Tante Hanna, sondern eine alte, unangenehme Jungfer."
„Das hat Dein Papa wohl auch gesagt", lachte Hanna mit einem gewissen Triumph in ihrem alten, guten Gesicht, während Armgard sich auf die Lippen biß, um ein Lächeln zu unterdrücken. Herr Julius Steindorf aber blieb merkwürdigerweise ganz unberührt von der interessanten Ausplauderei seines Töchterchens, das soeben aus der Rolle gefallen war und ihn jetzt aufmerksam ansah.
„Ein schreckliches Kind", dachte Tante Hanna, „aber der Vater ist noch wett schrecklicher."
„Amerikanische Erziehung, meine Damen!" sagte Steindorf, die Kleine lächelnd liebkosend, „meine selige Frau war ein wenig zu schwach gegen dieses mit großer Energie begabte Kind, und drüben fühlt sich, wie Sie vielleicht wissen werden, jedes Kind beinahe schon in den Windeln als Lady. Ich rede natürlich nur von der guten Gesellschaft."
„Natürlich," erwiderte Tante Hanna, welche zu Steindorfs Verdruß die Unterhaltung mit ihm ganz allein an sich zu reißen drohte, da Armgard die alte Evers fortgeschickt und die Bedienung ihrer Gäste selbst übernommen hatte. „Ich habe von den amerikanischen Ladys hinreichend gehört, um mir ein Bild von ihnen machen zu können. Die Selbständigkeit soll diesen Damen wohl im Blute liegen."
„Allerdings, dieser lobenswerthe Zug geht durch alle Klaffen der weiblichen Bevölkerung. Sie scheinen die Selbst- ständigkeit der Frau zu verabscheuen, Tante Hanna — ich darf Sie doch als alter Bekannter so nennen, da mir in der That Ihr Familienname noch nie genannt worden ist —"
„Bleiben Sie nur bei meinem Allerweltsnamen, Herr Steindorf!"
„Ich danke Ihnen! Nun also, wie können Sie eine Selbstständigkeit verdammen oder verspotten, Tante Hanna, von der Sie doch selber ein so leuchtendes Beispiel sind und die von Fräulein Armgard ebenfalls glänzend verkörpert wird?"
Tante Hanna blickte ihn bei diesen Worten mit so großen, verwunderten Augen an, daß Armgard laut auflachte.
„Ja, das ist wirklich zum Lachen," rief die alte Dame


