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Nr. 30.
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Samstag, den 11. Marz.
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Lindem
(Fortsetzung).
„Dieser Herr Marbach, welcher gestern Abend mit dem Maler hier saß, war also der Großneffe Ihres Anbeters, Tante Hanna?" sragte Armgard nach einer Weile.
„Ja, ganz recht, es ist der jetzige Besitzer von Rotenhof, Herr Lorenz Brinks Großneffe, ein recht ehrenwerther Charac- ter, wie mir scheint."
„Er trumpfte den unzarten Maler mit seinem Heiraths- project wenigstens recht derb üb," bemerkte Armgard. „Ihr Igel scheint sich auf seine Rücksichtslosigkeiten etwas einzuml- den, Tanta Hanna, es ist eine billige Kunst, sich auf Anderer Kosten sehen und seinem Spotte die Zügel schießen zu lassen."
„O, er verträgt auch eine derbe Abfertigung und ist im innersten Herzen aufrichtig gut," vertheidigte Hanna den alten Freund. „Glauben Sie mir, daß Herr Marbach keinen besseren Freund und Rathgeber sich erwählen konnte. — Und nun, mein theures Kind, hoffe ich, daß Sie keine übereilte Handlung, welche Sie mit dem Preis Ihres ganzen Lebensglücks bezahlen müßten, begehen werden, sondern lieber unvermählt bleiben, als sich, einer kostbaren Waare gleich, zur Speculation der Habsucht und Berechnung herabwürdigen zu lassen. Hier müssen Vernunft und weiblicher Stolz in ihre Rechte treten, um das rebellische Herz sowohl als die beleidigte Eitelkeit zu besiegen."
Hanna schwieg, während das junge Mädchen ihr die Hand drückte und in den braunen Augen desselben eine fast demüthige Zärtlichkeit glänzte.
* * ♦
Nach der Kirche hatte Armgard Holten mit Tante Hanna gespeist und sie dann trotz aller Einreden mit nach ihrem Gute Edenheim, das zwei Stunden von dem Städtchen entfernt war, entfuhrt, um Pfingsten bei ihr zu verleben.
„Wie kann ich mein kleines Heim verlassen?" hatte Hanna geklagt, „Line ist fort, meine Rosen werden verwelken, Mignon wird umkommen —"
_ , "3hr kleines Heim steht unter dem Schutze der ganzen ®tobt, hatte Armgard entschieden, „es werden sich hundert Wächter für das Haus, zweihundert Hände zum Begießen der Roien finden, und was Mignon anbetrifft, so nehmen wir sie einfach mit.
Nach dieser Entscheidung hatte Tante Hanna die Waffen strecken müssen und fröhlich lachend kutschirten sie bald nach
Mittag aus dem Städtchen in das wonnigste Pfingstwetter hinaus. Kerzengerade saß die Greisin neben ihrer jungen Freundin, welche nachlässig im Fond der eleganten Equipage lehnte und nicht müde wurde, von dem langen Schweif ihrer Verehrer zu plaudern, welchen sie nach der Kirche gezogen hatte.
„Sie müssen die große Auswahl zugestehen, Tante Hanna I" bemerke sie ganz ernsthaft. „Die Herren wurden urplötzlich fromm, maßen sich aber doch zuweilen mit Blicken des Haffes und der Eifersucht. Ich sehe ein, daß eine rasche Wahl mir ganz unmöglich gewesen wäre."
„Herr Julius wird sich ärgern, diese günstige Gelegenheit versäumt zu haben," meinte Hanna ruhig.
„Ja, er hätte jedenfalls sein Töchterchen mir aufgebürdet," erwiderte Armgard nachdenklich, „hm, Tante, Sie können ruhig sein, zur Stiefmutter eines solchen Kindes tauge ich nicht, schon dieser Gedanke ist hinreichend, mich gegen jegliche Gefahr zu wappnen."
Hanna blickte sie forschend an und freute sich im Stillen, die alte Armgard wieder zu finden. Sie wünschte ihr alles Glück der Erde und deshalb jenen Steindorf in's Pfefferland oder nach Amerika zurück.
Heiter angeregt kamen sie nach Edenheim, das in der That ein prächtiges Besitzthum war, wohl geeignet, Liebhaber in Schaaren herbeizuziehen. Die Herrin dieses stolzen Ritterguts wurde von ihren Leuten und allen Gutsangehörigen angebetet, obwohl sie Milde mit Strenge zu paaren und das Ganze am Schnürchen zu leiten verstand. Sie war heute so munter und gut gelaunt, daß es Allen ausfiel und auch die Tante ein wenig stutzig machte. Sollte diese Fröhlichkeit nur eine Maske sein, um ihr Sand in die Augen zu streuen? Konnte die stolze, energische Armgard, deren scharfer Verstand und practische Umsicht ihr die Anerkennung und Hochachtung der einsichtsvollsten Landwirthe erworben, im Punkte des Herzens so schwach sein, um einem unwürdigen Glücksritter zum Opfer zu fallen? Sollte der Ausspruch: „Schwachheit, dein Name ist Weib!" sich bei ihr, dieser männlich starken Seele, so verhängnißvoll erfüllen?
Hanna seufzte leise und beschloß, sie aufmerksam zu beobachten, da ihr der Gedanke wie ein Alp auf die Seele gefallen war.
„Nun gebe der Himmel seinen Segen, daß wir wenigstens heute allein bleiben," sagte Armgard, die Tante nach der Rosenlaube führend, wo die Haushälterin, Mamsell Evers, den Kaffee servirte.
„Diese Laube habe ich extra für Sie anlegen lassen, Tante Hanna!" fuhr die junge Hausherrin fort. „Sie dürfen bei mir Ihre Rosen nicht vermissen- Ach, die Erde ist doch schön,


