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Im September 1475 machte sich die Braut, geleitet von den Segenswünschen ihrer Eltern, auf den Weg. Weder König Casimir von Polen, noch dessen Gemahlin Elisabeth, geb. Erzherzogin von Oesterreich, hätten die weite Reise, die heute kaum ganze 24 Stunden erfordert, wagen können. Herzog Georg der Reichs, der es sich zugeschworen hatte, daß sein Hochzeits- fest das glanzvollste werden sollte, das je auf deutscher Erde veranstaltet worden, harrte seiner Auserkorenen mit begreiflicher Ungeduld.
Die Vermählung war für den October anberaumt, aber grundlos waren die Wege und Pässe, sogar stark verschneit. Hatten die Marschälle für die Reise blos zwei Wochen bestimmt, so mußten sie sich bald auf ebenso viel Monate gefaßt machen. Immer kleiner wurden die erzielten Tagemärsche; in den ersten Tagen legt man mit der schwer vergoldeten Karosse noch 4 bis 5 Meilen zurück, dann sinkt die Gefchwindigkeit rapid, weil die abgetriebenen Rosse der Begleitungskavallerie nicht mehr vorwärts können.
Und der Winter stellt sich mit all seinen Unannehmlichkeiten ein. Die Räder der Brautkarosse müssen gegen Schlittenkufen umgetauscht werden. Man ist auf Umwege angewiesen, weil sich Wegelagerbanden gezeigt haben, und statt durch Böhmen zieht man durch die sächsischen Lande. Aber auch hier sieht man sich genöthigt, die Reiseroute bald aus jenem Grunde zu ändern, und so kommt man in Zickzacklinien durch vieler Herren Länder. Nur selten sind es landesherrliche Burgen, Schlösser oder Edelsitze, welche der kaum dem Kindesalter "entwachsenen Prinzessin als Nachtlager dienen; gewöhnlich steigt sie trotz aller Kouriere und Quartiermacher in einer schlechten Herberge oder Waldschänke ab. Und nicht weniger als sieben Mal muß das arme Mädchen sogar bivouakiren. Da werden große Feuer im Kreise angezündet und eine Garde von 60 Edelleuten bildet um das ambulante Nachtlager herum eine stählerne Wacht von Klingen und Spießen. Auch von Wölfen wird der Hochzeitszug angefallen.
Mit der Verköstigung war es ebenso schlecht bestellt, wie mit der Unterkunft, und oft bildeten Schwarzbrot) und Wurst allein die Grundelemente der Mahlzeit. Nicht selten auch hatte die Prinzessin-Braut mit einigen Rüben oder einem Teller Linsen vorlieb nehmen müssen.
Erst von Wittenberg an, wo Herzog Otto das Brautführeramt übernahm, wurde die Verpflegung besser. Immer kleiner wurde das Cortege der Jagellonentochter, immer dünner wurden die Fähnlein, denn Krankheit riß ein in der Belegmannschaft des Brautzuges und manch ein tapferer Krieger fand auf einem deutschen Friedhof seine letzte Ruhestätte.
Inzwischen aber wurde im Bayerischen wacker zur Hochzeit des reichen Jörg gerüstet, deffen Gastfreundschaft und treffliche Küche weit über die deutschen Markungen hinaus berühmt waren. Es kamen angezogen Friedrich der Dritte, der die deutsche Kaiserkrone trug. Mathias Corvinius, der damals schon weltberühmte Ungarheld, Erzherzog Maximilian, der nachmalige Kaiser, der in der Geschichte als der „letzte Ritter" fortlebt; Sigmund von Tyrol, auch ein Krösus unter den Fürsten, von seinen Zeitgenoffen der „Münzreich" genannt, die Markgrafen von Brandenburg, Eberhard der „Rauschebart" von Württemberg, die Kirchenfürsten von München, Freising, Eichstädt und Salzburg und zahllose Grafen, Bannerherren und Edelleute aus allen Gauen von Nord- und Süddeutschland, französische Kavaliere, englische Lords, spanische Hidalgos, und auch als seltenster der Hochzeitsgäste, der moslemische Prinz Sezim, der Sohn des Osmanenkaisers Mohamed des Eroberers. Nicht weniger als 9000 Pferde der Hochzeitsgäste und der Gefolge standen an den Krippen zu Landshut und fraßen auf Regimentsunkosten. Ganze Flecken und Dörfer, ja ganze Kreise wurden ausgehungert und aller Lebensmittel entblößt, blos damit die Bewirthung in der Hauptstadt ermöglicht werde.
Da endlich am 13. December 1475 wurde durch reitende Eilboten das Nahen des Brautzuges signalisirt und in den versammelten Schaaren begann es sich lebhaft zu regen. Nur
Redaction: A. Scheyda. — Druck und
ein bischen Geduld noch — drei Tage, nicht länger — und die Ersehnte wird Landshuter Gebiet betreten. .... Am 16. December verkündeten die Thürmer, daß der Brautzug in Sicht sei.. Der Kaiser, die königlichen und fürstlichen Hochzeitsgäste stiegen zu Pferde, angethan mit ihrem köstlichen Waffenschmuck, prunkend in eitel Gold, Silber und Brocat, und setzten sich, begleitet von einem unabsehbaren Gefolge, in Bewegung.
Voran sprengte als Vorreiter der jugendliche Erzherzog Max mit dem Stutz von Pfauenfedern auf dem Silberhelm, ihm nach folgte an der Seite des Böhmerkönigs in bedächtigerem Trabe Kaiser Friedrich, dessen Sammetbaret ein juwelenbesetztes Krönlein schmückte, hierauf der Bräutigam, der rothbärtige Jörg, unb hinter diesem, theils auf arabischen Rossen, theils auf von Maulthieren getragenen Sänften, die Schaar der Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe. Am anderen Ende des schneebedeckten Blachfeldes taucht der erwartete Zug auf, der sich, einer Riesenschlange vergleichbar, langsam heranwälzt. Es flattert von Helmbüschen, es blitzt von Waffen, es kommt näher Roßgewieher, Peitschengeknall, Paukenwirbel, Trompetengeschmetter — und dann das verworrene Rufen eines tausendstimmigen Menschenchors.
Und mitten im Zuge erblickt man den goldenen Wagen mit den Krystallscheiben und darin sitzt die Rose des Polenlandcs. Entblößten Hauptes umstehen in weitem Kreise die Fürsten und Herren die Karoffe, und der Bräutigam nähert sich, um der Dame seiner Wahl, welche er bisher nur im Bilde geschaut, nun auch in's Auge zu sehen. Doch da ergiebt sich ein eigenartiger Zwischenfall. Die Braut versteht nur polnisch und etwas wenig Latein. Der Bräutigam aber ist, trotzdem ihm sein Vater nach der hohen Schule seiner Zeit die Weisung gesandt: „Studir' nur fleißig, daß es kracht und man es bis Münichen hören kunndel" nicht gar sehr sattelfest in Ciceros göttlicher Sprache . . .
Da springt der hochwürdige Erzbischof von Salzburg als Dolmetsch ein und deutet die Grüße des Bräutigams und der Braut. . . .
So sind sie nun endlich, endlich beisammen und das Hochzeitsfest nimmt seinen Anfang. Der Jubel wird hinausge- tragen auf Marktplatz und Straße, in den Brunnen strömt kostbarer Wein und gebratene Ochsen ergötzen die Menge. Das geht so wochenlang fort, just wie im Märchen.....Eine
Hochzeitsreise wird aber von den Neuvermählten nicht unternommen, denn eine solche hat ja die liebliche Frau eben erst mit Ach und Weh glücklich überstanden. . . .
Vermischtes.
Der Brautkranz. In der dieser Tage gehaltenen Hauptversammlung des Allgemeinen deutschen Vereins in Berlin sprach Schriftsteller Dr. Wilhelm Angerstein über den Brautkranz. Den Brautkranz bilden in Deutschland im Allgemeinen bekanntlich Myrthenzweige (im Schwarzwalde auch Weißdornblüthen), in Frankreich und England Orangenblüthen, in Italien und in der französischen Schweiz weiße Rosen, in Spanien rothe Rosen und Nelken, in Litthauen die Raute, auf den griechischen Inseln Weinlaub, in Böhmen, Krain und Kärnten Rosmarin, in Heffen künstliche Blumen oder Kränze mit vielen Bändern, in der deutschen Schweiz das „Schäppeli" von künstlichen Blumen. Brautkronen sind üblich in Norwegen, Schweden und bei den Serben aus Silber, in Bayern und Schlesien aus Golddraht, Glassteinen und Flitter, bei den Finnen, bei den Wenden in der Lausitz und den Altenburger Bauern aus Papier, bei den Griechen in Athen aus kostbarer Filigranarbeit. Uebrigens war der Brautkranz bereits Heid- Nische Sitte und deshalb waren die Kirchenväter gegen ihn; erst im 4. Jahrhundert begann er sich auch bei den christlichen Trauungen einzubürgern.
Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


