Ausgabe 
10.10.1893
 
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so würde ich nie an ihm gezweifelt haben, so stände ich jetzt wankellos an seiner Seite und selbst Dein Wunsch ich ge­stehe es würde keinen Einfluß auf mich auszuüben ver­mögen- --Aber er schied, ohne sich zu vertheidigen, er

that nichts, um mir in dem Kampf mit bangen Zweifeln, mit qualvollen Befürchtungen zu Hülfe zu kommen. Tag für Tag, Stunde für Stunde harrte ich und nichts nichts kam, um mich aufzurichten, um meinen Glauben zu stärken. Los­getrennt fühle ich mich von Allem, außer von Dir und Magda. Ob ich jemals vergeffen werde? Ich bezweifle es. Vielleicht kehren meine Gedanken immer wieder zu jenen Stunden un­beschreiblicher Seligkeit zurück aber strenge Pflichterfüllung und Heilighalten des Namens, den ich künftig führen soll, sei versprochen. So verfüge denn über mich, theure Mutter. Ich lege mein Schicksal in Deine Hände."

Und Du wirst es niemals bereuen, so gehandelt zu haben!" rief die alte Dame, deren Antlitz ein Schimmer reinster Freude verklärte.Frank ist hier und harrt der Entscheidung. Soll ich ihn rufen lassen ?"

Wie Du willst."

Die feinen Lippen erblaßten doch, aber Frau v. Waldau bemerkte es nicht. Sie klingelte und befahl dem eintretenden Diener:Bitten Sie Herrn Doctor Frank, der im Salon wartet, zu mir zu kommen."

Mit schlichten, herzlichen Worten legte sie die kalte, weiße Hand Rafaelens in die des Eintretenden, der jubelnd eine hoch­beglückende Zusage erhielt. Was kümmerte es ihn, daß die Braut so bleich und kühl wie ein Mondenstrahl war? Hin­dernisse, die unübersteiglich geschienen, lagen, in ein Nichts zu­sammen gebrochen, vor ihm, und er schritt über sie hinweg, einer Zukunft voll berauschender Wonne entgegen.

Was er sagte, vernahm das Mädchen nur wie im Traum. Es rief kein Echo in ihrer Seele wach.

Einen Wunsch hege ich," bemerkte sie endlich, ihre Hand ruhig zurückziehend.

Er ist gewährt I Selbst das Unmögliche wollte ich mög­lich machen."

Ich verlange nur etwas leicht zu Erfüllendes. Magda soll mich später in das neue Heim begleiten."

Sie wird mir willkommen sein!" Rafaele glitt aus dem Zimmer. Frank machte erst eine Bewegung, wie um sie zurück­zuhalten, unterließ es jedoch auf einen Wink seiner alten Freundin und auf ihre leise Mahnung:Sie ist so eigen» thümlich, so ganz verschieden von anderen Altersgenosstnnen und hat das erste große Weh, von dem sie jäh und unvor­bereitet getroffen wurde, noch nicht vergeffen. Man muß ihr Zeit gönnen, sich selbst wieder zu finden und sie wie eine von schwerer Krankheit langsam Genesende betrachten."

Er neigte zustimmend den Kopf und trat ans Fenster, vielleicht um die Miene finsterer Unzufriedenheit, die fein Ge­sicht fast entstellte, zu verbergen. Hatte ihn im ersten Augen­blick ausschließlich eine Empfindung schwindelnden Entzückens beherrscht, so stürmte jetzt ein Heer quälender, bis zum Wahn­sinn reizender Gedanken auf ihn ein.Sie hat nicht ver­geffen? Aber sie foll, muß und wird es!" hätte er laut und drohend ausrufen mögen. Schon betrachtete er sie als sein Eigenthum und fühlte, daß er auf jeden ihrer Gedanken, auf jede Regung ihrer Seele eifersüchtig sein würde, daß er und sie nur entweder glücklich ober elend werden konnten. Ein ruhig freundschaftliches Verhältniß war durchaus un­denkbar.

Rafaele schritt inzwischen unter dem schon gelb und dunkelroth gefärbten Laubdach dahin. Auch damals, als das Schreckliche, Unfaßliche vorfiel, bereitete die Natur sich zum langen Schlummer vor, rissen rauhe Stürme verheerend den letzten Schmuck von den Zweigen und wirbelten halbwelke Blumenblätter umher. Nur ein Jahr war seitdem verflossen, und was hatte sich in dieser kurzen Spanne Zeit zugetragen? Der Glaube an die Rechtschaffenheit eines heißgeliebten Mannes war gestorben, langsam mit tausend Schmerzen ringend, wie Einer, der nicht von dem Leben scheiden will, der sich mit verzweifelter Energie gegen die ewige Vernichtung sträubt und

doch endlich unterliegen muß. Und sie, die diesen hinsterben. den, mit jedem Tag, mit jeder Stunde schwächer werdenden Glauben mit ihrem eigenen Herzblut hätte nähren mögen, hatte ihn einsargen müssen, war jetzt Braut, ohne Liebe ober auch nur Sympathie zu empfinben, nnb meinte über ein großes Grab hinzugehen, in betn alle Lebenslust, alle Hoffnungen ein­gescharrt lagen, und das der Spätherbst mitleidig mit seinen letzten Gaben zudeckte.

Rafaele! Um Gotteswillen, was ist geschehen? Wie siehst Du aus?" fragte Jemand neben ihr. War es die Stimme des Gewissens? War es der warnende Ruf frevel­haft gebrochener Treue? O nein! Wie doch die erregten Nerven ein armes Menschenkind, das mit sich selbst uneins ge­worden ist, martern können!--Magda, die sie vergebens

im Hause gesucht, stand vor ihr und sah sie angstvoll for­schend an.

Mir ist nichts geschehen, nichts! Ein freudiges Er- eigniß muß ich Dir verkünden."

Sprich ruhig!"

Thue ich es denn nicht?"

Nein, nein! Mir ist, als würde ich Furchtbares hören." Kleine Thörin! Dich beherrscht immer Deine krankhafte Einbildungskraft. Ist es etwa eine Unglücksbotschaft, wenn ich Dir sage, daß ich mich verlobte?"

Verlobt? Du? Mit wem?"

Mit Doctor Frank."

Was für ein seltsames, schneidendes Gelächter klang an ihr Ohr? Erschrocken blickte sie sich um. Da lehnte Magda an dem von Epheu umzogenen Stamm einer uralten Buche und lachte lachte, als hätte sie nie etwas Lustigeres ver­nommen, aber dabei strömten ihr die Thränen über das schmale Gesichtchen und die kleinen Hände ballten sich wie im Krampf.

Verlobt mit Frank? O, das ist ja sehr, sehr er­freulich! Du glückliche Braut! Kaum ein Jahr ist es her, daß Erich geschieden! Wohl Denen, die sich so leicht und schnell zu trösten vermögen! Ich gratulire Dir! Ja, gewiß, ich thue es, denn das Traurigste, was Jemand geschehen kann, ist: ein Herz zu besitzen."

Magda! Nichts Anderes hast Du mir zu sagen?" rief Rafaele bestürzt.

Nein, nichts Anderes."

Erich o, Gott weiß, wie ich ihn liebte war ja ein Unwürdiger."

Es mag fein aber ich an Deiner Stelle würde es niemals geglaubt haben."

Alles spricht gegen ihn und er selbst verteidigte sich nicht."

Vielleicht, well er erst mit Beweisen vor Dich hintreten wollte."

Warum willst Du neue Zweifel in mir erregen? Die Würfel sind gefallen. Um der Mutter willen folge ich dem Ungeliebten."

Es ist bequem, wenn man die eigene Schwäche und Un­beständigkeit hinter der Maske edler Aufopferung verbergen kann."

Mein Himmel, ich erkenne Dich nicht wieder! Von Dir hoffte ich, ermuthigt und getröstet zu werden."

Du bist zu felbstständig, um des Trostes zu bedürfen."

Wie sehr Du mich verkennst! Das Erste, was ich von Frank erbat, war, Dich in das neue Heim mitnehmen zu dürfen."

Mich? Ich folge Dir niemals!"

Magda!"

Nein, nein, nein!"

Minutenlang stand Rafaele sprachlos vor ihr, dann er­griff sie die feinen, bebenden Hände.Wirklich nicht?"

Nein! Und müßte ich zu Grunde gehen Deine Schwelle überschreite ich nie!"

Los riß sich die unbegreiflich Erregte und stürmte fort gleich einem verwundeten Thier, welches in das Dickicht hinein bricht.

(Fortsetzung folgt.)