Ausgabe 
10.10.1893
 
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Langsam, zögernd, wie Jemand, der vor einer furchtbaren l Entscheidung, vor etwas, das er kommen sieht und doch nicht sehen will, zurückbebt, schritt sie zu ihrer Tochter hinüber, allerlei nichtige Vorwände suchend, um den Moment des Ein­tritts hinauszuschieben. Bald hemmte sie den Fuß, weil ein kleiner Riß in dem Laufteppich war, bald bemerkte sie ein winziges Spinnengewebe, das doch eigentlich entfernt werden mußte. Aber endlich stand die zagende Frau doch vor der Thüre, hinter der ihr Alles, ihr geliebtes Kind, einer Nach- richt harrte, die nur jubelndes Glück oder namenlosen Jammer bringen konnte.--Diese Thür flog auf und Rafaele er-

schien in ihrem Rahmen. Beide Hände der Mutter ergrrff sie und zog die Erschauernde in das Zimmer-

Er hat sich gerechtfertigt, nicht wahr? Alles ist auf­geklärt," fragten mehr noch die Augen, als die farblosen Lippen.

Nein er konnte es nicht. Vergiß den Ehrlosen und weine Deinen Schmerz an meiner Brust aus "

Ein markerschütternder Schrei hallte durch das kleine, traute Gemach. Rafaele taumelte zurück wie vor einer plötz­lich auftauchenden gräßlichen Vision-

Kind, Kind, höre mich l Der Mutter Arme sind Dir ge­öffnet- Wohl Dem, der noch an ein treues Herz flüchten darf.

Ich bin jetzt keinem Tröste zugänglich und käme ein Engel von jenen Höhen herab geschwebt, so würde ich kaum auf seine Worte hören," erwiderte das Mädchen.Nur eine Wohlthat kannst Du mir erzeigen: Lasst mich allein I Was jetzt in meiner Seele tobt, dieses wilde Weh, diese Scham und Verzweiflung, muß ich selbst niederkämpfen, da vermag mir Niemand zu helfen. Geh', Mutter, geh'! - Wenn wir uns wiedersehen, werde ich ruhiger sein und will die Wunde nicht heilen, dann ziehe ich einen Schleier darüber: aber jetzt gönne mir die Einsamkeit, die l» auch ein tüdtlich ver­wundetes Thier aussucht. Ich bitte, ich beschöre Dich : geh

Gott helfe Dir und mir, die nur in ihrem Kmde lebt! sagte die alte Frau. r ,

Schon auf der Schwelle stehend, wandte sie sich noch einmal um und breitete segnend die Hände aus, während ihre Lippen sich wie im stummen Gebete bewegten.

Wochen zogen vorüber, ohne daß zwischen Mutter und Tochter des Vorgefallenen erwähnt wurde- Oft reichte Frau v Waldau dem Mädchen die Hand hin oder zog es an die Brust und streichelte zärtlich das goldene Haar; aber es war dann etwas in den märchenhaften Augen, was sie zu schweigen zwang. Und doch hatte Rafaele keineswegs mit der Vergangen« heit abgeschloffen. Ihr ganzes Leben bestand nur mehr aus fieberhaftem Harren.Heute muß etwa« geschehen, wodurch der furchtbare Zweifel verscheucht und Ehrichs Ehrenhaftigkeit bewiesen wird," sagte ste sich stets, wenn der junge Tag dämmerte, und flüsterte Abends mit blaffen Lippen:Also morgen. Morgen ganz gewiß!"

Doch die ersehnte frohe Nachricht blieb aus, und als es endlich hieß, Herr v. Degenfeld sei von Altdorf geschieden und abgereist, da meinte sie zu fühlen, daß sich gleichsam ein er- starrender Reif aus alle Hoffnungsblüthen, die immer wieder in ihrer Seele empor sprießen wollten, legte- Kem Schreiben war an ste gelangt, keine letzte Zusammenkunft hatte Erich er­beten. Er war gegangen, die Last einer furchtbaren Anklage mit sich schleppend. Nichts - nichts gab es, was ihren Muth und Glauben aufrecht erhalten konnte.

Die äußere Ruhe und Faffung wußte das stolze Mädchen auch jetzt zu bewahren, und Niemand vermochte eine wesent« liche Veränderung an ihr wahrzunehmen, nur das Mutterauge blickte schärfer. Frau v- Waldau entging es mcht, daß alle Freudigkeit von ihrem Kinde gewichen, und rote der Gärtner vor einer sorgfältig gepflegten Blume, die er welken sieht, trauernd steht, so beobachtete sie das Mädchen, und der ver­giftete Stachel der Sorge bohrte sich immer tiefer m ihr Herz. Daß die seit langer Zeit schon erschütterte Gesundheit der zarten Frau unter diesem geheimen, nagenden Gram litt, war selbst- verständlich.

Nachdem ein Jahr verfloflen, wiederholte Frank seine Werbung. Rafaele lehnte sie ab.

Zwingen kann und will ich Dich nicht," sagte die alte Frau mit müdem Ton,aber das entscheidende Wort zu sprechen, magst Du auf später verschieben."

Weshalb? Ich werde nie zu einem anderen Entschluß kommen," erwiderte das Mädchen, doch es fiel ihr auf, daß die Mutter in wenig Monaten furchtbar gealtert sei, und zum ersten Male durchbebte sie wie eine ernste Mahnung der Ge- danke:Gtebt es nicht noch herberen Schmerz, als den ge­täuschten Vertrauens?"

Während der Men Stunden schlaflos verbrachter Nächte mußte sie sich immer wieder diese Frage vorlegen, und es war ihr, als sähe sie einen Hügel von vielen, vielen Blumen 6e« deckt und sich selbst daneben knieen, und als höre ste eine klagende Stimme rufen:Jetzt ist Dir die Theure genommen." Du kannst nie wieder in die treuen Augen blicken, nie wieder die sanft schmeichelnde Hand über Deine Wange streicheln fühlen. Und als Lohn für ihre unwandelbare, grenzenlose Liebe gabst Du der nun Geschiedenen den Schmerz einer unerfüllten Hoffnung mit. ., , ,

Ach, Rafaele wußte ja, daß die Mutter keinen innigeren Wunsch hegte, als sie mit Frank zu vermählen, und machte sich bittere Vorwürfe, weil es ihr unmöglich schien, eine Ab- neigung zu überwinden, für die sie selbst vergebens nach recht­fertigenden Gründen suchte.

Erst nach Wochen fragte Frau v. Waldau, die wieder recht leidend war:Nun? Bist Du mit Dir zu Rathe ge- aangen? Ich darf unseren Freund nicht länger warten taffen."

Den Blick auf das Antlitz, das so unheilvolle Spuren raschen Verfallen« zeigte, gerichtet, verharrte das Mädchen in düsterem Schweigen- .

Sprich nur offen und ohne Rückhalt. Er ist ein Mann, dem das Streben nach hohen, edlen Zielen helfen wird, den Schmerz überwinden, und ich ich mußte ja oft meinen theuersten Wünschen entsagen, und werde e« auch in diesem Falle klaglos thun." ,, . ,,

Würde es Dich denn so glücklich machen, mich mit ihm zu vereinigen?" stammelte Rafaele niederknieend und die ge­liebte Gestalt, die immer schattengleicher wurde, umschlingend-

Es würde mir insofern das Scheiden von der Welt er­leichtern, weil ich Dich an seiner Seite wohl geborgen wüßte."

Aber ich liebe ihn nicht."

Mein Kind dieses leidenschaftliche Aufflammen, wel­ches Dich zwang, mir meine Einwilligung zu einer Verlobung mit Degenfeld abzuschmeicheln, wirst Du vielleicht nie wieder empfinden. Und führte es Dich denn nicht irre? Die erste heiße Liebe ist ein Götterfunke, doch unsere Welt kein Olymp- Achtung und Bewunderung kannst Du doch Frank nicht ver- I QM

Genügt aber Das, um mich für meinen süßen, holden Traum einer überirdischen Wonne zu entschädigen? Wird er selbst zufrieden sein mit Dem, was ich ihm bieten kann? - Ach, es ist sehr, sehr wenig." v m

Frau v. Waldau ergriff die Hände Ihrer Tochter:Darf ich aus Deinen Worten entnehmen, daß Du seine Gattin wer­den willst?" _ , . ,.

Rafaele schüttelte den Kopf-Von Wollen kann da keine Rede sein, ebensowenig aber von einer entschiedenen Ablehnung, sobald ich weiß, daß meine Zustimmung Dir eine schwere Sorgenlast abnimmt?" r

Du bist jung, feurig, unerfahren. Ich fürchte für Dich. Nur wenn ich mein Theuerstes in sicherem Hort weiß, vermag ich dereinst ruhig die Augen zu schließen. Du liebst Frank nicht, wirst aber dessen bin ich sicher es lernen, Deine Stütze in ihm zu sehen. Du, die vom Sturm der Leidenschaft hin« und hergeriffen, wirst Dich endlich an ihn klammern, wie die schwache Epheuranke den Stamm der Rieseneiche umschlingt. Erich kann und darf Dir nichts mehr sein! Oder besäßest Du so wenig Stolz, um" ,

Sprich nicht ans!" unterbrach Rafaele.Fest glaubte \ ich an ihn, und hätte er mir ein Wort gesagt oder geschrieben,

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