Ausgabe 
10.8.1893
 
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Gehöft zurück.

Erst eine halbe Stunde später trat der junge Arzt wieder in den Thorweg des Wtrthshauses ein. Von oben herab tönten ihm die Klänge eines arg verstimmten Clavier« und das durch eine Anzahl tanzender Paare verursachte scharrende Geräusch entgegen. Nur mit einem gewissen Widerstreben schien Doctor Armu« sich zu entschließen, die Treppe empor zu steigen und als er oben angelangt war, blieb er in der offenen Thür des Saales stehen, ohne daß sein Kommen von der anscheinend auf dem Gipfel allgemeiner Fröhlichkeit an» gelangten Gesellschaft bemerkt oder beachtet worden wäre-

Man tanzte eben einen Walzer und Alles, was noch über gelenkige Glieder verfügte, drehte sich nach den versührerischen Klängen. Auf den ersten Blick hatte Doctor Asmus Editha» herrliche, schlanke Gestalt in dem Gewühl herausgefunden, um zu sehen, daß es Hugo Neukamp war, an deffen Brust sie

legen." ,

Sie werden die Freundlichkeit haben, mich zu entschul» digen, Fräulein von Haffelrode," sagte Doctor Asmus hastig, noch ehe Editha Zeit gefunden hatte, zu antworten.Es gibt, wie ich gehört habe, noch ein paar kranke Kinder hier im Dorfe

Begleiterin zu verabschieden ein Vorhaben, deffen Ausführung bei seiner Redseligkeit eine ziemlich lange Zeit in Anspruch

sprechen?"

Das war derselbe einschmeichelnde Ton, derselbe bezaubernde Aufschlag der schönen Augen, welche den Doctor noch vor wenig Minuten berauscht hatten und Hugo Neukamps rasche, fast leidenschaftliche Antwort verrieth, daß sie auch dies­mal nicht geringere Wirkung thaten.

Ob ich Muth genug dazu habe?" rief er.Fordern Sie Alles, was ich besitze fordern Sie ein Stück von mesi nem Leben und ich will ein Schuft sein, wenn ich mich auch nur einen Augenblick bedenke, e» Ihnen zu Füßen zu

men, wenn ich unaufgesordert nach den kleinen Geschöpfen sehe.

Er grüßte sie und wandte sich, ohne Hugo Neukamp einer Blickes zu würdigen, rasch nach einem hinter ihnen liegenden

ich heute gefehlt."

O, Fräulein Editha" rief er mit hervorbrechender Wärme; aber er wurde gehindert, völlig auszusprechen, was ihm auf den Lippen geschwebt hatte; denn eben kam der alte Stellmacher wieder aus seiner Werkstatt, um sich mit vielen Dankerworten von dem Doctor und seiner vornehmen jungen

er hieß. Mein Junge hat freilich später, als er ein paar i Monate lang in der Hauptstadt arbeitete, Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um ihn herauszukriegen, aber er hat nichts erfahren können, und es war gut so; denn der Paul ist ein Hitzkopf und es hätte gewiß nur ein neues Unglück gegeben, wenn er an den Betrüger gerathen wäre. Mag ihn der da oben bestrafen für das, was er an meinem armen Kinde ge- than. Ich meine immer, sein Gewiflen könnte ihm ohnedies schon hier auf Erden keine ruhige Stunde mehr lassen."

Editha machte ihm ein Zeichen, zu schweigen; denn in diesem Augenblick öffnete sich die Thür des Krankenzimmers und Doctor Asmus winkte die junge Dame heran.

Sprechen Sie ein paar freundliche Worte zu ihr, mahnte er leise,aber machen Sie es kurz; denn es geht ihr noch gar nicht so gut, als ich'» wohl wünschen möchte."

In einer Kammer, die wenigstens hell und lustig war, wenn auch die Einrichtung an Armuth und Dürftigkeit kaum noch übertroffen werden konnte, lag das kranke Mädchen mrt verbundenem Kopfe auf dem niedrigen Bette. Von ihrem Ge­sicht ließen die weißen Tücher des Verbandes nur wenig sehen, aber die braunen Augen, die sanft und geduldig darunter hervorblickten, gaben ihr das rührende Aeußere einer demüthig in ihr schweres Schicksal ergebenen Dulderin. Editha von Haffelrode würde davon sicherlich noch mehr ergriffen worden j sein, wenn ihr nicht der abscheuliche Jodoform-Geruch, der die Kammer erfüllte, gar so empfindlich auf die verwöhnten Nerven gefallen wäre. So aber hätte es der Mahnung des Doctors kaum bedurft, um sie zu thunlichster Abkürzung ihres Sama­riterbesuches zu bestimmen. Sie trat an das Lager heran, reichte der Kranken die Hand und richtete einige freundliche Worte an sie, die freilich aus ihrem Munde von wahrhaft bezauberndem, herzgewinnendem Klange waren. Mit schwacher Stimme gab die Verwundete Antwort, und als Editha schließ­lich sagte:Ich hoffe, daß Sie sich keine Sorgen wegen Ihres Zustandes machen, meine Liebe Sie sind ja in den besten Händen und Doctor Asmus wird Ihnen sicherlich wieder zu voller Gesundheit verhelfen", da leuchtete es in den braunen Augen der armen Märtyrerin fast glücklich auf und ein Lächeln kindlich hingebenden Vertrauens umspielte ihre farblosen Lippen. Editha fühlte, daß der junge Arzt für dies unglückliche, ein­same Wesen etwas wie ein rettender Engel, wie ein über­irdischer Helfer war, und trotz des Jodoform-Geruchs, der ihr mit jedem Augenblick unerträglicher schien, fühlte sie sich für einen Moment von jener tiefen Bewegung ergriffen, die nie ohne eine gewisse erhebende und veredelnde Wirkung ist.

Als sie sich noch einmal über die Kranke herabbeugte, um Abschied von ihr zu nehmen, ließ sie sacht einige Goldstücke in ihre unverletzte linke Hand gleiten und sagte leise:Eine kleine Belohnung sür Ihre muthige That, mein Kindl Sorgen Sie dasür, daß sie nur zu Ihrer Pflege verwendet werde-

Dann ging sie hastig hinaus, als wolle sie sich allen Danksagungen entziehen und eine Minute später folgte ihr . u>« "«W übel nell

Doctor Asmus nach Es war ungewiß ob! er den kleinen | «nb NeJ« Vorgang bemerkt hatte, denn er erwähnte desselben mit keinem Wort; aber alle frühere Unfreundlichkeit war aus seinem Ge­sicht verschwunden und seine Stimme hatte einen weichen, fast zärtlichen Klang, als er sagte:Sie haben einen so großen Theil Ihres Vergnügens diesen armen Leuten zum Opfer ge­bracht, Fräulein Editha, daß ich mir fast Vorwürfe mache, dabei mitgewirkt zu haben." . u .

Sie schüttelte den Kopf und sah zu chm auf mit einem Lächeln und mit einem Blick, die ihm alles Blut heiß zum Herzen strömen ließen. ,, , _

Bedauern Sie es nicht, Doctor Asmus I" erwiderte sie leise.Ich würde mich freuen, wenn ich dadurch in Ihren Augen zu einem kleinen Theil wieder gut gemacht hätte, was

nahm.

Als sie Beide endlich auf die Dorfstraße hinaustraten, schien die Stimmung jenes glücklichen Augenblicks schon wieder verflogen; denn Editha sprach in ziemlich leichtem Tone von recht gleichgiltigen Dingen, während Doctor Asmus still und nachdenklich vor sich hinschaute.

Sie waren noch nicht hundert Schritte weit gegangen, als plötzlich wie aus der Erde gewachsen Hugo Reukamps mächtige Gestalt vor ihnen stand. Er mußte sie, hinter einem der dicken Lindenbäume verborgen, erwartet haben, da sie ja bis zu diesem Moment nichts von seiner Nähe wahrgenommen hatten. Unwillig zog Doctor Asmus die Brauen zusammen und warf einen erwartungsvollen Blick auf Editha, als hoffe er, daß sie den lästigen Gesellschafter, mit dem sie ja vorhin so wenig Umstände gemacht, durch ein unzweideutig entmuthigen- des Wort verscheuchen werde. Aber die junge Dame lächelte statt deffen dem Fabrikbesitzer fteundlich zu und sagte in einem neckenden Tone, der viel eher schelmisch herausfordernd als kühl abweisend klang:Suchen Sie die Einsamkeit, Herr Neu­kamp oder war es etwa gar Ihre Absicht, hier ganz ins­geheim auf Abenteuer auszugehen?"

In dem stark gerötheten Antlitz des Gefragten zitterte unverkennbar eine nur mühsam unterdrückte Erregung. Er gab sich gar keine Mühe, auf den von ihr vorgeschlagenen launigen Gesprächston einzugehen, sondern sagte sehr ernsthaft: Keines von beiden, Fräulein Editha I - Ich suchte nur Sie; denn ich war nahe daran, zu fürchten, daß Sie Haus für Haus allen Kranken und Elenden dieses armseligen Neste» Ihren Besuch abzustatten wünschten."

O nein," gab sie lachend zurück.Ich habe an den j Bekanntschaften, die ich bei der ersten Visite gemacht habe, für heute vollauf genug. Uebrigens freue ich mich sehr, Ihnen hier zu begegnen; denn ich habe eine Bitte an Sie, eine Bitte, die Sie mir in blanco gewähren müssen, noch ehe Sie ihren Inhalt kennen. Haben Sie Muth genug, mir da» zu ver-

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