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schmiegte. Eine zugleich zornige und schmerzliche Empfindung, die heiß in ihm emporstieg, wollte ihn bestimmen, sich sogleich »ieder abzuwenden; aber eine geheimnißvolle Gewalt, welche stärker war, als jenes bittere Gefühl, hielt ihn an seinem Platze fest und nöthigte ihn, zu seiner eigenen Qual allen Bewegungen des tanzenden Paares mit gespanntester Aufmerksamkeit zu folgen.
Er sah, daß Neukamp beständig leise auf Editha einsprach, daß er sein Haupt dabei in einer auffallend vertraulichen Weise zu dem ihrigen herabneigte und daß sie ihm mit einem süßen Lächeln zuhörte, welches wahrlich nicht auf eine Mißbilligung seines Benehmens schließen taffen konnte.
Ein paar Mal streiften sie so nahe an der offenen Thür vorüber, daß Editha den Doctor nothwendig hätte wahrnehmen müssen, wenn sie nur ein klein wenig Aufmerksamkeit für ihre Umgebung gehabt hätte. Aber sie war entweder völlig durch die mit heißem Athem geflüsterten Worte ihres Tänzers in Anspruch genommen, oder sie wollte es geflissentlich vermeiden, dem ernst beobachtenden, vorwurfsvollen Blick des Doctor Asmus zu begegnen. Beharrlich glitten ihre Augen über ihn hinweg, wie wenn da, wo er stand, nur leere Luft gewesen wäre, und einmal schien es dem Arzte sogar, als schmiege sie sich gerade in dem Moment, da sie an ihm vorüberkamen, noch inniger und zärtlicher in ihres Tänzers Arm.
Da endlich riß er sich gewaltsam los und wandte dem heißen, stauberfüllten Saal mit all' seiner lärmenden Fröhlichkeit den Rücken. Schon hatte er ein paar Schritte nach der Treppe hin gethan, als er hinter sich von einer sanften Stimme halblaut seinen Namen rufen hörte und, sich umwendend, in Monikas hübsche», von der leichten Erregung des Tanzes etwas höher gefärbtes Antlitz sah.
„Sie wollen doch nicht schon wieder fort, Herr Doctor?" fragte sie. „Ich habe mich schon so oft vergebens nach Ihnen umgesehen. Macht es Ihnen denn gar kein Vergnügen, an unserer Unterhaltung theilzunehmen? Oder haben Sie etwa gar das Tanzen verschworen?"
„O nein, Fräulein Monika," erwiderte er mit dem Bemühen, seine tiefe Verstimmung hinter einem freundlichen Lächeln zu verbergen. „Für heute aber muß ich allerdings um Entschuldigung bitten; denn ich habe in W. noch einige Kranke zu besuchen. In dem Schlitten Ihres Herrn Vaters war, wie ich gesehen habe, noch ein Platz frei. Werden Sie mir böse, wenn ich Sie bitte, diesen auf der Rückfahrt zu benutzen und mir im Interesse meiner Patienten großmüthig Urlaub zu geben?"
„Wie könnte ich Ihnen darum böse sein!" sagte sie und es war wirklich nicht Verdruß, sondern nur ein leiser Schatten von Traurigkeit, der sich dabei über ihr Antlitz legte. „Aber es thut mir leid, daß Ihre ärztlichen Pflichten Sie so ganz in Anspruch nehmen. Die kleine Erholung hätte Ihnen gewiß sehr wohl gethan."
Es war so viel warme Theilnahme in ihren Worten und Asmus fühlte so deutlich, wie wenig er dieselbe durch sein heutiges Benehmen im Grunde um sie verdient habe, daß ihn fast etwas wie Beschämung über seine Nothlüge befiel und er einen Augenblick ernstlich schwankte, ob er nicht dennoch bleiben solle. Aber seine Unentschlossenheit war nur von kurzer Dauer; denn in diesem Moment glaubte er in der Näke der Thür Hugo Neukamps Stimme zu vernehmen und der Klang derselben dünkte ihm so widerwärtig, daß er sich seinem Bereich selbst auf die Gefahr hin, unartig zu erscheinen, so rasch als möglich zu entziehen strebte. Es war ihm sehr willkommen, daß eben jetzt der dürre Assessor Valentini auf Monika zutrat und sie zum Tanze aufforderte. Mit einem bittenden Blick, dessen Bedeutung er eigentlich nicht recht verstand, reichte sie ihm zum Abschied die Hand und er fühlte deutlich einen leisen Druck ihrer warmen, schlanken Finger, als er ihr viel Vergnügen und eine fröhliche Heimfahrt wünschte.
Ohne noch einen Blick in den Saal zurückzuwerfen, eilte Doctor Asmus dann die Stiege hinab. Eine qualvolle Ungeduld peinigte den sonst so ruhigen Mann, als der Hausknecht, dem er den Befehl ertheilt hatte, seinen Braunen wieder
einzuspannen, dieser Weisung verschiedener anderer Verrichtungen wegen nicht sogleich nachkommen konnte, und er gab sehr zerstreute und einsilbige Antworten, al» der Prediger de» Dorfes, der unten im Herrenstübchen einen Nachmittagsschoppen getrunken hatte, sich zu ihm gesellte, um ein wenig mit ihm zu plaudern.
Sie standen auf den in den Hof hinabführenden Stufen vor der hinteren Thür des Hauses, und verschiedene Versuche des Doctors, loszukommen, waren bei der Hartnäckigkeit des etwas redseligen geistlichen Herrn ohne jeden Erfolg. Da plötzlich vernahm der junge Arzt in seiner unmittelbaren Nähe eine Stimme, deren Klang er unter tausend anderen erkannt haben würde, weil es nach seiner Ueberzeugung keinen süßeren und bestrickenderen Wohllaut gab, als diesen. Editha von Hasselrode mußte sich nur um wenige Schritte von ihm entfernt befinden; aber sie hatte von dieser Thatsache, wie davon, daß sie überhaupt belauscht werden könne, sicherlich keine Ahnung, da sie sonst schwerlich so laut und ungenirt ein Gespräch von unverkennbar vertraulichem Character geführt haben würde.
„Du bist ein Närrchen!" sagte sie mit übermüthig klingendem Lachen. „Warum in aller Welt sollte ich denn nicht glücklich mit ihm werden? — Er ist ein hübscher, galanter Mann und er kann mir vermöge seines Reichthum« und seiner gesellschaftlichen Stellung ein Dasein bereiten, wie ich es mir wünsche. Darf ein Mädchen heutzutage denn noch größere Ansprüche stellen als diese?"
Den Wortlaut der Erwiderung, welche ihr zu Theil wurde, konnte Doctor Asmus nicht verstehen- Er vernahm nur, daß es Monikas sanfte Stimme war, welche da sprach, und vielleicht der gedämpftere Klang derselben, vielleicht aber auch das Sausen des Blutes in seinen Ohren machte es ihm unmöglich, den Sinn ihrer Rede zu erfassen. Noch einmal machte er einen verzweifelten Versuch, dem mittheilsamen Seelsorger zu entrinnen und damit den Lauscherposten zu verlassen, auf dem ihm eine so vernichtende Enthüllung zu Theil geworden war; aber der Prediger, der gerade noch etwas sehr Wichtiges und Tiefsinniges zu sagen hatte, faßte ihn am Rockärmel und nöthigte den Doctor, der nicht mehr die geringste Aufmerksamkeit für ihn hatte, wider seinen Willen Stand zu halten.
Wie ein Gluthstrom schoß es dem Gepeinigten nach Kopf und Herzen, als er wieder Edithas fröhliche, von einem Ausdruck triumphirender Freude belebte Stimme sagen hörte:
„Gewiß werde ich ihn lieb haben, wenn auch meine Auffassung von dem Wesen der Liebe vielleicht ein etwa» weniger schwärmerische und überschwängliche ist, als die Deinige. In der Ehe ist die Gewöhnung doch wohl die Hauptsache und ich sehe nicht ein, warum ich mich nicht sollte an ihn gewöhnen können. Uebrigenr leugne ich gar nicht, daß mir selber seine Erklärung vorhin etwas überraschend gekommen ist. Ich hatte ihn ein wenig eifersüchtig machen wollen dadurch, daß ich mit dem Doctor Asmus, auf den er einen nicht geringen Haß zu haben scheint, jenen schauderhaften Krankenbesuch machte —"
„Hochwürden werden mich entschuldigen; aber mein Pferd ist eingespannt und ich darf in Wahrheit keine Mnute mehr verlieren."
In hastigen, abgebrochenen Worten, deren sonderbarer Klang den Geistlichen erstaunt aufblicken ließ, hatte Doctor Asmus auf solche Art den Redestrom des wackeren Herrn gerade an seiner schönsten Stelle unterbrochen und war dann in den Hof hinab geeilt, wie wenn ein Verfolger hinter ihm wäre.
Wenige Minuten später sauste der kleine Schlitten wieder auf der Landstraße nach W. dahin, und der behäbige Braune schien wiederholt durch unwilliges Kopfschütteln seiner Entrüstung über die ganz ungewohnte Art, in welcher sein Herr ihn heute zu raschem Laufe anfeuerte, einen lebhaften Ausdruck zu geben.
(Fortsetzung folgt.)


