Ausgabe 
10.8.1893
 
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18f)3.

Donnerstag, den 10. August.

Das goldene Kalb.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Ja 7- Gott sei es geklagt! Aber es ist vielleicht wirklich nur eine ganz gewöhnliche Geschichte. Weil sie schon mit vierzehn Jahren klüger und anstelliger war, als all' die anderen Mädel im Dorfe, hatte der Herr Pastor unsere Lene als Kindermädchen zu sich in's Haus genommen und als er dann einmal Besuch hatte von seinem Bruder, der ein hoch- gestellter Herr in der Hauptstadt war, ließ er mich kommen und fragte, ob ich nicht meine Zustimmung dazu geben wollte, daß der Bruder sie zu ihrer befferen Ausbildung mit sich in die Hauptstadt nähme. Es wurde uns schwer, sie fortgehen zu laffen denn damals war auch meine arme Frau noch am Leben, aber am Ende meinttzp wir doch, daß es zu ihrem Glücke sei und waren ihr darum nicht im Wege. Ein paar Jahre lang ging denn auch Alles wunderschön. Die Lene war zur Krankenpflegerin ausgebildet worden und der Bruder unseres Herrn Pastors hatte ihr einen Platz bei sehr reichen und vornehmen Leuten verschafft, wo sie sehr gut gehalten wurde und außerdem noch eine Menge Geld bekam. Wir Alle waren herzlich zufrieden, bis wir eines Tages einen Brief von der Lene erhielten, daß sie ihre Stellung gekündigt habe, weil sie sich nächstens verloben und heirathen wolle. Ein braver junger Mann habe ihr seine Hand angetragen er sei frei­lich blos ein armer Teufel, ein Schreiber bei einem Advocaten, aber am Ende könne sie ja auch etwas verdienen und da sie sich rechtschaffen lieb hätten, würden sie auch mit dem Wenigen auskommen, vas ihnen das Schicksal bescheert habe. Nach ein paar Wochen, wenn er einmal auf zwei oder drei Tage aus seinem Bureau abkommen könnte, würde ihr Bräutigam zu uns kommen, sich unsere elterliche Einwilligung zu holen- Der Brief machte uns wenig Freude; aber wir wußten, daß da mit Vorstellungen und Warnungen nichts mehr auszurichten fein würde, denn die Lene hatte immer ihren Kopf für sich gehabt und war sie sich einmal vorgenommen, das setzte sie auch sicherlich durch. Wir warteten also auf den Bräutigam, dem ich gehörig auf den Zahn fühlen wollte; aber von einer Woche zur anderen warteten wir umsonst. Er kam nicht und als wir bei der Lene anfragten, wie das zuginge, blieb auch sie uns die Antwort schuldig. Statt dessen aber schrieb mir ihre Herrschaft einen Brief, ich möchte doch so schnell als rnög- lich nach der Hauptstadt kommen, denn mit der Lene sei etwas nicht in Ordnung und sie fürchteten, daß ein Unglück geschehen

könnte. Da kratzten wir denn Alles zusammen, was wir hatten und setzten uns auf die Eisenbahn, mein armes Weib und ich. Na, was soll ich Ihnen weiter sagen, mein liebes, gnädiges Fräulein? Wieder gesehen haben wir unsere Lene freilich, aber nicht, wie wir's erwartet hatten, bei ihrer Herrschaft, sondern in dem schrecklichen Leichenhause, dahin sie die Erhäng­ten und die Ertrunkenen bringen. Da lag sie und"

Seine zitternde Stimme versagte ihm völlig und ein schmerzliches Schluchzen erschütterte seinen gebrechlichen Körper. Editha wartete geduldig, bis er sich einigermaßen gefaßt hatte; dann fragte sie:Ihr Bräutigam hatte das Verlöbniß gelöst, nicht wahr? Und aus Kummer darüber war sie in den Tod gegangen?"

Der Stellmacher schüttelte wehmüthig den grauen Kopf.

Es war schlimmer als das! Der erbärmliche Kerl, dem sie ihr ganzes Vertrauen geschenkt hatte, war nichts an­deres, als ein gemeiner Betrüger. In einem Brief, den sie für uns zurückgelaffen, theilte uns die Lene mit, wie sie durch einen Zufall erfahren habe, daß ihr Geliebter sich ihr gegen­über einen falschen Namen beigelegt habe und daß er gar kein Advocatenschreiber, sondern ein Student und der einzige Sohn steinreicher Leute sei, die natürlich niemals eingewilligt haben würden, daß er ihnen einen Dienstboten als Tochter zuführe. Aber er selber habe auch an eine solche Möglichkeit niemals gedacht und er habe ihr das mit lachendem Munde rund heraus erklärt, als sie für seine ehrlose Handlungsweise Rechenschaft von ihm gefordert. Da wollte sie denn mit ihrer Schande nicht mehr länger leben und wollte uns lieber den kurzen Schmerz bereiten, sie zu verlieren, als daß wir unser Leben lang genöthigt sein sollten, uns ihrer zu schämen. Das ist die ganze Geschichte, mein liebes, gnädiges Fräulein! Wir gaben unsere letzten Groschen hin, um ihr wenigstens ein anständiges Begräbniß zu verschaffen, und als ich mit meinem armen Weibe heimfuhr, da sah ich's ihr vom Gesicht ab, daß sie's nicht lange überleben würde; denn es war gerade, als ob sie über Nacht um zwanzig Jahre älter geworden wäre. Und es hatte mich nicht betrogen, denn noch bevor ein Vierteljahr um war, legten wir auch sie in die Erde. Wenn nicht die Agnes dagewesen wäre, weiß Gott, ich hätt's ihr am liebsten nach- gethan; denn daß ich nun so allein auf der Welt Herumlaufen sollte, das wollte mir gar nicht in den Sinn."

Und jener Mensch? Er ist ganz ungestraft geblieben? Sie haben ihn niemals zur Rechenschaft gezogen?"

Was hätte ich ihm denn thun können, mein liebes Fräulein? Und außerdem, wo hätte ich ihn finden sollen? Ich wußte ja nicht einmal seinen richtigen Namen; denn die Lene hatte uns in ihrer Großmuth nicht geschrieben, wie