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Comteß Therese stand todtenbleich. Beide Hände preßte sie auf die wogende Brust und die großen, blauen Augen rich­teten sich starr in die Ferne.

Ich soll ihm vergeben Arthur!" flüsterte sie dann. O, und wenn er mir das Herz aus dem Körper gerissen, ich könnte ihm nicht zürnen; die Liebe kann es nicht, sie kann nur ewig und immer vergeben!"

Als sie aufsah, war das Weib verschwunden, nur der herabstnkende Abend umgab sie und seufzend wandte sie sich heimwärts.

Vorwärts, man sucht wohl schon das Opferlamm, um es zu schmücken!" flüsterte sie und eilte in das Schloß zurück.

* *

Der Hochzeitstag brach kalt und trübe an. Müde, ab­gespannt stand die schöne Braut am Fenster und blickte hinaus in die graue Ferne.

Ist Dein Koffer schon gepackt, mein Herz?" frug die geschäftige Cousine Lina, welche heute den Ehrendienst bei Therese übernahm,vergiß nur nicht, daß Dein seidenes Kleid von der Standesamtstrauung noch mit hinein kommt."

Die Jungfer besorgt Alles, Lina," erwiderte Therese mit mattem Lächeln.

Wie apathisch und sonderbar Du bist, Therese," schalt Cousine Lina,man sollte meinen, Du gingst einem Begräb- niß, nicht aber Deiner Hochzeit entgegen."

Es ist auch ein Begräbniß das meiner Jugend und meines Glückes."

Aber Comteß Therese hauchte die letzten Worte nur leise hervor, so daß die Cousine sie nicht verstand und kopsschüttelnd hinausging, um die Jungfer zum Fristren zu senden.

Wie im Traum ließ Therese Alles mit sich geschehen, ihre brennenden Augen hafteten an dem perlgeschmückten Gold­reif, den sie trug. Der Ring hatte kein Ende, heute schloß sich die Fessel für immer I

Verwundert schaute die Jungfer ihre Herrin an. Was war mit derselben geschehen, daß sie heute, wo sie nun Frau Fürstin, Durchlaucht, werden sollte, so todestraurig aussah? Beinahe so, wie die arme Marie im Dorfe, als man ihren Schatz begraben.

Wollen Comteß das Haar gebrannt oder schlicht arran- gilt haben?" frug die Jungfer dienstbeflissen, aber Therese schaute gedankenlos auf.

Wie Sie wollen, mir ist's gleichgültig," sagte sie dann.

Die Verwunderung der Kammerzofe verwandelte sich all- mälig in Theilnahme beim Anblick des lili-nweißen Gesichts, welches mit großen, starren Augen aus dem Spiegel ihr ent­gegenstarrte. Das war kein Glück, sondern tiesstes Seelenleid, welches im Antlitz der Comteß zu lesen war.

Rauschend fiel der schwere Damast des Hochzeitskleides um die schlanke Gestalt und glitt in starren Falten auf dem Boden dahin; hochaufgerichtet stand Therese, als die Mutter eintrat, um selbst den Myrthenkranz der Tochter aufzusetzen. Es war für Mutter und Tochter ein schwerer Moment, vielleicht schwerer noch für die ernste Frau mit den verweinten Augen, deren mütterliches Herz schier brechen wollte beim Anblick der bräut­lich geschmückten Tochter.

Mein Kind, mein armer Liebling," rief sie ganz außer sich und breitete beide Arme aus, doch Therese wich mit geister­haftem Ausdruck zurück.

Still, Mutter, still; rühre nicht an die Wunde hier im Herzen! Ich habe ja freiwillig dem Fürsten mein Jawort ge­geben ich konnte nicht anders!"

Die Schloßkapelle war auf'» schönste geschmückt. Kopf an Kopf drängten sich die Leute aus dem Dorf und die Diener­schaft herbei, um das Brautpaar zu sehen; Flüstern und Mur­meln ging durch die Reihen, sie hatten Alledas Comteßchen" sehr lieb.

Ob sie wohl recht glücklich werden wird?" frug eine Bäuerin.

Der Fürst soll ein sehr reicher Mann sein und sie schreck­

lich lieb haben; glaub' es wohl, denn wer hätte sie nicht lieb," meinte eine Andere.

Aber ob sie ihm ebenso gut ist? Sie sah immer so bleich und ernst aus seit der Verlobung, gelächelt hat sie niemals mehr," bemerkte eine Dienerin.

Oho, wenn man Frau Fürstin heißt, darf mau doch wohl mit seinem Geschick zufrieden fein," sagte dann die Köchin.

Die Glocken läuteten, die Wagen fuhren vor und eine glänzende Hochzeitsgesellschaft entstieg denselben. Als sich Alle in dem breiten Hauptgange des Gotteshauses geordnet, setzte die Orgel mit vollem, tiefem Accorde ein und das Braut­paar trat ein.

Fürst Sereco, dessen breite Brust mit mehreren ausländi­schen Orden geschmückt war, schritt selbstbewußt lächelnd zwischen der Gesellschaft dahin, an feinem Arme ein liebliches, bleiches Mädchen, das der faltige Tüllfchleier mitleidig vor den neu­gierigen Blicken der Menge barg.

Still wurde es in der Menge, ein jeder der Zuschauer neigte theilnehmend das Haupt. Es «ar fast, als ob ein Opfer feiner Bestimmung entgegengeführt wird.

Therefe hatte sich selbst den Text der Traurede gewählt, aber sie vernahm nun keine Silbe, wie ein Schwall rauschten die Worte des Geistlichen an ihrem Ohr vorbei; es that ihr im Herzen weh, doch sie konnte nur tief athmen unter der Centnerlast, die sie schier erdrückte.

Der Geistliche hatte nun die hochbedeutsame Frage gestellt, der Fürst mit lautemJa" geantwortet und Therese öffnete die schneebleichen Lippen, um auch ihrerseits den feierlichen Schwur auszusprechen; doch zweimal rang sie vergeblich nach einem Ton, erst beim dritten Male kam ein zitternder Laut hervor, ein schwachesJa" von ihren Lippen-

Mein armes Kind," rief es im Herzen der Gräfin, und sie hätte lieber das eigene Leben gelassen, wenn dafür ihr Lieb­ling glücklich hätte werden können.

Man wechselte die Ringe, hellauf flammten die Brillanten, und als der Geistliche der Neuvermählten das Kleinod darbot, da neigte sich das fchleierverhüllte Köpfchen tiefer und eine heiße Thräne fiel darauf. Das war auch eine Gabe zur Hochzeit, ein Himmelsgeschenk: Therese konnte wieder weinen! Und dann klangen abermals die Glocken, Fürst Sereco führte seine Gemahlin stolz und heiter hinaus, wo die Wagen ihrer harrten. Ein eisiger Windstoß fuhr ihnen entgegen, die junge Frau erbebte bis in's Herz hinein und lehnte dann, einen Mo­ment fassungslos, in den Kissen der Equipage. Der Schlag fiel zu, die Pferde zogen an und ihr Gemahl beugte sich mit zärtlichen Blicken über sie-

Run bist Du ganz mein, Liebchen," flüsterte er ihr in's Ohr,aber sieh' nicht so ernst drein, Therese, wir wollen ein fröhliches Leben führen! Du bist heut' schön wie eine Galathee, aber ich muß Dich noch aufwecken aus Deiner Starrheit! Ich werde Geduld haben und schließlich triumphiren."

Das Hochzeitsdiner verlief wie alle derartige Festlichkeiten mit vielen Reden und Toasten, mit Lachen und Gläserkltngen. Der jungen Fürstin, der die meisten Huldigungen galten, wurde es furchtbar schwer, sich aufrecht zu halten und verbindlich liebenswürdig all' den Worten zu lauschen und zu antworten, die auf sie einstürmten. Aber sie war von Jugend auf an Etiquette gewöhnt und lernte sie heute zum ersten Male als Erlöserin betrachten.

Nach aufgehobenem Diner trat, wennschon schwer mit sich ringend, der Oberförster Fels zu der jungen Frau und reichte ihr die Hand, in welche sie schweigend ihre Rechte legte.Gott behüte Sie, Durchlaucht," sagte er ergriffen,ich wünsche Ihnen von Herzen Glück und Segen."

Vergessen Sie mich nicht ganz, Herr Oberförster," lächelte sie wehmüthig,ich werde auch oftmals an Sie und und all' meine Freunde zurückdenken. Vergessen werde ich niemals I"

Möchten Sie recht glücklich werden, Durchläucht! Dies ist ein wahrer Herzenswunsch Ihres alten Freundes."

Glück?" frug sie bitter.Was ist Glück? Ein Ge­danke, ein Wölklein, welches am Menschenleben flüchtig vorbei-