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Die Zeit flog dahin. In Schloß Weilern herrschte eifrige Thätigkeit, die Aussteuer Theresens war bald fertig und immer näher rückte der von der schönen Braut so gefürchtete Hochzeitstag. Die dürren Blätter fielen herab von den Bäumen, kalte Herbststürme rasten über das Land und eisige Regentropfen entströmten den dunklen Wetterwolken, die am Himmel dahin- jagten.
Es war der Polterabend und' im Schloß begann schon am Nachmittag eine rege Thätigkeit sich zu entfalten, an der nur Therese selbst nicht theilnahm- Ihr Kopf schmerzte heftig und so eilte sie denn noch in der Dämmerung hinab in den
„Ich roiH’S Dir nimmer sagen, Wie ich so lieb Dich hab'; Im Herzen will ich's tragen, Und still sein wie das Grab. Und kannst Du dann nicht lesen, Was aus dem Äug' mir spricht: So ist's ein Traum gewesen, Dem Träumer zürne nicht!"
In vibrirendem Tonfall schloß die Sängerin, nachdem die letzten Zeilen sich mehrfach wiederholt; es war ihr so eigen um's Herz, denn Der, dem dies Lied wie neulich das letzte gegolten, war ja nicht hier! Ein weiter Abgrund gähnte trennend zwischen ihnen, eine dunkle Macht hatte sie auseinandergerisien!
„Noch ein Lied, Comteß, bitte, roch eins," riefen die Herren und Damen, näher herandrängend, „aber ein heiteres, wie es einer glücklichen Braut geziemt."
Sie wandte sich vom Flügel zurück, den Gästen zu, aber wie mit schwarzem Schleier erschien ihr Alles bedeckt, der immer tiefer und dichter herabsank. Sie wollte etwas erwidern, aber die Stimme erstickte ihr in der Kehle, nur mit der Hand griff sie noch an's Herz — dann sank sie zu Boden, von tiefer Ohn- macht umhüllt.
Erst in ihrem Schlafzimmer schlug Therese wieder die Augen auf und fah in das treue, kummervolle Antlitz der Mutter, welches sich über sie neigte.
„Mein Liebling," flüsterte die Gräfin bewegt, „Gott sei Dank, daß Du wieder zur Besinnung gekommen bist."
„O, Mutter," hauchte das unglückliche Mädchen schmerzlich, „wenn ich doch nie mehr erwacht wäre zum Leben — es ist so schwer, so furchtbar schwer und dunkel."
Braut geworden sei; was zwischen Arthur und Therese vorgefallen ist, weiß ich nicht — aber ich beklage Ihren Sohn ebenso wie meine Tochter von ganzer Seele."
„Das Leben ist kein Kinderspiel, gnädige Gräfin," erwiderte der Oberförster. „Nun aber die Scheidewand zwischen unseren Kindern gezogen, habe ich in beider Charaktere die feste Zuversicht, daß sie still halten und stark fein werden. Der Fürst wäre, abgesehen von Namen und Reichlhum, übrigens nicht der Mann, dem ich als Vater meine einzige Tochter anvertrauen möchte. Vergeben Sie dies offene Urtheil."
„Es ist auch das meinige, Herr Oberförster, doch ich habe keinerlei Einfluß auf meinen Gemahl, wie Sie wissen."
„Nun aber, liebe Therese, mußt Du noch ein Lied singen," rief Fürst Sereco, der ein Glas Wein nach dem anderen hinunterstürzte, „ich war neulich ganz entzückt von dem Trom- pctcrlicb."
„Das singe ich nicht," gab sie bestimmt zurück, „überhaupt werde ich wohl kaum bei Stimme sein; die verschiedenen Aufregungen des heutigen Tages ..."
„O, eine Absage? Da wird nichts daraus," fiel der Fürst lachend ein und schlang den Arm um ihre Taille, „komm' nur mit, ich begleite Dich und wir suchen irgend ein recht heiteres Lied aus." ,
„Altstimmen eignen sich wenig dazu- Hier ist ein Sieb, das werde ich fingen."
Die belebte Unterhaltung der Gäste verstummte, als die weiche, volle Stimme des schönen Mädchens aufbrauste; es war nur ein einfaches, kurzes Lied, aber so schmerzdurchzittert und ergreifend, daß mehr wie ein Auge sich feuchtete, als Therese
Garten, um Luft zu schöpfen. Es war ihr Alles wie im Traum. Vorhin hatte sie den grünen Myrthenkranz liegen ehe», den ihr nachher die erste Brautjungfer überreichen sollte, rnd sie, die Braut, war entflohen! Aber es half Alles nichts, )ie Hochzeit mußte stattfinden.
„Wenn ich jetzt fortliefe," dachte Therese bei sich, als sie dahinschritt über die mit dürren Blättern bedeckten Parkwege, „würde mir das helfen? O nein, der Telegraph würde spielen, >ie Behörden Notiz von dem unglücklichen Falle nehmen und die Trauung würde in aller Stille dennoch vorgenommen werden. Und zudem, ich gab ja auch freiwillig mein Wort, ich muß es also halten."
Neben dem Wege raschelte es im Gebüsch und beim Zwielicht des scheidenden Tages richtete sich eine Weibergestalt in die Höhe, welche flehend Therese die Hand hinhielt. „Erbarmen, chöne Dame, ich — komme um vor Hunger; nur ein winzige?
Stücklein Brod."
„Wer seid Ihr?" frug Therese erschrocken. „Und wie kommt Ihr hier in den Park?"
„Kennt Ihr nicht die vervehmten, ausgestoßenen Kinder der Pußta? Ich bin eine Zigeunerin, die überall, wo sie flehend die Hände um Brod erhebt, mit Fußtritten fortgewiesen wird."
„Ich gebe Euch keinen Fußtritt," entgegnete die Gräfin gütig und nahm ein Markstück hervor, um es der Bettlerin zu reichen.
„O, schönes Fräulein, Sie sind gut," rief das braune Weib eifrig. „Sie haben vom Hungertode mich gerettet und Gott im Himmel vergelte es Ihnen- Aber damit Sie sehen, daß die braune Ilka auch dankbar ist, will ich Ihnen wahrsagen, was Ihnen im Leben noch geschehen wird. Viel Glück gewiß, denn Sie sind schön und gut und vornehm."
„Meint Ihr denn, gute Frau, daß damit auch Glück stets verbunden ist?" frug Therese voll Bitterkeit, aber sie reichte doch die feine Hand hin: ein unerklärliches Gefühl drängte sie dazu Das Dämmerlicht hatte schon stark abgenommen, ein kalter Nordwind raschelte in Baum und Strauch und aus den Regentropfen wurden kleine Schneeflöckchen.
„Eilt Euch, ich muß heim," drängte die Dame, und die Zigeunerin ließ entschlossen die schlanke Hand fallen.
„Nein, ich will Euch nicht prophezeien; es stehen dunkle Dinge in Eurem Lebenslauf: ich wünschte, daß ich mich irrte, aber — das kommt bei Ilka selten vor."
„Aber ich will, daß Ihr mir wahrsagt," rief Therese heftig und zog noch ein Geldstück hervor, „heute ist der Vorabend meiner Hochzeit - und ich muß wissen, was mir bevor- n,Cf 11
’ schrie das Weib leidenschaftlich auf und warf sich vor der Dame zu Boden. „Thut es nicht, Gnädige, ich beschwöre Euch, sagt noch am Altäre Nein, denn — denn — Ihr werdet sehr unglücklich sein."
„Meinst Du denn, Thörin, ich wiegte mich in der Meinung, dem Glück entgegenzugehen," lachte Therese bitter aus, „o nein; ich liebe den Mann nicht, dem ich angetraut werde, aber ich habe freiwillig Ja gesagt; hörst Du, es trieb mich wie mit dunkler Gewalt dazu."
„Ja," nickte die Zigeunerin geheimnißvoll, „das ist das Rechte. Dunkle Gewalten greifen ein in Euer Leben — und Der, den Ihr liebt, ist fein, auf ewig fern!"
„Ich weiß es. Kannst Du nicht mehr sagen?'
„O doch. Ein Leben voll Qual und Schmerz, voll schwerster Psiichtersüllung, — aber ohne Licht liegt vor Euch; lange, lange währt es, silberne Fäden durchziehen Euer Haar — und dann wird das Herz ruhiger. Ihr könnt später allen Denen vergeben, die Euch unglücklich gemacht haben, auch Demjenigen, der • .
„Meinem künftigen Gemahl?" unterbrach die Comteß das Weib. „Ihm zürne ich nicht, denn ich nahm freiwillig das Joch auf mich." ,, ., , „
„Nein, nicht ihm - einem - Anderen! Hu, ich sehe den Wahnsinn flimmern im Auge, sehe eine Waffe blitzen! Fort, gnädige Frau, verlangt nicht mehr zu wissen. Gott ist!barmherzig, daß er uns Menschen die Zukunft verborgen laßt-
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