Ausgabe 
9.9.1893
 
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schluchzte sie,wenn ich auch an Dir gezweifelt habe. Ich weiß nicht, auf welche Gründe hin meine Mutter und mein Mann jenen Verdacht gerechtfertigt hielten. Sie muffen ihnen als unwiderleglich erschienen sein, und ich war jung und ver­stand nur, daß Du etwas zu Deiner Vertheidigung thun würdest, wenn es sich anders verhalten hätte. Ich habe um Dich getrauert, Erich, alle die Jahre"

Alle die Jahre, die man mich kluger Weise von hier entfernt hielt, alle die Jahre, in denen ich keine Ahnung von dem schmachwürdigen Verrath hatte, den sie an mir übten," unterbrach er sie, die Arme ineinander verschränkend, während seine Augen zornig aufleuchteten. Sie zuckte zusammen, ihr Gesicht wurde todtblaß, und ihre Augen erweiterten sich in starrem Entsetzen, als sie verstand, was er meinte.

Erich, mein Gott, mein Gott!" Sie bebte an allen Gliedern, und ihre Zähne schlugen hörbar gegeneinander. Ein herzliches Mitleid stieg in seinem Herzen auf, als er sie

mit seiner starken Hand stützte und zu dem Sopha führte.

Dort setzte er sich neben sie und, den Arm um sie schlingend,

ließ er ihr Haupt an seiner Schulter ruhen. Es währte eine

geraume Zeit, ehe sie es wieder emporrichtete; als sie dann sprach, klang ihre Stimme müde und erschöpft:Ich kann es nicht ausdenken," sagte sie leise,aber ich weiß, daß ich an Dich glaube, Erich, und der Vater hat auch an Dich geglaubt in seiner letzten Stunde. Ich sah es an dem verklärten Aus­druck seines Gesichts, während der Herr Pastor von Dir sprach, er ist in der Ueberzeugung hinübergegangen, daß Du unschuldig bist."

Erich schloß beide Arme um sie und küßte sie herzlich. Wenn nur sein Leben noch um ein Weniges verlängert wor­den wäre," sagte sie klagend,daß Du es aus seinem Munde gehört hättest. Aber der furchtbare Schreck, als er von Deiner Ankunft erfuhr" Sie stockte plötzlich und fchmiegte sich wieder an ihn. Nach einer kurzen Pause fragte Erich unver­mittelt:Liebst Du Deinen Mann, Hertha?" und als sie nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:Es scheint eine seltsame Frage, aber Du wirst verstehen, daß ich sie thue. Ich habe nichts von Deiner Hochzeit erfahren und finde nun plötzlich, daß Du seit Jahren mit Malte Hamann verheirathet bist, den, als ich fortging, nichts dazu berechtigte, die Augen zu der Tochter des Hauses zu erheben. Wie ist das nur gekommen, Hertha?"

Es war der Wunsch der Mutter," war Herthas ruhige Antwort.Malte hatte ihr gesagt, daß er den Hof verlaffen wollte, wenn sie nicht des Vaters Einwilligung zu unserer Ver­bindung erlangen könne, und er war ihr unentbehrlich gewor­den, seit die Last der Wirthschaft allein auf ihr lag."

Erich schwieg einen Augenblick, dann fragte er noch ein­mal:Und Du hast Deinen Mann lieb gewonnen in diesen Jahren Eurer Ehe?"

Herthas Entgegnung kam nicht sogleich und was sie dann erwiderte, war jedenfalls nicht eine freudige Bejahung der Frage.Er ist fleißig in der Arbeit und ich habe einen prächtigen Sohn, einen Jungen, wie Du gewesen sein mußt, Erich, so unerschrocken und treu. Er liebt mich, Erich, und er trägt Deinen Namen und den unser» Vaters."

Sie saßen zusammen, Hand in Hand, bis das erste Morgen­grauen am Himmel erschien und das Zimmer mit unsicherem Dämmerlicht erfüllte. Kein Wort von irdischen Fragen oder Bedenken wurde mehr zwischen ihnen gewechselt, es war, als ob Alles in den Hintergrund getreten fei in dem einen Gefühl, daß sie sich trotz der Trennung langer Jahre verstanden und nahe standen. Jetzt erhob sich Hertha, löschte die Lampe und trat mit geräuschlosem Schritt, als ob sie seine Ruhe nicht stören wolle, an das Lager des im Tode Schlummernden. Sie beugte sich und küßte die kalte Hand, ehe sie sich zu Erich wandte, der ihr gefolgt war und neben ihr stand. Noch ein­mal schlang sie beide Arme um seinen Hals, und diesmal drückte er sie an sich und küßte sie herzlich. Dann verließ sie das Zimmer und er folgte ihr bis zum Anfang der Treppe- Dort blieb er stehen und schaute ihr nach. Am Fuß derselben blickte

sie noch einmal grüßend zu ihm zurück und war dann seinen Augen entschwunden.

Langsam und schwer verstrichen die folgenden Tage. Er lag wie eine düstere Wolke über dem Hause und Garten, in dem sich während der dem Begräbniß vorangehenden Tage kein Gast aus Crumbach sehen ließ. Dafür hatte ihn sich der kleine Erich als ungewohnt freien Tummelplatz für seine kind­lichen Spiele erkoren, er trabte auf seinem Steckenpferd auf und nieder in den verlassenen Gängen oder folgte dem Ball, wie er hoch hinauf in die Lüfte fuhr -und dann plötzlich an unerwarteter Stelle wieder zur Erde kam. Sein frisches Kindergeficht mit dunkeln Augen und braunem Haar, einem Erbtheil von des Großvaters Seite, war das einzige, welches frisch und fröhlich in die Welt hineinblickte, und wenn er neben ihm stand und die kleine, braungebrannte Hand auf sein Knie legte, so zog ein freundlicher Ausdruck über die sonst so ernsten Züge. Erich war in Grashagen geblieben, unangefochten durch Worte oder Vorstellungen von Mutter und Schwager, wenn ihnen auch seine Gegenwart ein Grund beständiger Unruhe war und sie die Zeit herbeisehnten, wo es klar zwischen ihnen werden mußte. Das konnte jedoch erst sein, wenn das Testa­ment ihm die richtige Stellung anwies, und es schien in ihrem Interesse zu liegen, die Meinung zu erwecken, daß sie keine Kenntniß von seinem Inhalt hatten. Daß bis dahin Alles im Hause blieb, wie es vorher gewesen war, erschien selbst­verständlich. Malte besorgte die Angelegenheiten auf dem Hofe und im Felde und kam später, als es sonst seine Gewohnheit war, oft erst Abends mit den Arbeitern heim, die Mutter ver­waltete, was zur Jnnenwirthschaft gehörte und traf Anord­nungen zu dem großen Begräbniß, wie es die Würde und der Reichthum des Verstorbenen nach den dörflichen Begriffen er­forderte. Zwischen ihr und Erich wurde kein Wort gewechselt, was sich auf seine Abreise oder Wiederkehr bezog, sie fühlten Beide, daß heftige Scenen dann unausbleiblich waren und daß sie deshalb das Schweigen nicht brechen durften, welche« die stille Gegenwart des Tobten im Haufe ihnen auferlegte. Aber die bald finsteren, bald besorgten Mienen, die das Gesicht der Mutter annahm, wenn sie in gefliffentlich beherrschtem Tone einmal das Wort an den Stiefsohn richten mußte, wie der ab­weisende, kalte Ausdruck seiner Züge zeigten genugsam, daß sie sich ihrer gegenseitigen Stellung bewußt waren und sich zum Kampfe vorbereiteten.

So war der Tag der Beerdigung gekommen und mit ihm die Stunde, wo man den Besitzer von Grashagen aus den stillen Friedhof hinausgetragen hatte, welcher die Kirche von Willnick umgab. Viele Leidtragende hatten ihm das Geleit gegeben, Verwandte, die au» umliegenden Dörfern gekommen waren, Freunde und Standesgenossen au» Willnick und Crum­bach, die Arbeiter de« Hofe», sowie Alle, die in irgend einer Beziehung zu ihm gestanden hatten. E» war eine große Ver­sammlung gewesen, die der heimgekehrte Sohn de« Hauses be­grüßen mußte, und er hatte wohl da» Stutzen, das kaum merkliche und doch entschiedene Zurückweichen empfunden, mit dem man ihn empfangen hatte. Mit fragendem, fast drohen­dem Blick hatten seine dunklen Augen Einen nach dem Andern gemustert, dann hatte er stolz den Kopf emporgerichtet und den ersten Platz dicht hinter dem Sarge eingenommen. Dort war er allein geschritten, das Herz erfüllt von Bitterkeit und Haß, und plötzlich hatte er bemerkt, wie Jemand neben ihn trat. Hertha war es, die bleich und doch mit entfchloffener Miene neben ihm stand und mit thränengefüllten, flehenden Augen zu ihm aufschaute. Da hatte tiefes Weh die Stelle der vori­gen Entrüstung eingenommen, das eigene Selbst war zurück- getreten, er hatte ihren Arm durch den seinen gezogen und ihre schwankenden Schritte durch seine männliche Kraft gestützt. Sie waren nebeneinander geblieben und Hatter: dem Sarge des Vaters in die Grube nachgeblickt, bis die hinabstnkenden Erd­schollen ihn ihnen verborgen hatten. Nachdem die ernste Feier vorüber war, kehrte die Versammlung nach Grashagen zuruck, um dem Trauermahl beizuwohnen, das dem Tobten zu Ehren reichlich und gut bereitet sein mußte. Auf Erichs dringende Bitte hatte Pastor Helfer ihn begleitet, obgleich das sonst ganz