«samstag, den 9. September.
Nr. 106
1893.
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Das Erbe.
Preisgekrönte Erzählung von R. Blankenburg.
(Fortsetzung.)
VI.
Die Sommernacht breitete ihren Schleier über Land und Meer. Leise zogen die Wellen wieder zum Stande, und der Mond spiegelte sein mildes Licht in dem wenig bewegten Waffer. Von dem Häuschen auf dem Höwt grüßte der freundliche Schein den vorüberziehenden Schiffer auf seiner gefährlichen Bahn, und im Erdgeschoß ruhte ein junges Mädchen auf seinem Lager und träumte von dem aus der Ferne Heimgekehrten, für den es gesorgt und gebangt hatte.
Ueber den Rasenplätzen des Gartens von Grashagen schimmerte dasselbe bleiche Mondlicht und ließ die dunkeln Schatten der Bäume in gespenstischen Vergrößerungen sich scharf von den mild erleuchteten Flächen abheben. Das Haus lag finster und schweigsam mit seinen festgeschloflenen Läden, als ob es ein trauriges Geheimniß zu wahren habe. Nur aus dem Giebelfenster, zu dem der wilde Wein emporkletterte, strahlte der Schein der Lampe heraus, und wer hineingeblickt hätte, der würde einen großen, kraftvollen Mann erspäht haben, wie er die Leichenwacht neben dem tobten Vater hielt. Am Fußende des Bettes stand er, den Blick auf das stille Antlitz gerichtet, von dem er die verhüllende Decke entfernt hatte. Oftmals mußte er die Hand zu den Augen emporheben, um die Thränen zu entfernen, welche sich wie ein Schleier über sie legten, und deren er sich fast schämen wollte, als ob sie seiner Männlichkeit Abbruch thäten. Und doch hätte er das nicht zu fürchten gebraucht. Dem Sohne stehen die nassen Augen wohl am Todtenlager des Vaters, und daß er überhaupt hier weilen durfte, war ein unbewußter Tribut, den die Hausgenoffen seiner Mannhaftigkeit brachten. Er hatte es als selbstverständlich angenommen, daß ihm dieser Liebesdienst zustehe, und Niemand hatte Einwendungen dagegen zu erheben gewagt. Die Mutter hatte das Nothwendige besorgt, ehe sie das Zimmer verließ, dann hatte Malte seine Frau mit sich genommen, und Erich war allein geblieben in der stillen, ein» hmen Sommernacht. Durch das geöffnete Fenster drang der Duft der Rosen herein, Friede und Ruhe lag über der Natur, Friede und Ruhe auch auf dem Angesicht des Tobten. Erich hatte es lange betrachtet, der Anblick war wie lindernder Balsam für seine tief erregten Gefühle gewesen, als er sich aber abgewendet hatte und den Platz am Tische wieder ein» nahm, da zogen finstere Wolken über das Gesicht des Ein
samen, und er neigte das Haupt in die Hände. Tiefe Bitter» feit erfüllte feine Seele, als er dessen gedachte, was seinem sehnsuchtsvollen Herzen als Antwort auf sein heißer Verlangen nach der Heimath geworden war, als er sich zurückrief, was er von dem Pastor vernommen hatte. Für einen Verbrecher hatte ihn fein Vater gehalten, der dort im Todesschlummer ruhte, und ihm war keine Zeit gegönnt worden, sich vor ihm zu rechtfertigen und seinen Segen zu empfangen. O, warum war er dem Rathe des Pastors gefolgt, warum hatte er sich nicht von feinem Gefühl leiten lassen? Er hatte es Rachsucht genannt und fleischlichen Eifer, aber war nicht Alles, Aller besser, als zu wissen, daß sein Vater mit Zorn und Verachtung gegen den einzigen Sohn im Herzen für alle Zeit von ihm geschieden war. Der Gedanke war unerträglich, er raubte ihm den Athem, er bedrängte sein Herz; und er wollte sich hastig erheben, da, al» er aufblickte, — er hatte ihren geräuschlosen Eintritt nicht bemerkt — stand Hertha neben ihm, und beide Arme um seinen Hals schlingend, drückte sie ihr Antlitz gegen feine Schulter. Einen Augenblick nur, denn er machte eine ungeduldige Bewegung, sie zurückzuweifen, und sie zog sich schüchtern zurück und er erhob das gesenkte Haupt. So standen sie sich gegenüber. Mt düster gefalteter Stirn und finsteren Augen schaute er auf die schwache, junge Frau im weißen Nachttleide und halb gelöstem Haar, welche den scheuen Blick zu seinem Geficht erhob, dann sprach er und seine Stimme klang, wenn auch nicht laut, so doch scharf- „Geh' hinunter, Hertha, zu Deinem Manne!" Sie bebte uw willkürlich zusammen, als er Maltes erwähnte. Er bemerkte es und fuhr in milderem Tone fort: „Ich danke Dir, daß Du Deine Nachtruhe mir geopfert hast, aber ich rathe Dir doch nach Dem, wie die Verhältnisse zwischen mir und Euch liegen, daß Du ihn nicht erfahren läffest, daß Du zu mir gekommen bist."
Noch einmal suchte der scheue Blick, der ihn vorhin bewegt hatte, sein Herz zu rühren, während sie flehend die Hände emporhob. „Erich," sagte sie dann leise, „ich kam, well ich Dich sprechen mußte, und ich gehe nicht, ehe Du mich gehört hast. Ich habe eine Botschaft an Dich auszurichten von unserem Vater, den wir Beide liebten."
„Erinnere mich nicht, daß er auch der Euere war," wollte er heftig entgegnen, aber es lag etwas so Rührendes in ihrer gebeugten Haltung, daß die bösen Worte nicht über seine Lippen wollten. So hörte er denn schweigend, was sie ihm zu sagen hatte, aber feine finsteren Mienen wurden sanfter, feine Augen füllten sich mit Thränen, und al» sie geendet hatte, streckte er die Hand nach ihr aus. Sie warf sich in seine Arme. „Vergieb mir, Erich, mein Bruder,"


