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haltend, mit ihr in die blendende Sonne und zu dem prächtigen Farbenspiel des Himmels aus, indem er leise sagte: „Siehe, Alexandrine, so schön und harmlos soll auch unser zukünftiges Leben sein! Erst jetzt eben haben wir, dünkt mich, wirklich Hochzeit gemacht!"
Er klingelte und befahl dem eintretenden Diener: „Laß anrichten und setze Champagner auf! Es ist Festtag, auch für Euch I"
Am andern Morgen sandte Lothar zahlreiche Einladungen zur Mittagstafel an Collegen in der Stadt, seine Equipage holte Frau von Eppinger, Victor und die Familie Löwe herbei und beim glänzenden Diner ward es allen Anwesenden klar, daß in Alexandrine von Eppinger der Dichter Lothar seine andere, ergänzende Hälfte gefunden, daß er unaussprechlich glücklich war-
Als Guido von Gilzingen bei einer Krümmung der Landstraße den Wagen erblickt hatte, welcher Alexandrine davonführte, hob er drohend die Faust empor und murmelte: „Das sollst Du mir büßen, stolze Brunhild! Ich will Dich verfolgen, Dein böses Prinzip sein, und über Deinen Siegfried sollst Du noch weinen lernen!"
Guido jagte eine zeitlang wie toll dahin, dann wieder ritt er langsam und murmelte: „Ich habe ihr allerdings auch böse mitgespielt! Aber konnte ich anders? Saß mir das Meffer nicht am Halse? — Sie ist reich und ich bin tief verschuldet. Was sind ihr die paar Gulden? — Ich blöder Thor, die reiche Erbin nicht festzuhalten!"
Wie kam es, daß sich in diese Gedanken Gilzingens plötzlich das Bild eines schönen Mädchens mischte, welchem er einst auf einer Urlaubsreise im sonnigen Apenninenland Treue geschworen? Ihm schauderte trotz der Hitze. Und da stieg auch am Himmel ein Gewitter auf; rasch also heim!
Aber hier harrte seiner eine sehr unliebsame Ueberraschung: Fioretta mit ihrem Carlo.
Sie kauerte, dank der Mittel Lothars übrigens anständig gekleidet, in der Einfahrt der Kaserne und als Gilzingen hereinsprengte, fiel ihm Fioretta in die Zügel und rief: „Guido, theurer Mann!"
Und der kleine Carlo rief: „Vater, mein Vater!"
Guido stutzte. Rasch sah er sich um. Noch hatte sie Niemand bemerkt. Entschlossen stieg er ab und übergab sein Pferd einem Burschen, der eben über den Kasernenhof schritt, mit der Weisung, sür das edle Thier ja alle mögliche Sorge zu tragen, dann erst wandte er sich schmeichelnd zu Fioretta und dem Knaben und brachte sie in ein entlegenes Wirthshaus, wo er für ihr Unterkommen Sorge trug.
Wer kennt nicht die unergründliche Tiefe eines liebenden Frauenherzens?
Angesichts der zur Schau getragenen Liebe vergab Fio- retta dem Treulosen alles Vorgefallene und Carlo spielte jauchzend mit dem Papa in der schönen rothen Uniform.
Gilzingen heuchelte Liebe, er baute mit Fioretta Luftschlösser, er schien sich von Carlo nicht trennen zu können; inwendig aber verfluchte er den Zufall, der ihm dieses Weib in den Weg geführt- Nach ein paar Tagen hatte er Fioretta ihr Geheimniß abgeschmeichelt und er wußte, daß er dieses Alles Lothar zu danken hatte- — Fürchterliche, entsetzliche Rache schwur er dafür dem Dichter.
Die Entscheidung aber sollte srüher kommen, als er selbst gedacht. (Schluß folgt.)
Einiges üöer den Kuckuck.
(Vortrag in der Ausschußsitzung des hiesigen Thierschutz-Vereins.)
Schon bereits nahezu an fünfzig Jahren habe ich mich in den Wäldern Gießens und in denen der Umgegend bemüht, einen Kuckuck zu Gesicht zu bekommen; allein es ist mir bis jetzt nicht gelungen, denselben in der Natur zu beschauen, und da dies bei recht vielen anderen Menschen auch der Fall sein
dürfte, so darf ich wohl getrost behaupten, daß kein anderer Vogel so selten gesehen und so ost gehört wird als der Kuckuck- Sein Geschrei dringt manchmal so laut zu unfern Ohren, daß man glaubt, den Vogel ganz in der Nähe zu haben, allein wenn man dem Schalle nachgeht, so zieht sich der scheue Kuckuck, der die Nähe des Menschen nicht zu lieben scheint, in das Dickicht zurück. Und doch hören die Menschen so gerne fein Geschrei nicht nur, weil sie seinen Ruf als ein Zeichen des nahenden Sommers erachten, sondern auch weil namentlich die Forstbeamten den Kuckuck von allen unfern einheimischen Vögeln als den wichtigsten Raupenfresser begrüßen. Leider kommt er nicht soMufig vor, als es zu wünschen wäre. Für die Wälder aber, welche er vorzugsweise besucht, ist er — man darf wohl getrost sagen — unentbehrlich. Denn kein anderes Thier kann ihn ersetzen, weil eben kein anderes die Nahrung zu sich nehmen kann, welche der Kuckuck mit großem Behagen verzehrt. Zwar vertilgt er auch, wie andere Insektenfresser, glatte Raupen, sein unendlich großer Nutzen besteht jedoch in der massenhaften Vertilgung der bekannten großen, behaarten Raupen. So frißt er demnach diejenigen des überaus schädlichen Nonnenschmetterlings, des Prozessionsspinners, des Fichtenspinners, der Glucken u. a. m-, welche kein anderer Vogel zu verzehren und zu verdauen vermag. Da er aber, meine Herren, wie Sie sehen, ein ziemlich großer Vogel und noch dazu sehr gefräßig ist, so ergibt sich daraus wohl von selbst, welche Massen benannter Raupen, die sich oftmals als wahre Waldverwüster erweisen, er zu seiner Sättigung braucht. Ein tüchtiger, in der Vogelwelt erfahrener Oberförster erzählte mir, daß es ihm aus einiger Entfernung mit einem Opernglas vor den Augen gelungen sei, einen Kuckuck in einem Revier seines Waldes, das sehr von Raupen heimgesucht war, mehrere Tage genau zu beobachten, und er habe dabei die Wahrnehmung gemacht, daß ein Kuckuck in einer Minute etwa vier bis fünf Raupen verschlungen- Nehmen wir auf eine Minute nur deren drei an, so beträgt dies bei einer Tagesdauer von sechszehn Stunden — während welcher, er um seinen gräßlichen Hunger zu stillen, immer thätig sein muß — 2880 Stück. Es ist dies gewiß eine hübsche Anzahl schädlicher Raupen, denen der Kuckuck täglich das verwüstende Handwerk einstellt und die Menschen müssen daher alles thun, um diesen Freund unserer Wälder uns zu erhalten und ihn vor allen Nachstellungen zu schützen-
Trotz all dieses Nutzens hat der Kuckuck noch gar manchen Feind unter den Menschen. Die Unwissenheit und der Aberglauben, der heute noch viele Menschen befangen hält, haben ihm mancherlei angedichtet und vorgeworfen, was aber von vornherein ein jeder vernünftige Mensch nur für einfältige, dumme Fabeln halten muß. So gibt es heute noch ältere Frauen und auch Männer, die erschrecken — man sollte es kaum sür möglich halten — wenn sie das Geschrei des Kuckucks eines Tages zum erstenmale hören; sie zählen ängstlich die Rufe desselben, weil sie glauben, so oft er jetzt rufe, foviele Jahre haben sie nur noch zu leben. Vernehmen sie zufällig der Rufe nur wenige, so brechen manche in ein lautes Wehklagen und Jammern aus, was vor einigen Jahren in meiner Gegenwart vorgekommen ist. Ferner wird ihm vorgeworfen, daß er kleineren Vögeln die Jungen raube, daß er die Eier des Nestes, in das er eins seiner Eier lege, austrinke, daß er seine Stiefgeschwister verzehre, und daß er sich im Herbste in einen Raubvogel (Sperber) verwandle und dann erst recht viele Räubereien an kleineren Vögeln ausführe. Alle diese dummen Vorwürfe sind in der eigenthümlichen Lebensweise und der dem Sperber ähnlichen Färbung begründet. Es ist doch allgemein bekannt und allerdings im Reiche der Vögel etwas Unerhörtes, daß der Kuckuck nicht ein eigenes Nest baut, ferne Eier nicht selbst ausbrütet, seine Jungen nicht selbst versorgt, sondern seine fünf bis sechs Eier in Zwischenräumen von etwa acht Tagen in die Nester der Bachstelzen, Grasmücken, Meisen u. a. insektenfressender Vögel legt- Bei dieser Gelegenheit läßt er aber, was ganz bestimmt nachgewiesen ist, die im Neste befindlichen Eier ganz unversehrt. Das Kuckucksei wird von der Stiefmutter sorgfältig mit den eigenen ausgebrütet. Da aber der junge Kuckuck schneller wächst, als seine Stiefgeschwister,


