Er wehrte mit den Händen ab und flüsterte: „Keine Sorge, er ist Alles geordnet!"
„Nun, so hilf auch mir. Gilzingens Briefe sind durch einen unberechneten Zufall in Lothars Hände gekommen. Es hat ihn verstimmt, aber noch kann Alles gut werden, wenn ich meine einst an Gilzingen gerichteten Briefe zurückerhalte. Ich will ihn in der Angelegenheit nicht sehen. Will Gilzingen die Briefe nicht aus Ehrgefühl herausgeben, so biete ihm Geld an. Gilzingen hat vielleicht Schulden. Wir sind ja reich!"
„Reich, Alexandrine? - Wir sind sehr arm!" erklärte Victor kühl.
„Wir sind arm?" frug Alexandrine erstaunt.
„So wisse denn," — Victor dämpfte die Stimme bis zum leisen Geflüster, — „daß unser Papa in der Nacht jenes großen Festes die Nachricht von einer bevorstehenden Kaffen« revtsion erhielt. Er hatte damals gerade bei Daniel Selbiger unglücklich speeulirt und ein Kaffen-Manco von einer halben Million Gulden zu decken. In der Angst vor Strafe und Schande — erschoß er sich!"
„Victor, Victor, wie kannst Du das sagen?" erwiderte Alexandrine erbleichend.
„Es ist die Wahrheit!"
„Aber das Deficit! Wer deckte das?"
„Lothar, Dein Gatte, der Dich heimlich liebte und von Doctor Löwe in's Vertrauen gezogen war, opferte ein Vermögen, uns vor der Schande zu bewahren!"
Sie barg weinend ihr Gesicht in beiden Händen; sie war schon so tief unglücklich und sollte nun noch unglücklicher werden? — Victor aber fuhr fort: „Lothar ordnete Alles, er war unser guter Engel!"
„O, hätte ich doch das gewußt!" preßte sie nun hervor.
„Sei Deinem Manne nun aber auch Allee, er hat es verdient!"
„Ja, ja, mit Leib und Seele! — Schaffe mir nur die Briefe!"
„Und sollte ich sie Gilzingen im Duell abjagen!"
„Nein, nein, kein Aussehen, Victor, um meinetwillen nicht. Versprich es!"
„Gut, ich verspreche es, aber nur bedingungsweise, denn es ist ein Ehrenhandel und ich kann nicht wiffen, wozu ich dabei gezwungen werde. Du sollst von mir hören."
Er eilte davon, kehrte aber schon Nachmittags zurück.
„Nun, wie steht es?" frug ihn Alexandrine.
Victor schüttelte den Kopf und sagte: „Gilzingen ist vielleicht edler, als Du denkst. Einmal nur noch will er Dich sehen und Dir die Briefe dann selbst geben. Im Posthörnel, einem kleinen Restaurant an der Donau, erwartet er Dich heute Nachmittag fünf Uhr!"
„Ich danke Dir!"
„Soll ich Dich begleiten?"
„Nein, bleibe bei Lothar!"
Bald darauf fuhr Alexandrine in der Equipage der Stadt zu. Hier mußte ein Miethwagen sie nach dem Posthörnel fahren und vor dem Garten der Wirthschaft halten bis zu ihrer Rückkehr. Muthig trat sie ein. In einer Laube traf sie Gil- zingen. „Haben Sie meine Briefe bei sich?" fragte sie rasch.
„Allerdings, gnädige Frau 1" entgegnete Gilzingen mit einer Verbeugung. „ t .
„Sie wollten mich nicht sehen, Sie wollten aus den Briefen Vortheil ziehen; das konnten Sie natürlich Victor nicht gestehen!"
„Ich bewundere Ihren Scharfsinn, Frau Hiller!
Sie lächelte verächtlich und warf das Portefeuille auf den Tisch: „Hören Sie mein letztes Wort! Hier liegen zweitausend Gulden. Geben Sie mir dafür meine Briefe oder ich fage meinem Gatten Alles!"
„Alles, auch das Geheimniß des ersten Kufles?
„Unverfchämter!"
Er zuckte die Achseln.
„Nehmen Sie an?" fragte sie ungeduldig.
„Unter einer Bedingutfg."
„Und die wäre?"
„Geben Sie Ihr Ehrenwort, nie über diesen Handel sprechen zu wollen!"
„Ich gebe es!"
Er verbeugte sich, holte die Briese aus seiner Attila hervor und steckte das Portefeuille dafür ein.
Alexandrine hatte die Briefe schnell überzählt, sie zerriß sie in Atome, warf sie Guido vor die Füße und sagte fest: „Jetzt verachte ich Sie vollständig."
Er zuckte die Achseln abermals und rief nach seinem Pferde, während sie in der Miethdroschke der Stadt zueilte.
Guido sandte ihr Flüche und Verwünschungen nach.
Nicht lange hielt sich Alexandrine in der Stadt auf. Sie gab Befehl zum Anspannen, machte noch einen kleinen Einkauf bei der Modistin und fuhr nach Hillershausen hinaus.
Drohend zog gerade ein starkes Gewitter am Himmel herauf.
Schon begegnete ihr Victor zu Pferde, da er nach dem Reglement im Falle eines Gewitters auf feinem Posten in der Kaserne sein mußte.
„Ist es geglückt?" fragte er ängstlich.
„Es ist Alles geordnet," gab sie zurück. „Aber hüte Dich vor ihm, Victor, er wird Dich Haffen um meinetwillen!"
„Bah," lachte er, „ich fürchte ihn nicht. Auch weiß er, daß ich im Pistolenschießen und Fechten sein Meister bin. — Glück auf, Schwester!"
Hochaufathmend betrat Alexandrine beim grellen Zucken der Blitze den Salon der Villa.
Lothar stand am Fenster und sah den Blitzstrahlen zu, wie sie im Zickzack Jbie Wolken durchschneidend in die Erde fuhren.
Erschöpft war sie aus's Sopha gesunken, als ein greller Blitzschlag vom Himmel herabfuhr, als wolle er die ganze Erde mit seinem Feuer verzehren. In demselben Moment ertönte auch schon ein Donner, so lang, so laut, so hohl, als stürzte das Weltall ein. „ .
Jetzt sehnte sich das Epheu nach der starken Eiche.
„Lothar!" rief sie, allen Muth zusammenraffend.
Er wandte sich geisterhaft bleich um und Besorgniß durch, zitterte seine melodische Stimme, als er fragte: „Alexandrine, was hast Du?"
Sie streckte beide Arme nach ihm aus, sie erhob sich und fiel ihm zu Füßen, indem sie feine Kniee umschlang und schluchzte laut auf. Er suchte sie emporzuziehen, aber sie rief: „Nein, Lothar, laß mich liegen- Ich bin ganz und gar am richtigen Platze. O Lothar, laß mich nicht verzweifeln! Einst versprachst Du mir Aufnahme an Deinem Herzen, wenn ich käme, Dir zu sagen, daß ich ganz Dein sei!"
Er hatte sie längst an sein Herz emporgehoben und flüsterte: „Und Du kommst so?"
Sie umschlang ihn und erwiderte: „Fühlst Du es denn nicht? Warum hast Du es mir denn auch so schwer gemacht, Dir zu sagen, daß Dir mein ganze« Herz, meine ganze Seele, mein ganzes Ich gehört? Warum hast Du es mir so lange verschwiegen, daß Du uns Namen und Ehre gerettet? Schon in Venedig bettelte ich Nachts vor Deiner Thür um Deine Liebe und ward krank vor Schreck und Scham, als ich Dein Zimmer leer fand! In Rom war ich, eine Büßende, auf dem Wege zu Dir, aber der Mutter Dazwischenkunft scheuchte mich zurück. O, Lothar, Lothar, jetzt steht nichts mehr zwischen uns; ich will Dein Weib, Dein liebendes, hingebendes Weib sein!"
Er konnte vor Bewegung nichts antworten, er zog sie nur fester an sich und küßte sie glühend; heiße Thränen fielen aus feinen Augen auf ihre Stirn. Das Unwetter hüllte sie beide in Finsterniß ein, die grellen Blitze durchschnitten die Luft und dazu donnerte es, als wollte der Himmel einstürzen.
Als er sich in sein unerwartetes Glück gefunden, da flüsterte er ihr leise kosende Worte zu, sie aber ruhte auf dem Sopha an seiner Brust und gestand ihm verschämt: „Du böser, lieber Mann! Lange schon liebe ich Dich so heiß, so innig wie eine junge Braut!"
Als das Gewitter ausgetobt und strahlend ein Regenbogen am Himmel stand, öffnete er die Fenster und sah, sie umschlungen


