Ausgabe 
9.5.1893
 
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1883.

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Dienstag, den 9. Mai.

Liebe um Liebe.

Novelle von Carl Cassau.

(Fortsetzung).

IV.

Am andern Tage besuchte Beate ihre Cousine in Hillers­hausen. Alexandrine war bedrückt, denn abermals lag eine schlaflose, qualvolle Rächt hinter ihr.

Noch gestern Abend hatte sie mit der Stadtpost einen Brief von Gilzingen erhalten, in welchem derselbe auf das Unverschämteste eine Zusammenkunft mit ihr verlangte. Sie verachtete ihn jetzt, aber er besaß noch von ihr Briefe und dieser Umstand jagte ihr einen jähen Schrecken ein. Wie, wenn er diese dazu benutzte, das gute Einvernehmen, welches zwischen Lothar und ihr vielleicht noch möglich war, auf immer zu zer- stören? Wie ein Gespensterreigen traten nun Bilder vor ihre Seele, daß sie keine Minute mehr Ruhe fand.

Da war ihr nun Beatens Besuch eben recht. Lothar war nicht daheim, wichtige buchhändlerische Nachrichten hatten ihn nach der Stadt gerufen.

Aber, Alexandrine," sagte nun Beate, als sie unter der Veranda Platz genommen,wie siehst Du aus? Bist Du nicht glücklich?"

Sie schüttelte den Kopf.

Ich habe den besten Mann von der Welt, aber glücklich bin ich nicht."

Das begreife eine Andere, ein philosophisch geschulter Kopf!"

Du wirst es begreifen lernen. Höre nur!" erwiderte Alexandrine und sie legte ein volles Bekenntniß ab über ihr einstiges Verhältniß zu Gilzingen, Lothars Entdeckung der Briefe, ihre Krankheit und schloß:Er ist mein Gatte vor der Welt, aber nicht mein Gemahl im Herzen!"

Und wer ist daran schuld?" fragte Beate strenge. «Wer, als Du selbst, liebe Alexandrine!"

Das bestritt sie und ließ Beate einen vollen Einblick in Alles thun, so daß diese lachend ausrief:Aber, Alexandrine, großes Kind, Du liebst ja Deinen Gatten. Sage ihm dieses doch und Alles ist gut!"

Ja, wenn ich das könnte! Zweimal ist es mißlungen und nun bringt mich der elende Gilzingen noch um mein bischen Verstand!"

So laste doch Victor kommen und mit Gilzingen reden. Da hast Du recht, Briefe darfst Du Gilzingen nicht schreiben!"

Welch' eine gute Idee, Beate! Gleich will ich Victor be­nachrichtigen."

Und wann erhalte ich die Nachricht, daß Du mit Dei­nem Gatten ein Herz und eine Seele bist?"

Alexandrine erröthete wie eine Braut und meinte:Wenn Gott und die Heiligen mich so glücklich machen, dann, Beate, sollst Du die Erste sein, welche es erfährt!"

Gut!" rief Beate und empfahl sich.

An demselben Tage hatte Lothar mit der thatsächlich in Wien mit ihrem Kinde angekommenen Fioretta eine Zusammen­kunft in einem Wirthshause der Vorstadt. Ec händigte ihr wieder eine Geldsumme ein und sagte streng dabei:Aber laß mich ganz aus dem Spiele, Fioretta!"

Excellenza sollen mit mir zufrieden sein!" versicherte die Blumenverkäuferin.

Auf dem Rückwege sah man Lothar lächeln. Nun mußte es bald zu einer Entscheidung kommen.

Am andern Morgen erschien Victor auf Hillertshausen und begrüßte Schwester und Schwager. Er war voll Hoch­achtung für den Mann, der ein großes Vermögen dahingegeben, um die Ehre des Vaters feiner Geliebten zu retten. Aber Lothar hatte Wolken auf der Stirn. Sollte ihn Alexandrine nicht glücklich machen? Victor mußte doch mit ihr einmal da­rüber reden.

Alexandrine war Victor gegenüber besangen.Sprachst Du Mama schon?" fragte sie zerstreut.

Natürlich, gestern schon. Wie sollte ich nicht? Höre, Alexandrine, Lothar sieht so ernst und sorgenvoll aus; Ihr lebt doch glücklich?"

Sie sah ihn voll an.Wie kommst Du zu der Frage, Victor, Du, der oberflächlichste Mensch von der Welt?"

Er lächelte.Ich verdiene Deinen Spott- Aber ich bin jetzt ein Anderer geworden. Ich verdanke dieses Doctor Löwe!"

Ich verstehe Dich nicht!"

Du wirst es später lernen. Du wünschst etwas von mir, Schwester?"

Aufrichtig gesagt, ja! Du ahnst vielleicht, daß vor des Vaters Tode zwischen mir und Gilzingen ein Verhältniß bestand?"

Nein, ich ahnte das nicht! Also ist er auch Dir ver- hängnißvoll geworden, wie er mich zum Spiel verleitet?"

Um Gottes und aller Heiligen, willen, hast Du Schulden, Victor? Hier ist Geld!"

Sie legte ihm das Portefeuille hin und sagte flehend: Bitte, spiele nie wieder!"