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auf
aber und
Ich nicht
„Ist Ihre Geschichte zu Ende, Tantchen?" fragte Armgard leise.
„Noch nicht ganz, mein Kind," versetzte Hanna, sich rasch fassend, „die Geschichte enthält noch eine weise Lehre, da dieselbe bis hierher ein wenig der Ihrigen glich, meinen Sie nicht?"
Armgard nickte.
„Blieb Johanna auch unverheirathet?"
„Sie that es und zertrat damit frevelnd ein treues Herz, weil sie nur auf die glänzende Außenseite geschaut und das gleißende Bild vergänglicher Schönheit für das wahre Glück des Lebens hielt. Es war da nämlich ein Nachbarssohn, ein lunger Kaufmann, welcher schon als Knabe mit Johanna ge- spielt und die Schritte des Kindes behütet, späterhin auch, wie sre erst nach vielen Jahren erfuhr, im Geheimen manche Sorge von ihrem Haupte gewandt hatte, ohne daß sie jemals eine Ahnung von dieser stillen, aufopfernden Liebe gehabt, — dieser Mge Mann, welcher Lorenz hieß, war nicht hübsch, aber tüch- ng in fernem Geschäft, sehr unterrichtet und gebildet und ein durch und durch ehrenhafter Character. Er hatte es niemals gewagt, dem Gegenstand seiner treuen Liebe seine Gefühle zu offenbaren, mochte auch wohl den stolzen Vater fürchten, genug, als er das blühende Geschäft seiner Eltern, welche rasch hinter einander starben, übernahm, hatte sich Johanna just verlobt und Lorenz verbarg sein Herzeleid vor der Welt, fest entschlossen, unvermählt zu leben und zu sterben. Als sich die so viel be- neidete Herrath mit dem reichen Gutsbesitzer nun aber zerschlug,
Wieder schwieg Tante Hanna eine Weile und sagte dann leise: „Die Geschichte ist zu Ende, mein Kind! Lernen Sie daraus, daß es nichts Thörichteres gibt, als den Ersten, Besten heirathen zu wollen, um sich zu rächen, da eine solche Kette sicherlich der Galeerenstrafe gleichkommen würde, daß man sich aber auch nicht von der Außenseite blenden lassen, sondern den Character des Mannes prüfen und den glänzenden Flitter vom echten Golde unterscheiden soll. Es ist etwas Köstliches um die wahre Liebe, mein Kind — die arme Johanna sah dies zu spät ein, aber sie wurde doch davor behütet, dem ersten besten Freier, den ihr bischen Geld anlockte, zum Opfer zu fallen."
Genug, die Freier, welche dieses Kapital im Auge hatten, blieben nicht aus, Johanna stand auf dem Sprunge, sich zu verloben, ^als ihr die Augen noch bei Zeiten geöffnet wurden. Und dies wiederholte sich im Laufe der Jahre noch zweimal, bis das thörichte Mädchen endlich die alberne Empfindlichkeit abstreifte und das Kapitel der Ehe mit einem kräftigen Punkt abschloß. Lorenz hatte sein Geschäft verkauft und war verschollen. — Johanna aber mußte seiner immer wieder gedenken, die Erinnerung an ihn trübte oft ihren Frieden, sein Bild verdrängte den Schönheits-Cultus aus ihrem Herzen und hob den treuen uneigennützigen Freund auf den Thron. Viele, viele Jahre vergingen, Karl und seine Gattin starben, der Sohn übernahm das Gut und in dem Enkel wiederholte sich die Geschichte des Großvaters, denn auch dieser wurde treulos gegen die ihm bestimmte Braut. Er wurde aber halb und halb dafür enterbt, worauf der Reichthum zerfiel, das Gut unter den Hammer kam, und ein gewisser Lorenz aus Amerika zurückkehrte, um es für einen Spottpreis zu erstehen. Triumphirend setzte er seinen Fuß auf den stolzen Besitz, um sich und Johanna zu rächen. Einmal nur sahen sich die beiden alten Leute wie- der — es war ein erschütterndes Wiedersehen, aber auch ein Abschied für's Leben, doch schieden sie versöhnt wie zwei Freunde voneinander. — Er ist tobt, sein Groß Neffe ist sein Erbe geworden."
ging, da keimte auch die Hoffnung wieder in Lorenz auf. Er wartete seine Zeit ab, bis Johanna heimkehrte, um mit seiner Werbung vor sie hinzutreten. Lieber Himmel, da kam er schön an, Johanna gerieth ganz außer sich und meinte, daß es ihr 1“ nicht um eine Heirath zu thun fei, — wenn sie sich dazu entschließen könne, ständen ihr noch Andere zu Gebote und was dergleichen Redereien mehr waren. — Lorenz zerdrückte eine Thräne und ging. - Johanna aber fühlte sich durch diese Werbung so tief gedemüthigt, zumal ihr zu Ohren gekommen war, daß Karl sie bemitleide, weil sie seinetwegen ledig bleiben wolle, daß sie jetzt fest entschlossen war, den ersten Freier, der ihr eine respektable Stellung bieten könne, zu heirathen. Es war dies nicht so schwer, weil ihre ehemalige Gebieterin, die gestorben war, ihr ein hübsches Kapital ausgesetzt hatte.
»Ich hoffe darauf, mein theures Kindl — Hoffe auch, daß Ihr eigener Stolz das schwache Herz besiegen Ihnen den rechten Weg zeigen wird."
Armgard nickte ihr ernst zu und blickte nachdenklich die dem Sonnenlichte sich erschließenden Rosen.
(Fortsetzung folgt.)
Armgard, welche schweigend zugehört, legte den Arm um sie und sagte leise: „Es war Ihre eigene Geschichte, Tante Hanna, — und Lorenz — Herr Brink von Rotenhof."
Hanna nickte wehmüthig.
Vater der Braut, welcher dem Weine schon stark zugesprochen I erst nach und nach die Wahrheit der Geschichte ruchbar, die e m$t8,baöon' J^fftettb ihre Äutter vor Angst verlassene Braut aber allgemein verspottet wurde und schließ- und Scham zu vergehen glaubte^ Als em Diener dem Bräu- lich mit einer vornehmen Dame als Gesellschafterin auf Reisen trgam etwas zuflusterte und dieser sich finster erhob, um den ' *** «-«■- • • • - -
Saal — man saß just bei Tisch — zu verlassen, sah Johanna einen kleinen Brief auf seinem Stuhle liegen, den sie rasch und unbemerkt an stch nahm. Zum ersten Male seit ihrer 93er» lobung empfand sie Angst und Mißtrauen. Es gelang ihr, als die allgemeine Fröhlichkeit überhand genommen und man nicht sonderlich mehr auf sie achtete, sich ebenfalls unbemerkt zu entfernen, um den geöffneten Brief, der Karls Adresse trug, zu lesen, wozu sie schon jetzt ein volles Recht zu haben sich einbildete. Der Brief war von einer Frau, welche ihn an ein schriftlich gegebenes Ehe-Versprechen erinnerte, und eine Unterredung im Pavillon des Gartens von ihm verlangte. Johanna schrie nicht auf, sie machte keine Scene, doch ihr Herz krampfte sich zusammen, als ob sie sterben müsse. Dann ging sie, sich und ihren Schmerz heldenhaft bemeisternd, in den einsamen Garten hinaus, hin nach jenem Pavillon, wo sie ihr Glück begraben sollte. Sie hörte, wie Karl sein Unglück bejammerte, eine ungeliebte Braut, die er hasse und verachte, heirathen zu müssen, wie er nur sie, die er Regina, seine Königin nannte, lieben, ihr aber nur das Loos der Armuth bieten könne, weil seine Eltern ihn enterben würden. — Johanna hörte dies Alles mit an, ohne sich zu rühren, worauf sie geräuschlos in's Haus zurückkehrte und Unwohlsein vorschützend, sich auf ihr Zimmer begab, wo sie eine Unterredung mit ihrer Mutter hatte. Dann schrieb sie einen langen Brief an ihren Schwiegervater, dem sie jenes Billet an Karl und ihren Ring beifügte. Nachdem sie Alles wohl versiegelt und sich mit der Mutter Hilfe um» gekleidet hatte, verließ sie bei Tagesanbruch, als Alles im Hause noch schlief, das Gut, um sich nach der eine halbe Stunde entfernten Eisenbahnstation zu begeben und mit dem ersten Zuge zu einer im Gebirge wohnenden Tante zu fahren. In dem Briefe beschwor sie Karls Vater, um ihretwillen den Sohn glücklich zu machen und ihn von der Frau, die er mehr als fein Leben liebe, nicht zu trennen. Selbstverständlich gab es harte Kämpfe und schreckliche ©eenen. Johannas Vater wollte den leichtsinnigen Bräutigam umbringen, während der Gutsbesitzer dem Sohn die Wahl ließ zwischen Hochzeit und Enterbung. Das Ende vom Siebe war, daß Johanna ihren Willen durchsetzte und Karl seine Geliebte heimführen durste."
Tante Hanna schwieg und schaute still vor sich hin- Ein wehmüthiges Lächeln irrte um ihren Mund, in den Augen aber glänzte es seltsam.
„Und er, der mich verließ," fuhr das Mädchen mit beben» der Stimme fort, „ist der Enkel jenes Mannes, der auch Ihnen das Herz brach. — O, Tante Hanna, nun liebe ich Sie noch zärtlicher, da das gleiche Geschick uns vereint, danke Ihnen für die Geschichte, Sie sollen mir dieselbe vergebens erzählt haben."


