Ausgabe 
9.3.1893
 
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Tante," sprach diese,ich möchte die Geschichte jetzt gleich hören."

Nein, mein Kind, ich bin an ein regelmäßiges Leben ge­wöhnt und muß um zehn Uhr im Bett liegen. Das ist mein Recept. Die Ruhe des Herzens, das Gleichgewicht der Seele in jeder Lage des Lebens bewahren, weder Leidenschaft noch Unglück und Leid Herr über sich werden lasien, darin besteht das Geheimniß meines frohen Alters. Und nun kommen Sie, mein Herzchen, daß ich Sie in Ihr Schlafkämmerlein führe."

Arm in Arm begaben sie sich zur Ruhe, Tante Hanna plaudernd und scherzend, Armgard schweigend und nachdenklich.

Der jetzige Besitzer von Rotenhof scheint ein recht ver­ständiger junger Mann zu sein," bemerkte Armgard, als Hanna ihr gute Nacht sagte.

So scheint es, wisien kann man es nicht, denn wer kennt die Männer ausl"

Freilich, zuerst schien ihm der Besitz Gewiffensbisie zu verursachen," meinte Armgard spöttisch,so daß man glauben mußte, er wolle denselben um jeden Preis los sein, bts der Maler ihm ein Licht aufgesteckt, wie er jetzt sein zartes Ge­wissen erleichtern könne, da bekannte er Farbe"

Na ja, freiwillig oder gezwungen etwas thun, ist ein verschieden Ding, liebe Seele! Ich müßte den jungen Marbach verachten, wenn er sich in solch' ungerechtfertigter Weise aus seinem Eigenthum verdrängen ließe. Das sieht dem kecken Herrn Julius ganz ähnlich, sich so mir nichts dir nichts in das warme väterliche Nest, das fremder Fleiß wieder auf­gebaut, hineinsetzen zu wollen. Gott sei Dank aber herrschen im Deutschen Reich keine amerikanischen Zustände."

Sie küßte Armgard mit mütterlicher Zärtlichkeit und be­gab sich in ihre Kammer, wo sie sich stilllächelnd entkleidete und sich zur Ruhe begab, während die junge Erbin ihr Licht auslöschte, die Gardine zurückschlug und das Fenster öffnete, um den berauschenden Duft der Frühlingsnacht einzuathmen und der Nachtigall zu lauschen.

Als sie endlich ihr Lager aufsuchte, war ihr Gesicht von Thränen feucht und ihr Herz müde zum Sterben.

* *

Tante Hanna wanderte schon früh zwischen ihren Rosen umher, hier und da ein welkes Blatt entfernend, oder ein schwaches Reis festbindend. Sie hatte nicht nutztlos gewacht wie Armgard, sondern fest und ruhig geschlafen, weshalb die Augen klar in Gottes schöne Schöpfung hinausschauten und die kleine Gestalt kerzengerade in jugendlicher Rüstigkeit sich umher­bewegte. Die Vöglein jubilirten zu Gottes Ehre und nun er­klang auch schon das erste Geläute hoch und hehr durch die stille Morgenluft.

Da öffnete Armgard ihr Fenster und spähte unruhig hinaus. Sie sah bleich und übernächtig aus, die sonst so klaren Augen waren trübe und leicht geröthet.

Hm, das sieht nicht gut aus," dachte Tante Hanna bei ihrem Anblick,sitzt der gottlose Bursche ihr wirklich so fest noch im Herzen? Das wäre böse, sehr böse!"

Ei, ei, wann sind wir eine Langschläferin geworden?" rief sie ihr zu-Wir haben nicht lange Zeit, mein Herzchen, da ich die Kirche nicht versäume."

Ich begleite Sie, Tantchen, bin in zwei Minuten bei Ihnen."

Hanna ging in's Haus, um den Kaffee zu besorgen, und nach wenigen Minuten saß Armgard ihr gegenüber auf der Veranda, ungeduldig der versprochenen Geschichte harrend.

Keinen Appetit, Kind, wahrscheinlich schlecht geschlafen," bemerkte Hanna kopfschüttelnd,gebrauchen Sie mein Recept, wäre noch schöner, der boshaften Welt urplötzlich ein sol­ches Gesicht zu zeigen."

Bah, Tante Hanna, ich habe mir selber schon ein an­deres Recept verordnet," versetzte die junge Dame mit ent- schloffener Miene.Ich werde mich heute noch verloben."

Ganz gut, Kind Sie haben ja über ein langes Re­

gister von Freiern zu verfügen. Steht Herr Julius Steindorf darauf?"

Nein"

So ist der Glückliche schon bestimmt?"

Nein, Tante Hanna, scherzen Sie nicht, es ist mein hei» liger Ernst," rief Armgard heftig.

Mit solchen wichtigen Dingen pflege ich nicht zu scherzen, Fräulein Armgard Holten! Ich habe schon mancher Braut zu ihrem Besten gerathen, schon manche vor lebenslangem Un­heil bewahrt, da es kein größeres Unglück auf Erden gibt, als eine unpassende Ehe. Sie sind entschloffen, sich mit dem ersten besten Freier zu verloben, um das eigene rebellische Herz vor der Verbindung mit einem Unwürdigen zu bewahren. Ist es nicht so?"

Armgard preßte die feinen Lippen zusammen und nickte dann trotzig.

Tante Hanna sah sie bekümmert an, ergriff ihre Hand und begann die Geschichte ihrer Freundin zu erzählen.

Sie hieß Johanna wie ich und war mit zwanzig Jahren ein recht leidlich hübsches und verständiges Mädchen, weil ihre Kindheit im Feuer der Trübsale geläutert worden war- Ihr Vater war Offizier, er hatte die Befreiungskriege mitgemacht und war ein harter, jähzorniger Mann, ungerecht und grau­sam gegen seine engelsgute Frau und seine Kinder, die ihn - fürchteten unv vor ihm zitterten. Da er als Lebemann und eingefleischter Egoist nur an sich selbst und seine kostspieligen Genüsse dachte, so war von seiner Gage nur wenig für die Familie übrig und die unglückliche Frau, welche vor ihrer Ver» heirathung bei der Fürstin am Hose der Wiener Residenz, wo meine Geschichte spielt, gewesen und von der Durchlaucht stets bevorzugt worden war, erhielt auf ihre Bitte lohnende Nähe­reien vom Schlosse, welche sie mit der ältesten Tochter Johanna ebenso heimlich anfertigen mußte, damit der gestrenge Gemahl von dieser Erniedrigung nicht die leiseste Ahnung erhalte. So verging die Kindheit meiner Freundin freudlos und sorgenvoll, als Vertraute ihrer armen Mutter zu früh schon des Lebens Nachtseiten kennen lernend. Da trat ein Mann in ihr Leben, der verhängnißvoll für ihre ganze Zukunft werden sollte. Es war ein junger, bildhübscher Mann, der einzige Sohn einer mit Johannas Vater befreundeten reichen Gutsbesitzers. Er sollte, weil er ein Wildfang war, seine Militärzeit abdienen, um Discipliu unter der strengen Fuchtel seines Vorgesetzten zu lernen. Seine Eltern hatten Johanna zu sich auf ihr schönes Gut eingeladen, wo sie zum ersten Male das Glück kennen lernte und sich die Zuneigung ihrer reichen Gastgeber gewann- Kurz und gut, woran das arme Mädchen in ihren kühnsten Träumen nicht gedacht, das sollte zur Wirklichkeit jetzt werden, die Eltern hatten ihren Karl für sie bestimmt und ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben.

Ihre Mutter war bei der ganzen Geschichte weder zu Rathe gezogen noch um ihre Einwilligung gefragt worden und doch war sie die Einzige, welche mit klarem Blick das kom­mende Unheil für ihr armes Kind in dieser Verbindung sah, da der Reichthum sie nicht verblendete, der Character des Bräutigams ihr aber keine Gewähr für das Glück ihrer Toch­ter zu geben vermochte- Johanna schwamm in einem Meer der Wonne, da Karl sich ohne Widerstreben die Braut gefallen ließ, weil er die Eltern gerade in jener Zeit nicht erzürnen durfte. Die Aerrnste hörte nicht auf die verstohlenen Warnun­gen der Mutter, ja, sie wurde in ihrem Innern sogar gehässig gegen sie, da sie glaubte, daß die Mutter ihr aus Eigennutz das Glück nicht gönne. Natürlich wurde sie von der Welt beneidet und ihr auch hin und wieder eine Aeußerung des Bräu­tigams hinterbracht, der die Hochzeit gern noch zehn Jahre weiter hinausgeschoben hätte. Als seine Militärzeit zu Ende war, setzte sein Vater den Hochzeitstag fest. Am Polterabend aber geschah etwas Schreckliches. Der Bräutigam war die letzten Tage schon sehr unruhig und zerstreut gewesen, an die­sem Abend jedoch so auffällig rücksichtslos gegen seine Braut, daß es selbst dieser arglosen Seele auffiel, wie vielmehr mcht den fremden Gästen, die sich schadenfroh anstießen, sowie den Eltern, die ihn unruhig und vorwurfsvoll anblickten. Nur der