Nirterchaltrrngsblatt 311m Gietzenev Anzeiger» (Genevnl-Anzergev)
Nv. 29
1893
Donnerstag, den 9. Marz.
Tante Hannas Geheimniß.
Original-Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung).
Hanna ging hinaus, während Armgard langsam im Zimmer umherschritt. Das sonst so blühende Antlitz war leichen- blaß, um die festgeschloffenen Lippen lag ein herber Zug, der sie um ein paar Jahre älter erscheinen ließ und aus den freundlichen braunen Augen blitzte es wie Menschenverachtung und Haß.
Tante Hanna kehrte zurück. Sie ergriff Armgards Hände und zog sie sanft nach dem Sopha, wo sie sie in eine Ecke niederdrückte. Dann zündete sie die Lampe an und ließ sich an ihrer Seite nieder.
„Sie haben Alles mit angehört, Kind?"
„Ich mußte wohl, da mir jeder Ausweg verschloffen war," lautete die bittere Antwort.
„O nein, Herzchen, die Rothwendigkeit lag gerade nicht vor. Sie konnten durch die Hofthür in mein Obstgärtchen gehen, da ich leider nur den einen Ein- und Ausgang habe. Aber natürlich blieben Sie hier, um sich von diesem Igel von Maler noch tiefer verwunden zu lassen. Was man nicht weiß, das —"
„Ja, ja, Tantchen, ich blieb aus Neugierde, es ist ganz gut, zu^'wiffen, was Andere über uns denken und urtheilen, weil das die Demuth weckt. Die Lehren dieses stachlichen Igels waren schmerzhaft, aber doch gut. Es ist nur gar zu demüthigend, daß die Welt und dieser Mensch von mir glauben können, ich hätte um seinetwillen nicht geheirathetl — Das könnte mich noch heute zu einem verzweifelten Entschluß bringen."
„Meine beste, einzige Armgard!" bat Hanna, den Arm um sie legend, „verachten Sie das Geschwätz der Welt, wie Sie es stets gethan. Mag der Elende doch kommen, für den Sre sicherlich Verachtung empfinden. — Oder," setzte sie er» f$te(It Jinju, als sie sah, wie das blaffe Gesicht sich mit einer tiefen Gluth bedeckte, „sollte ich mich geirrt haben und Ihr Herz noch immer für ihn empfinden?"
Armgard legte den Kopf an ihre Schulter und brach in Thränen aus.
, „ »Verachten Sie mich, Tante Hanna," sprach sie endlich leise, mit Anstrengung, „ich habe in all' den Jahren nur zu oft an ihn gedacht und mein Gewissen im Hinblick auf seine armen Eltern mit dem Gedanken beruhigt, daß er glücklich ge- worden und daß ich die Begründerin seines Glücks gewesen.
Ach, Tante, ich liebte ihn so sehr, der alte Igel hatte ganz recht gesehen mit seinen scharfen Maler-Augen. Als ich ihn in Köln wiedersah, schöner noch als früher, da fühlte ich die alte Liebe erwachen in ihrer ganzen Stärke und der Gedanke, daß er frei sei, daß er noch jetzt mein werden könne, versetzte mich in einen Rausch des Entzückens. Dann kam ein jähes Erwachen, ich merkte die Absichtlichkeit seiner Annäherung, hörte ungesehen von ihm, wie er meine Freundin über meine Vermögens-Verhältnisse und mein einsames Leben ausforschte, sah den Triumph in seinen Augen und empfand mit Widerwillen das berechnete Entgegenkommen seines dresstrten Kindes. Ent» setzt entfloh ich, um soeben anzuhören, daß er mir auf dem Fuß gefolgt, daß der Elende sich mit meiner Schwäche brüstet, daß die Welt mein innerstes Geheimniß an s Tageslicht zerrt, um der Närrin zu spotten, welche als alterndes Mädchen noch auf Glück zu hoffen wagte, während der kluge Freier nur ihr Hab und Gut will, um sie als Ballast dann bei Seite zu werfen. Tante Hanna, wohin soll ich mich flüchten vor der Welt und der eigenen Scham?"
Die Greisin blickte einen Augenblick sinnend vor sich hin, wobei eine tiefe Wehmuth um die blassen Lippen zuckte.
Dann streichelte sie die Wangen ihres Lieblings und versetzte in ihrer milden, ruhigen Weise: „Ich möchte Ihnen wohl die Geschichte einer Freundin erzählen, welche in der Jugend- zeit Freud' und Leid mit mir theilte und sozusagen mein zweites Ich war. Doch ist es heute Abend zu spät geworden, weshalb ich Ihnen einen Vorschlag mache, meine liebe Armgard! Schicken Sie den Conrad wieder nach Hause und bleiben Sie diese Nacht bei mir. Morgen früh, wenn die Vögel erwachen und die Rosen ihre Kelche öffnen, wenn die Pfingstsonne uns begrüßt, dann werden auch Sie ruhiger sein und die Geschichte meiner Freundin wie eine heilige Offenbarung in sich aufnehmen. Ja, schauen Sie mich nur verwundert an, die alte Tante Hanna trägt immer noch ein Stück Poesie in ihrem Herzen und kann sich mit dem nüchternen und ost recht widerwärtigen Realismus der heutigen Jugend, die für nichts weiter schwärmt als für Erwerb und Genuß, nun einmal nicht befreunden."
-,Jch bleibe hier, Taute Hanna, um die Geschichte Ihres zweiten Jchs zu hören," sprach Armgard gefaßt. „Wollen Sie dem Conrad Bescheid sagen?"
„Er wird soeben gekommen sein, ich gehe schon, mein Kind I"
Hanna ging, um den Kutscher fortzuschicken, Garten und Haus zu verschließen und der alten Kathrin einige Anordnungen zu ertheilen. Dann kehrte sie zu Armgard zurück.


