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sagte er: „Achtzehn Jahre alt war sie, als man ihre Leiche aus dem Wasser zog — achtzehn Jahre und zwei Monate, mein liebes, gnädiges Fräulein — ach, und noch in ihrem Tode war sie so schön, so schön wie ein Engel I — Es ist mein Trost, daß sie nicht so himmlisch ruhig ausgesehen haben könnte, wenn sie nicht vor Gottes Throne Vergebung gefunden hätte für ihre große Sünde."
Seine dünne, fchwindsüchtige Stimme zitterte und es waren jetzt wirkliche Thränen, die er mit dem blauen Taschentuche fortwischte.
Paul Mehnert, der fortwährend dicke Rauchwolken aus seiner kurzen Pfeife gepafft hatte, spuckte heftig aus und sagte dann in einem so ingrimmigen Ton, daß Editha erschrocken zusammenfuhr: «Sprich doch nicht immer wieder den alten Unsinn, Vater! Für Unsereinen gibt es was Gutes so wenig im Himmel als auf Erden! Und wozu erzählst Du dem vor- nehmen Fräulein die Geschichte? Für einen Roman ist sie viel zu gewöhnlich und für eine interessante Neuigkeit viel zu alt."
Editha, die ihre Bestürzung rasch überwunden hatte, drehte mit einer langsamen, stolzen Bewegung ihr Gesicht dem Sprechenden wieder zu. Der erstaunte, hoheitsvolle Blick, der ihn aus ihren schönen Augen traf, brachte ihn offenbar ein wenig aus der Fassung und hinderte ihn, noch etwas Weiteres hinzuzufügen.
„Wer sagt Ihnen, daß ich mich nur aus Neugier nach diesen Dingen erkundige?" fragte sie kühl abweisend. „Und ich denke, Ihr Vater wäre alt genug, um keines Vormundes mehr zu bedürfen."
Paul Mehnert murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, rückte an seiner Mütze und ging in die Werkstatt, deren Thür er heftig hinter sich zuschlug.
„Seien Sie ihm nicht böse, mein Fräulein!" bat der Alte. „Er ist immer ein Hitzkopf gewesen, und seitdem er neuerdings nirgends Arbeit finden kann, ist kein Auskommen mit ihm. Ich selber muß beide Augen zudrücken, wenn ich nicht alle Tage von neuem Streit und Unfrieden in meinem Hause haben will."
„Und warum kann Ihr Sohn keine Arbeit finden? Ist er so wenig geschickt?"
„O — im Gegentheil!" protestirte der Stellmacher mit unverkennbarem Stolz. „Man soll mir erst mal einen besseren Modelltischler zeigen, als er einer ist- Aber seitdem sie ihn aus einer Fabrik entlassen haben, weil er der Anstifter eines Ausstandes gewesen sein soll, seitdem wollen sie ihn nirgends mehr annehmen, und er liegt mir nun schon Wochen lang hier zur Last, obwohl ich, weiß Gott, kaum Brod genug für mich und die Agnes beschaffen kann."
Editha dachte einen Augenblick nach; dann fragte sie: „Glauben Sie, daß auch in der Hartog'schen Fabrik zu W. Modelltischler beschäftigt werden?"
„Ei gewiß, mein liebes Fräulein! Aber sie haben ihn da ebenso kurz abgewiesen, wie überall, wo er um Arbeit anfragte."
„Nun, wenn er verspricht, sich für die Folge gut zu halten und etwas bessere Manieren anzunehmen, so werde ich Ihrem Sohne dort einen Platz verschaffen. Ich bin mit dem jetzigen Eigenthümer der Fabrik bekannt und ich hoffe, meine Fürsprache wird etwas bei ihm gelten."
Der alte Mehnert war fast außer sich vor Dankbarkeit und Freude über diese unverhoffte Aussicht- Editha aber unterbrach den Strom seiner Rede, indem sie abwehrend sagte: „Ich möchte Ihrem Sohne nur den Beweis liefern, daß man sich auch aus besseren Gründen als aus bloßer Neugier um das Schicksal Anderer kümmern kann. Uebrigens brauchen Sie dem Doctor Asmus nichts von meiner Absicht mitzutheilen. Und nun erzählen Sie mir doch auch, was für eine Bewandt« niß es mit Ihrer verstorbenen Tochter hatte. Sie ist freiwillig aus dem Leben geschieden?"
Das blaugewürfelte Taschentuch gerieth schon wieder in Bewegung.
(Fortsetzung folgt.)
Zur Augenpffege.
Den nachfolgenden Artikel, für welchen wir bei unseren Lesern ein besonderes Interesse voraussetzen dürfen, veröffentlichen wir mit Genehmigung der Verlagshandlung aus der neuen, fünften Auflage von Meyers Konversations- Lexikon.*) Das Neuerscheinen dieses in der gesammten Weltliteratur einzig dastehenden monumentalen Werkes, welches in vier Auflagen eine Verbreitung von weit über einer halben Million Exemplaren gefunden hat, ist geradezu ein Symptom für einen neuen Fortschritt unserer Cultur. Mustergültige Bearbeitung aller Wissensfächer, sorgfältige Berücksichtigung des neuesten Standes auf allen Gebieten menschlicher Thätig- keit, erschöpfende, doch niemals das erforderliche Maß überschreitende Beleuchtung jeder Wissensfrage, von rein objectivem Standpunkt, sind die unübertroffenen Vorzüge des Meyer- schen Konversations-Lexikons, welche sich vornehmlich auch in dem gegenwärtigen Aufsatz widerspiegeln:
Mit sorgfältiger Pflege des Auges muß von frühester Kindheit an begonnen werden. Das Auge des Neugeborenen ist vor greller Lichteinwirkung zu schützen. Das Licht soll aber niemals vollkommen abgesperrt, sondern nur gemäßigt und namentlich ein schneller Wechsel zwischen Licht und Dunkel vermieden werden. Man verhülle deshalb das Fenster der Wohnstube mit einem mattblau gefärbten, leichten Vorhang und nur, wenn die Sonne ans Fenster scheint, etwas dichter. Die Wiege des Kindes stellt man so, daß das Licht von der Seite einfällt, nicht von oben. Die zweite Sorge betrifft die strengste Reinigung der Augen, welche mit gekochtem, lauwarmem Wasser und einem zarten, nur einmal zu benutzenden Leinwandläppchen vorzunehmen ist. Sobald sich stärkere Schleimabsonderung einstellt, die Augenlider im Schlaf verkleben, sich röthen, anschwellen, oder gar eine eiterartige Absonderung sich zeigt, muß die Reinigung mit Zusatz von etwas Bleiwasser um so öfter geschehen, und es muß sofort der Rath des Arztes eingeholt werden, da diese Augenentzündung der Neugeborenen, die gewöhnlich am dritten oder vierten Tage, selten später eintritt, eine der allergefährlichsten Augen-Krank- heiten ist. Selbst nach Beseitigung der Gefahr für das Sehvermögen muß das für Entzündungen mehr als gewöhnlich empfängliche Auge gehütet werden- Jetzt aber ist der Genuß der frischen Luft ganz besonders vorteilhaft, natürlich unter Anwendung aller Vorsichtsmaßregeln. Man schütze das kindliche Auge durch einen übergehaltenen Schirm vor dem Hellen Himmekslicht, suche mehr schattige Orte auf und vermeide ebenso raschen Temperaturwechsel, wie zugige Stellen. Bleiben trübe Stellen der durchsichtigen Augenhäute zurück, so muß der Arzt die Trübung beseitigen. Im kindlichen Alter ist dies oft mit einfachen Mitteln möglich, während es später schwerer oder gar nicht mehr gelingt. Fängt das Kind einige Wochen nach der Geburt an zu fixiren, so bemerkt man, daß sein Auge gern glänzenden, leuchtenden Gegenständen folgt- Diese und Spielzeuge sollen nicht so nahe gehalten werden, daß nur ein Auge sie sehen kann, da sonst Schielen soll entstehen können. Auch dürfen sie nicht zu klein sein, weil sie sonst wegen der erforderlichen Annäherung an das Auge Kurzsichtigkeit zur Folge haben könnten. Man soll Kinder daher fleißig im Freien an das Sehen entfernter Gegenstände gewöhnen. Bei skrophulösen Kindern, welche über die erste Zahnperiode hinaus sind, kommt häufig eine eigentümliche Form der Augenentzündung vor, auch bei Masern, Scharlach, Pocken werden die Augen in Mitleidenschaft gezogen.
*) Meyers Konversations-Lexikon. Eine Encyklopädie des allqemeinen Wissens. Fünfte, gänzlich neu Bearbeitete und vermehrte Auslage. Mehr als 100,000 Artikel aus nahezu 17,500 Seiten Tert mit ungefähr 10,000 Abbildungen, Karten und Planen im Text und auf 950 Tafeln, darunter 150 Chromotafeln und 260 Kartenbeilagen. 17 Bände, in Halbfranz gebunden, zu je 10 Mk. (— 6 Fl. ö W.) oder in 272 wöchentlichen Lieferungen zu je 50 Pf. — (.30 Kr.s. Leipzig und Wien, Bibliographisches Institut.


