Ausgabe 
8.8.1893
 
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haben wünsche, im freundlichen so wenig als im unfreundlichen

^Vater^ mahnte der junge Mensch in rauhem, befehlendem Ton und mit finster gerunzelter Stirn.

Wieder glaubte Edith« einen feindlichen Blick aus leinen dunkel umschatteten Augen zu fühlen und gerade d es^ sonder bare Benehmen des ihr völlig Unbekannten reizte chrm h°» müthigen Trotz. Indem sie dem Sohne völlig den Rucken zu

S,C D-rSKllmach-?sücht« hinter demBrnftl-tz schürze nach dem blaugewürfelten Taschentuch und während er einer B-w-gnn«, di- ihm bei

schon zur Gewohnheit geworden war, an die Augen fuhrt

bau, der bei ihrer Annäherung die kurze Pfeife aus dem Munde nahm und grüßend an seiner Mütze rückte.

Guten Tag, Mehnerti" redete ihn der Arzt an.Wie steht's mit Ihrer Schwester? Hat sie gestern und heute noch über viele Schmerzen geklagt?"

Sie klagt übe> Haupt nicht, Herr Doctor," erwiderte der Gefragte, dessen blaffes, eingefallenes Gesicht eine lange Ge­schichte von Sorgen und Entbehrungen zu erzählen schien. Wenn wir sie nicht manchmal im Schlafe leise wimmern hörten, würden wir kaum wisien, daß ihr was fehlt, so stille und geduldig liegt sie da. Aber das ist eben von jeher so ihre Art gewesen." , . t . .

Während er sprach, hatte er einen verwunderten und, rote es Editha scheinen wollte, nicht gerade freundlichen Blick auf die elegante junge Dame in des Doctors Begleitung geworfen. Aber er that keine Frage und öffnete die zur Rechten der fchmalen, halbdunklen Diele gelegene Thür, die in eine niedrige Werkstatt zu führen schien.

Der Herr Doctor ist da, Vater!" rief er hinein.Du wirst ihm besser als ich Auskunft zu geben wiffen."

Der Stellmacher Mehnert kam heraus, em grauhaariger, schon etwas gebeugter Mann mit kränklichem, durchfurchtem Gesicht. Die Freude, welche er beim Anblick des Arztes

1 empfand, war offenbar viel größer als diejenige seines Sohnes; denn er schüttelte dem Doctor in seiner treuherzig ländlichen Weise wiederholt die Hand und brachte mit übersprudelnder Geschwätzigkeit heraus, was er in Bezug auf das Befinden seiner Tochter für mittheilenswerlh hielt. Asmus Hörle chm eine kleine Weile zu; dann schnitt er mit einer freundlichen Handbewegung den Redestrom des Alten ab.

Ich danke Ihnen, Vater Mehnert es ist also, rote I ich aus alledem entnehme, nicht schlechter geworden und tm I Uebrigen werde ich nun schon selber sehen, wie es steht. I Das gnädige Fräulein hier hat gehört, auf welche Weise die I Agnes zu Schaden gekommen ist und möchte ihr gerne ein I tröstliches Wort sagen- Ich werde wohl zuerst hineingehen I müssen und während dessen mögt Ihr Beide versuchen, die Dame I JU "Er^klovfte behutsam an eine Thür zur Linken und trat, als von drinnen ein schwachesHerein!" vernehmlich geworden war, über die Schwelle. Der alte Mehnert aber nöthlgt

I Editha, die noch immer draußen auf dem Schnee stand, mit einigen verlegenen Kratzfüßen in das Innere des Hauses.

I Ich kann dem gnädigen Fräulem allerdings nur einen I Schemel in der Küche anbieten," meinte er;denn m der I Werkstatt ist es doch wohl zu schmutzig für so ferne Kleider- I Aber hier draußen in der Kälte"

Nein, nein, beunruhigen Sre sich meinetwegen nicht! wehrte Editha in einer zwar nicht unfreundlichen, doch immer I etwas hochmüthigen Weise ab.Ich bm Nicht empfindlich gegen die Kälte und ich werde hier warten, bis Doctor Asmus I mir gestattet, das Krankenzimmer zu betreten! Ist die Agnes übrigens Ihre einzige Tochter?"

IJa! Ich habe nur noch den Paul und sie! Aber I ich hatte freilich noch eine andere Tochter o, gnädiger I Fräulein die Lene, das war ein Madel! So fchön me Sie wahrhaftig, so schön wie Sie! Und das muß nu I Alles unter der Erde vermodern, weil so ein Schuft sie in oen

Sinne." , . ,.

Ah, Sie kennen ihn also genauer, als Sie es vorhin errathen ließen und Sie kennen ihn von einer unvortheil- haften Seite?" , _

Wir waren vor einer Reihe von Jahren Studiengenoffen in der Hauptstadt; wir gehörten derselben Verbindung an und nannten uns sogar Freunde- Sie werden es begreiflich finden, wenn ich namentlich mit Rücksicht auf diesen letzterwähnten I Umstand Ihre Frage unbeantwortet lasse."

Oh, ich bin nicht neugierig! Aber es muß wirklich etwas Schreckliches zwischen Ihnen passtrt sein, da Sie als ehemalige Freunde jetzt so kalt und gleichgiltig wie Fremde neben einan« I der hergehen können. Soll ich einmal versuchen, den Friedens- I enget zu spielen?" ,, _ . .. I

Rein, Fräulein Editha!" entgegnete er sehr ernst und mit großer Bestimmtheit.Von einer Aussöhnung zwischen Hugo Neukamp und mir könnte niemals die Rede sein, und einer I äußerlichen Annäherung bedarf es um fo weniger, als unsere Lebenswege und Lebensinteressen ja inzwischen zu sehr ver- I schiedenartige geworden sind." , ..., I

Aber Sie müssen es doch begreifen, daß es sehr peinlich I für mich ist, zu sehen, wie sich zwei Freunde unseres Hauses in kaum verhehlter Feindschaft gegenüberstehen. Oder machen Sie es zur Bedingung für die Fortdauer Ihrer Freundschaft, daß wir mit Herrn Neukamp brechen?"

Gewiß nicht! Bin ich doch sicher, daß Sie nicht daran denken würden, sie um diesen Preis zu erkaufen?

Es war wieder eine fühlbare Herbheit in feiner sonst so I ruhigen Stimme. Editha streifte ihn mit einem rachenSetten- blick; aber sie blieb ihm eine directe Artroort schuldig und sagte statt dessen nach kurzem Schweigen mit noch freundlicherem I und liebenswürdigerem Tone als zuvor: I

Uebrigens, wenn es so steht, muß ich wohl bekennen, daß ich mich heute noch einer anderen Unart gegen Sie schuldig gemacht habe. Sie könnten sonst glauben, daß Hnr Neukamp der ganz unschuldig daran war, Ihnen geflissentlich habe einen kleinen Verdruß bereiten wollen. Es geschah auf mein Ver­langen, daß er Sie vorhin überholte und Ihrem wackeren Braunen die Ehre streitig machte, der Erste zu bleiben.

Es bedurfte dieses Bekenntnisses nicht erst, um mich da- von zu überzeugen. Was bei Ihnen nur Unbedachtsamkeit und jugendlicher Uebermuth war, wäre ja bei »hm ein frevelhaftes Spiel mit Menschenleben gewesen, das ich schon um Ihrer Schwester willen nicht hätte ungestrast lassen dürfen-

Editha war in raschem Wechsel blaß und roth geworden. Um ihre Sippen zuckte es unwillig, und es kostete sie ersichtlich einige Selbstüberwindung, das unwillige Wort zuruckzudrängen, das ihr wohl schon auf der Zunge lag. Fast zwei Minuten waren vergangen, ehe sie faßte:

Es ist eine hübsche Zurechtweisung, welche Sie mir da zu Theil werden lassen; aber ich will sie Ihnen nicht übel nehmen, denn nach den Begriffen unserer letzigen Umgebung habe ich sie ja gewiß verdient- Ich vergesse eben leider noch viel zu oft, daß wir nicht mehr in Papas alter Garnison und unter einem Völkchen von Reiteroffizieren leben, denen persön« liche Tapferkeit und fröhlicher Wagemuth für etwas ganz Selbstverständliches galten. - Aber wir sind fchon am Ende des Dorfes. Haben wir es denn noch weit?

Nein, mein gnädiges Fräulein das Haus des Stell» machers liegt dort drüben - und wenn Sie wirklich dabei M<Xm@eX - Wann hätte ich Ihnen Anlaß gegeben, mich für wankelroüthig zu halten? Das Elend wird doch wohl nicht ansteckend fein!" ,

Doctor Asmus antwortete nicht und sie gingen quer über die Dorfstraße dem armseligen, windschiefen Häuschen zu- Em paar Räder und ein zerbrochener Pflug, die unter einem Bretterverschläge an der Hauswand lehnten, ließen errathen, welches Handwerk hier betrieben wurde- In der halboffenen Thür aber lehnte ein noch junger Mann von kräftigem Körper-