1893
Antevhnltringsblntt sum Gretzenev Anzeigen (Genev<rl-Anzeig-v)
Dienstag, den 8. August.
Das goldene Kalb
Novelle von Reinhold Ortmann.
(Fortsetzung.)
II.
Von dem jungen Paare, dem die ausgezeichneten Pferde des Herrn Neukamp einen sehr beträchtlichen Vorsprung vor der ganzen übrigen Gesellschaft verschafft hatten, war während der ersten Minuten nichts zu sehen, und die Damen, welche sich oben in dem behaglich durchwärmten Tanzsaal des Wirths- hanses von den diensteifrigen Cavalieren aus ihren wärmenden Enthüllungen schälen ließen, konnten nicht umhin, einige Bemerkungen darüber zu machen, die in der Form harmlosen Scherzes zumeist eine ganz hübsche Dosis Bosheit enthielten. Monika von Haffelrode war alsbald von einigen Freundinnen in Beschlag genommen worden und Doctor Asmus, der seinen Pelz nicht erst abgelegt hatte, konnte darum, ohne sich einer Unhöflichkeit gegen sie schuldig zu machen, den Saal alsbald wreder verlassen.
Auf der Diele des Wirthshaufes kamen ihm Neukamp und Ediths entgegen. Die Tochter des Obersten hatte ihren Arnl in denjenigen des Fabrikbesitzers gelegt, aber sobald sie des von oben Herabkommenden ansichtig wurde, machte sie sich los und ging ihm mit großer Lebhaftigkeit entgegen.
_ . Sie jetzt Ihren Krankenbesuch machen, Herr Doctor- fragte sie mit einer Liebenswürdigkeit in Ton und Mienen, die wohl auch den stärksten Groll hätte entwaffnen müssen. „Werden Sie mir erlauben, Sie auf demselben zu begleiten?" 3
doctor Asmus betrachtete sie mit erstauntem, fragendem d^ wie Jemand, der nicht ganz sicher ist, ob man ihn nicht vielleicht nur zum Besten haben wolle.
„Sie, Fräulein von Haffelrode?« fragte er zögernd, gchicht?«)atm Eden Sie von derartigen Neigungen heim«
„Ihre rührende Geschichte von dem heldenmüthigen Mäd« schwere Brandwunden zuzog, als es einer armen Wittwe die einzige Kuh aus dem brennenden Stalle retten wollte, §.at ™r s angethan. Ich war von vornherein entschlossen, dies seltene Geschöpf kennen zu lernen, und wenn Sie mich nicht mitnehmen wollen, werde ich den Weg zu ihr schon allein finden."
r:, »Wenn Sie im Ernst die Absicht haben, sich Ihre früh« liche Feststimmung durch einen solchen Besuch zu verderben, so
will ich Sie gern bei den Leuten einführen. Aber ich mache Sie im vorhinein darauf aufmerksam, daß es nicht sehr angenehme Eindrücke sein werden, welche Sie dort erwarten."
„In der That, mein gnädiges Fräulein," mischte sich nun auch Hugo Neukamp, der mit höchst verblüfftem und etwas unwilligem Gesicht daneben gestanden hatte, ein, „ich möchte in Ihrem eigenen Interesse gegen die Ausführung eines derartigen Vorhabens protestiren. Solche Sachen sind nur romantisch und rührend, wenn man sie aus einiger Entfernung ansteht, und Sie werden sich nicht nur um Ihre gute Laune, sondern auch um eine schöne Illusion bringen, falls Sie darauf bestehen sollten, in eine persönliche Berührung mit dieser Dorfheldin zu treten."
„Lassen wir es einmal darauf ankommen," erwiderte Editha etwas schnippisch. „Vielleicht findet sich da auch für mich Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, und das wäre doch wohl ein geopfertes Vergnügen werth."
Sie wandte sich zum Gehen, ohne dabei die freudige Bewunderung zu übersehen, welche bei ihren letzten Worten in dem Antlitz des Doctor Asmus aufgeleuchtet war. Da er nicht zum Mitgehen aufgefordert wurde, mußte Herr Hugo Neukamp wohl oder übel zurückbleiben und es war ihm vom Gesicht abzulesen, daß er Edithas frostiges „Auf Wiedersehen!" keines- wegs als lindernden Balsam empfand für die Wunde, die seiner Eitelkeit durch ihr sonderbares Benehmen geschlagen worden war. Mit einem finsteren Blick sah er den Beiden nach und trat dann, statt sich in den Tanzsaal hinauf zu begeben, in das unten gelegene Herrenstübchen des Gastlocals ein.
Doctor Asmus und Editha sprachen anfänglich nicht viel, während sie über den hartgefrorenen, knarrenden Schnee der Dorfstraße schritten. Plötzlich aber legte die junge Dame ganz leicht ihre Hand auf den Arm des Begleiters und sagte in weichklingenden, schmeichelnden Lauten: „Sie sind mir sehr böse, nicht wahr? — Ihre angeborene Ehrlichkeit macht es Ihnen ja doch unmöglich, es mir zu verbergen."
„Ich verberge nichts," erwiderte er ruhig, „aber es wäre sehr thöricht, wenn ich Ihnen böse sein wollte; denn Sie würden sich alsdann insgeheim doch ohne Zweifel nur lustig über mich machen."
„So habe ich mich ganz und gar um Ihre gute Meinung gebracht, indem ich die Einladung des Herrn Neukamp annahm, obwohl ich Ihnen bereits eine halbe Zusage gemacht hatte? Ja, mein empfindlicher Herr Doctor, warum, wenn Sie das so sehr verdroß — haben Sie Ihr gutes Recht dann nicht besser vertheidigt?"
„Weil es nicht meine Gewohnheit ist, mich aufzudrängen und weil ich überdies keine Berührung mit Herrn Neukamp zu


