Ausgabe 
8.7.1893
 
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dem Herzen. Ein Ruck, die Maschine steht still und wir sind blamirt mit unserem menschlichen Wiffen und Können. Wider den Tod ist noch kein Kraut gewachsen," tröstete er sich dann,und all' unser Wiffen ist Stückwerk."

* * »

Zur selben Zeit, als der Oberst die Augen auf immer schloß, schritt Hans neben der lustig plaudernden Asta hin. Er hatte dabei Muße genug, seine Lage zu überdenken. Un- klug war es von ihm gewesen, sich mit seiner Frau ernstlich zu überwerfen und den Streit auf die Spitze zu treiben, be­vor der Oberst wirklich tobt war. Wer konnte aber voraus­sehen, daß er so eine starke Natur haben würde! Freilich war es keine Kleinigkeit, aus dem Leben zu scheiden, sich von seinem Reichthum und diesem schönen Weibe zu trennen! Jede Faser seines Herzens mußte sie am Dasein hängen; mehr noch als die Kunst des Arztes hatten ihn-seine Willens­kraft, sein Wunsch, zu leben, erhalten. Da nun Strehlen das Fieber glücklich überwunden, war für Hans jede Aussicht auf Leonorens Hand verschwunden. Bei der sorgsamen Pflege, die dem Genesenden zu Theil wurde, konnte er sich leichter erholen und dann völlig gesunden. Hans überlegte: er mußte einlenken und seine Entschlüsse den veränderten Ereigniffen anpaffen.

Man rechne nur fest auf den Tod eines Menschen," haderte er mit dem Geschick,so schenkt ihm der Himmel ein langes Leben! Seit wie vielen Jahren hoffe ich nun ver­gebens auf Tante Annas Tod? Ein krampfhaftes Lachen verzerrte fein Gesicht.

Asta sah verwundert zu ihm auf.Ich glaube gar," tadelte sie gutmüthig,Schwager Hans hielt einen Monolog und hörte kein Wort von meinen Bekenntniffen? Denn dabei giebt» doch nichts zu lachen, daß ich mich auf Eurer Hochzeit unrettbar in meinen Heinz verliebte? Durch seine Bosheiten stahl er sich in mein Herz!"

Pardon, liebste Schwägerin, mir ging gerade etwas durch den Kopf," entschuldigte sich Hans.Mußte unwill­kürlich lachen."

Asta plauderte unverdrossen weiter Ihr war es gleich, ob ein andächtiger Zuhörer ihren Ergüssen lauschte oder nicht; ihr Herz war übervoll, sie mußte reden-

Was thun?" rathschlagte Hans im Inneren weiter. Kommt es jetzt zum offenen Bruch zwischen Erna und mir, meldet sich Wiesel trotz der Abschlagssumme mit seinen For­derungen- Erna heißt ihn einen Betrüger; sie weigert sich der Zahlung, da sie glaubt, nur auf fünftausend Mark unter­zeichnet zu haben. Was thun?"

Mittlerweile waren sie an ihrem Ziel angelangt.Ihr hättet Erna mitbringen sollen, Kinder," schalt Herr von Schön­holz,wir wollen gleich en famille die Verlobung feiern!"

Schwiegerpapachen, kommen Sie mit," schlug Hans vor, wir Beide wollen Erna abholen."Sie müssen wissen, meine kleine Frau schmollt mit mir," gestand er ihm unter­wegs,und sie hat ganz recht! Ich bin eigentlich immer der schuldige Theil, giebt es ein kleines Zerwürfniß zwischen uns. Erna ist etwas sehr nervös. Ich sollte mehr Geduld mit ihr haben und nicht gleich aufbrausen, wenn sie mich reizt. Habe unglücklicher Weise ein zu rasches Temperament; hinter­drein ist mirs dann leid. Können mirs glauben, Papachen, aufrichtig leid!" Den eindringlichen Vorstellungen ihres Vaters gab Erna nach und reichte zur Versöhnung Hand und Lippen. Sie legte darauf an seinem Arm den Weg zum elterlichen Hause zurück, um in dem kleinen moquanten Lieutenant einen neuen Verwandten zu begrüßen, so wenig sympathisch er ihr war. Thatsachen lassen sich ja leider auch mit den ver­nünftigsten Gründen, Schlüssen und Gegenreden nicht um­stoßen.

Man brachte eben das Wohl des Brautpaares in Cham­pagner aus, als der Geheimrath in seiner raschen Art unan­gemeldet ins Zimmer trat.

Onkel Geheimräthchen, wie gerufen!" jubelte Asta, ihm stürmisch entgegeneilend.Sie hören wohl das Gras wachsen?

Kommen Sie mir gratuliren? Das himmlisch schön von Ihnen!"

Gratulirt sich was," murmelte er halb unverständlich, während sie auf ihn einschwatzte und ihrer Freude kein Ende fand.

Hans von Malten füllte ihm schnell ein Glas des perlen­den Schaumweins. Indem er zu ihm trat, stutzte er: der verbissene Ausdruck in den durch ständige geistige Ueberarbeit vor der Zeit verwitterten Zügen des Geheimraths fiel ihm auf-Strehlen?" forschte er athemlos und kaum hörbar.

Die Augenlider des Arztes senkten sich bejahend.

Hans zuckte zusammen- Seine Kniee schlotterten. Das Glas, das er dem Geheimrath bieten wollte, fiel klirrend in Scherben.

.Weibernerven!" brummte der Rath in den Bart hinein. Es hat nichts zu bedeuten!" lachte er dann kurz auf.Ja, das plappert der Papagei in der Fabel auch und ruft er noch, während man ihm den Hals umdreht! Glück und Glas" Verächtlich traf sein Fuß die Scherben.Komme von Strehlens. Dort stehts wieder schlechter. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Die Aussichten für ihn sind im Hand- umdrehen umgeschlagen." Er räusperte sich.Na, Astachen, sehen Sie mich nicht so traurig an. Spendiren Sie mir nur ein anderes Glas. Auf Ihr Wohl und das Ihres Herrn Bräutigams und auf Ihr späteres eheliches Glück muß ich trotz Allem anstoßen!"

Eine Viertelstunde später wußte der kleine Kreis um Strehlens Tod.

Erfahren müssen sie es doch," hatte sich der Geheim- rath gesagt,also wirds schon am Besten sein, ich gehe selber sofort hin und bereite sie allmählich darauf vor, sonst schneit mir dort irgend ein Unglücksrabe mit der Trauerkunde ins Haus und richtet Unheil an."

Die arme Frau," sagte er,sie hätte mir bald die Hände geküßt, wie ich den Ausspruch that, ihr Mann sei ge­rettet! Und jetzt ich hielts nicht länger aus drüben- Sie stiert wie geistesabwesend in thränenloser Verzweiflung vor sich nieder; zu allen Vernunftgründen, mit denen man sie trösten will, schüttelt sie stumm und abweisend den Kopf. Wenn sie wenigstens weinen möchte das erleichtert das Herz! Ihr stummer Jammer schnitt mir in die Seele- Die Aermste!"

Aermste?" echote Erna mit ironischem Tonfall.Onkel Strehlens junge, reiche Wittwe, Herrin eines Vermögens, dessen Zinsen sie nicht aufessen kann, lebt sie noch so luxuriös. DieAermste" wirb sich schon mit einem Anderen zu trösten wissen, denn an Freiern wirb es nun nicht fehlen!"

Erna!" verwies Hans auffahrend seine Frau. Herr von Schönholz hatte bei der herzlosen Rede seiner Tochter einen hochrothen Kopf bekommen. Nur mühsam verbiß er seinen Zorn.

Sie meint es nicht so böse, wie es klingt," flüsterte Asta ihrem Verlobten zu.

Man sprach von einem Testament, das Onkel Strehlen kurz vor seiner Erkrankung aufgesetzt," lenkte Herr von Schön­holz ein, um den unangenehmen Eindruck, den Ernas Rede bei Allen hervorgerufen, schneller zu verwischen.Justizrath Salzmann war entrüstet über die Tyrannei, mit der er seiner Frau nach seinem Tode Fesseln auf erlegt; er schalt auf die willenlose Gutmüthigkeit Leonies, die sich mit Allem einver­standen erklärt habe. Strehlens letzter Wille"

Wird für null und nichtig erklärt," fiel ihm der Ge­heimrath sehr bestimmt ins Wort,kraft meiner Autorität! Das Testament ist im Fieberanfall abgefaßt worben, es hat keine Gültigkeit! Wo bliebe wohl die Gerechtigkeit in der Welt, wenn man da nicht energisch einschreiten wollte? Das wäre noch besser, sollte dieser Fran, die in selbstloser Auf­opferung ihresgleichen sucht, ein späteres Glück verwehrt sein 1 Sie hat es redlich um ihn verdient!"

Das hat sie!" riefen Heinz und Herr von Schönholz wie aus einem Munde.

(Fortsetzung folgt.)