Ausgabe 
8.7.1893
 
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Sie nahm nichts davon wahr- Sie war in viel zu großer Erregung, um auf die Außenwelt Acht zu haben.

Und das Hauptereigniß des Tages verschweige ich natür­lich," moquirte sie sich über sich selber.Sein eigenes junges Glück vergißt man vor Freude über das schwindende Leid seiner Freunde- Ich will eine Gratulation haben, eine recht warme, herzliche: ich habe mich verlobt, Schwager Hans!"

Da kann sich Werner gratuliren!"

Asta blickte ihn verdutzt an.Werner?" wiederholte sie. Ich habe mich mit Heinz von Götz verlobt! Werner ist doch ein ganz Theil älter und so gesetzt, wie ein halber Vater. Der paßt doch nicht für mich!" Sie lachte belustigt auf. Wir wollen zu Erna hinein und hören, was sie zu meiner Verlobung meint. Eigentlich ist sie ihm nicht grün!"

Nein, nein," wehrte er verlegen ab.Sie erfährt es zeitig genug. Sie wird durchaus nicht erbaut davon sein! Wir wollen lieber nach der Friedrichstraße zu Euch. Ich habe mit dem Papa Ernstes zu reden! Die Einen finden sich in Glück und Liebe und die Andern"

Er verschluckte die ergänzende Hälfte seines Gedankens.

Armer Schwager," bedauerte ihn Asta,Erna hat wieder einmal Krakehl angefangen. Ich merke schon. Na, was habe ich zu Hause unter ihrem Pantoffel gestöhnt!"

Ein Geräusch unterbrach die Grabesstille des Kranken­zimmers. Es weckte Leonore aus dem Schlaf. Der linke Fuß Fräulein Feldners sie trug dicke, weiche Filzschuhe war mit dumpfem Aufschlag vom Schemel herunter auf den Boden geglitten. Der Pflegerin eines Augenlid ging verschlafen halb in die Höhe und klappte schwer wieder herunter. Leonore erhob sich. Sie sah nach ihrem Mann. Er athmete langsam und ruhig. Da wurde die Portiere der Seitenthür ein wenig zur Seite gezogen und der braune Kopf Emmas wurde sicht­bar. Leonore näherte sich ihr.

Fräulein von Schönholz war hier," meldete die Jungfer leise.Ich soll der gnädigen Frau die Kunde überbringen, sie sei glückliche Braut. In ihrer Freude schenkte sie uns Leuten alles Geld, was sie bei sich führte. Wir sollten u.is Kuchen und Torte dafür kaufen. Weil der Herr Oberst doch in der Befferung feien, würden die gnädige Frau sicher nichts dagegen einwenden, wenn wir des gnädigen Fräuleins Ver­lobung feierten. Es geht auch ohne den Wein, von dem das gnädige Fräulein

Franz soll Euch geben, wendet Euch an ihn!"

-Leonore hatte sich auf den Stuhl zunächst der Thür niedergelassen.

Darf ich der gnädigen Frau eine Erfrischung besorgen?" Nein, danke, Emma, später"

Leonore seufzte tief auf: es war gut so. Des Himmels Fügung war wunderbar! Ihr Mann genas zu einem neuen Leben und das Gespenst der Eifersucht auf den Maler war nun für immer begraben. Paul Werner hatte sich mit Asta verlobt! Hatte sie je mit einem Gedanken gefehlt und sich von Ludwig abgewandt, würde sie es nun in treuester Pflicht­erfüllung sühnen, gelobte sie sich. Hatte sie denn überhaupt gefehlt? Nein, sie hatte den teuflischen, entsetzlichen Ge­danken, dessen Ludwig sie im Fieber beschuldigte, aus seinem Tode ihr Glück erblühen zu sehen, nie gehabt, nie, nie! Warum aber, warf ihr der stumme Richter in ihrer Brust vor, hast Du Deinem Mann Dein Wort nicht geben können, ihm Treue über das Grab hinaus zu wahren? Ein Frösteln schüttelte ihre Glieder. War sie nicht doch in innerster Seele schuldig? Oder hatte sie nur das unbestimmte Ge- fühl davon zurückgehalten, die Hoffnung, es müsse in diesem Leben noch ein Glück ihrer harren, ein großes, heiliges Glück, dem sie nicht entsagen könne, das sie nicht ungeboren ein- sargen dürfe? Es war ein unheimliches Verhör, das ihr Gewissen mit ihr anstellte. Wenn heute Ludwig den Treu­schwur von ihr verlangte, würde sie sich noch weigern? Nein, keinen Augenblick. Sie erschrak. Eine Todeskälte durch­schauerte sie. Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über ihre Stirne, die sich mit kaltem Schweiß bedeckt hatte- Barmherziger Himmel," murmelte sie,ich glaube, ich be­

komme auch das Fieber. Ich habe es schon! Und wenn ich bann rase und rede, wovon ich nichts weiß was ich nicht denken sollte? Wenn alte Zeiten in mir lebendig werden, wenn verschwiegene Herzenssehnsucht aus mir spricht und Ludwig es hört und vernimmt?" Ihre Finger schlangen sich verzweiflungsvoll zum Gebet ineinander.

Leonie," tönte es leise von Strehlens Lager her.

Diese Stimme verscheuchte die finsteren Geister und rief re zu ihrer Pflicht und zum Bewußtsein zurück.

Sie befand sich im Nu an seiner Seite.

Leonie," sagte er,ich werde bald sterben! Ich fühle den Tod schon. Schicke zum Justizrath, schnell, sofort I Ich will ein anderes Testament aufsctzen, will gut machen"

Es hat keine Noth mit dem Testament!" beruhigte sie ihn.Du bist ja in der Befferung! Es ist ganz überflüssig. Die schwere Krankheit ist glücklich überstanden. Du bist nur sehr mätt und angegriffen, Ludwig!"

Es ist doch besser!' drängte er unruhig.Leonie, chicke Franz zu Salzmann!"

Nicht doch," iächelte sie,gieb Dich zufrieden! Du wirst gesund und wir bleiben beisammen!" Sie bog sich zu ihm nieder und küßte ihn.

Seine Augen leuchteten bei ihrer Liebkosung auf.

Du bist in der Besserung," plauderte sie ihm vor,und die Feldner und ich, wir wollen Dich schon pflegen! Du wirst Dich schneller erholen, als Du denkst!"

Aber, weißt Du, Leonie, ich möchte doch lieber" kam er auf seine Idee zurück-

Asta war hier," warf Leonore rasch ein, um ihn ab­zulenken.

So, so, die Kleine wie geht's ihr?"

Sie hat sich verlobt, das wollte sie uns selbst ver­künden," erwiderte Leonore, unsicher schwankend, ob sie mit ihren Mittheilungen so weit gehen dürfe.

Verlobt? Mit wem?"

Mit Werner, Ludwig."

Siehst Du wohl, ich habe Recht behalten," sprach er langsam und selbstgefällig.Ich habe es längst gewußt! - Aber recht matt bin ich doch noch" Fräulein Feldner war über dem Reden erwacht. Sie brachte die Bouillon.

Strehlen trank eine halbe Taffe, während Leonore ihn

stützte. _

Nun möchte ich schlafen!" sagte er darauf.Und mor­gen," er lächelte glücklich,morgen, wenn ich aufwache, wie­derholst Du mir Alles: Asta hat sich mit Werner verlobt - und ich bin in der Besserung und wir bleiben beisammen."

Sie ließ ihn langsam aus ihren Armen in die Kiffen zurücksinken und beugte sich nochmals zum Kuß zu ihm nieder.

In Kurzem schlief der Oberst wieder. Er athmete tief und ruhig. Seine Hände hatten sich auf seiner Brust ver­eint. Das glückliche, freundliche Lächeln blieb noch im Schlaf in seinen Zügen- Leonore setzte sich zu Fräulein Feldner dem Bette gegenüber. Sie wollte sich nicht aufs Neue ihren Ge­danken überlasten und unterhielt sich ganz leise mit der Kran­kenpflegerin- Sie machten Pläne für den Genesenden.

Die Feldner heftete plötzlich ihr Auge starr auf das Lager.Erschrecken Sie nicht, es ist mir nur" Sie hielt inne. f

Leonore beugte sich vor, hinüberspähend. Der Kranke lag doch still und friedlich? Ja, still und friedlich! Ec athmete nicht mehr. Sie stieß einen markerschütternden Schrei aus und stürzte sich auf ihn.

Franz und der Gärtner liefen, den Geheimrath aus­findig zu machen. ,

Er kam, aber feine Hülfe war nicht mehr nöthrg., Er konnte nur den Tod in Folge eines Herzschlages constatiren.

Er setzte sich an den Schreibtisch im Salon, um den Todtenschein auszustellen. Seine Stirn war in grimmige Falten gezogen.Jetzt habe ich ihn für gerettet erklärt, grollte er in sich hinein,und nun stirbt er mir. Das Fieber ist gebrochen! Wochenlang habe ich ihn dem Tode buchstäblich abgerungen, da greift der Rheumatismus nach