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Nntevhaltungsblatt zr-M Gießener Anzeiger (General-Anzeiger)
1893
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Samstag? den 8. Juli.
Verschlungene Pfade.
Roman von Max Hochberg.
(Fortsetzung).
Asta witterte eine Ueberraschung; sie glaubte, Leonie oder Werner sei zum Besuch im grünen Zimmer. Sie schlüpfte flink wie ein Wiesel hinaus und prallte direct auf Herrn von Götz, der seitwärts hinter der Thür gelauert hatte und nun ganz unerwartet dicht vor ihr stand.
Sie brachte kein Wort hervor. Sie starrte ihn ungläubig an: das also war des Räthsels Lösung.
„Ich hätte Ihnen einige Mittheilungen zu machen, mein gnädiges Fräulein," begann er, „mein Freund Ruler hat sich verlobt, mit Fräulein Ehrenberg verlobt."
Ein unsagbar freudiges Lächeln verklärte Astas Gesicht. Ihre Wangen rötheten sich vor Erregung.
„Meinem Freunde widerstrebt es," fuhr er fort, „mir, wenn auch indirect, verpflichtet zu sein, da ich, wie Sie wissen, die Ausbildung seiner jetzigen Braut übernahm- Ich konnte ihn nicht zurückweisen, würde im gleichen Fall ebenso handeln und jede derartige Verbindlichkeit ausgleichen. Ich habe keine Schulden mehr, mein gnädiges Fräulein." Er räusperte sich, erwartend, sie werde mit einer Entgegnung eingreifen. Sie aber behielt die Augen gesenkt und unterbrach ihn nicht; sie wollte nicht wieder voreilig sein, ihm auch nicht mit einem Blick zu Hilfe kommen.
„Sie ließen sich vor einiger Zeit das Geständniß ent* schlüpfen, Sie hätten mich ein klein wenig lieb?"
Da hielt sie doch nicht länger an sich. „Ganz erschrecklich lieb!" jubelte sie auf und lag in seinen Armen, ihre Wange an die seine schmiegend und liebkosend sein Haar streichelnd. Dabei flüsterte sie alle die unzähligen Schmeichelnamen, mit denen sie ihn längst im Stillen bedacht, als da waren: Spitzbubengesicht, Herzensdieb, Malefizhalunk und dergleichen mehr.
Götz ließ sich mit glückseligem Lächeln diesen Zärtlichkeitssturm gefallen. Keiner war froher als er.
Mit einem Mal zog Asta die Stirne kraus. Sie machte ein ganz sonderbares Gesicht. „Und der schlechte Mensch steht da und rührt sich nicht," rief sie in komischem Zorn, „der reine Ofen im Sommer!" Sie war von ihm zurückgewichen. „Und ich springe um ihn herum und bin außer mir vor Freude, wahrhaftig, ich komme mir vor wie ein junger Hund, der seinen Herrn einen halben Tag nicht gesehen hat. Es ist ein Scandal!" Sprach'-, machte kurz Kehrt und wollte aus dem Zimmer.
Götz aber war mit einem Sprung hinterdrein und hielt sie fest. „Herz, liebstes Herz, fände ich nur Worte, Dir zu sagen, wie glücklich Du mich machst!"
„Lasien Sie mich los!" flehte sie. „Papa ist an der Thür!"
„Nein," widersetzte er sich, „nicht, ehe Du mich bittest: Lieber Heinz, laß mich los!"
Sie zögerte. Dann umschlang sie ihn stürmisch und preßte ihn an sich, als wolle sie ihn im Leben nicht aus ihrer Umarmung freigeben und hauchte dabei verschämt die Augen schließend: „Lieber Heinz, laß mich los!"
Zwei Stunden später stürmte Asta zu Strehlens.
Sie konnte Leonore nicht sprechen. — Die gnädige Frau sei vor Mattigkeit eingeschlummsrt; nun der Geheimrath den Herrn Oberst für gerettet erklärt habe, sei die Aufregung von ihr gewichen und der Körper trete in seine Rechte. Sie hübe die Augen zugemacht und sei sofort hinüber gewesen. Es sei auch kein Wunder! — Strehlen läge in tiefem, steberlosem Schlaf. — Die Gärtnersfrau habe die Krisis endlich auch überstanden und werde glücklich davonkommen, erstatteten ihr die Leute Bericht. Alle waren im innersten Herzen dankbar und freudig bewegt. In schwerer Zeit schließen sich die Menschen enger aneinander an.
Asta hieß die Jungfer ihre Schürze aufhalten. Sie schüttelte den Inhalt ihres Portemonnaies hinein. Nun Onkel Strehlen in der Genesung sei, könnten sie auch ihre Verlobung feiern! Einer von ihnen solle zum Conditor gehen, bestimmte sie, und für das Geld Torte, Kuchen und Confect kaufen. Leonie müßte den Wein dazu stiften, sollte ihr die Jungfer in Astas Namen bestellen, denn sie sei eine glückliche, glückliche Braut!
Damit eilte sie davon. An der Gitterthür, die vom Park nach der Straße führte, stieß sie auf Hans- Noch ehe er heran war, verkündigte sie ihm die Freudenbotschaft. — „Schwager Hans, das Fieber ist aus dem Feld geschlagen! Onkel Strehlen wird gesund! Der Geheimrath hat ihn für gerettet erklärt! Er schläft ruhig und fest, den erquickenden Schlaf der Genesung, drückt der Rath sich aus. Und Leonie schläft auch und die Feldner ist im Lehnstuhl eingenickt- Nur die Leute sind zu haben. Ich war eben dort!"
Ein fliegendes Roth war Hans bis in die Stirn getreten. „Gesund, Strehlen? — Unmöglich! Es kann nicht sein!" ächzte er.
Sie wiederholte ihm Alles ausführlich, während er unsicheren Ganges wie ein Uebermüdeter oder Betrunkener neben ihr her schritt. Seine Haltung war gebrochen, sein Kopf tief vornüber geneigt.


