memorirte er, „wollen ihn ein Bischen in Verlegenheit bringen! Der nächste Gedanke, der sich an seine Entdeckung reihte, war der: wie herrlich, der kleinen, malitiösen Schönholz hinterbringen zu können, ihr geliebter Herr und Meister male ein famoses Stillleben. Es stellte einen allerliebsten Muff dar, in einsamer Weltverlaffenheit nach seiner Herrin schmachtend, auf dem alter- thümlichen Ledersessel eines Junggesellenzimmers.
„Denken Sie, Herr Werner," hob er mit möglichster Harmlosigkeit an, „kenne hier vom Schloss die Bilder noch nicht! Klingt fast unglaublich, nicht? — Und habe dabei für die edle Maleret das wärmste Interesse von der Welt, pfusche selbst ein Geringes darin- Ich hörte, es seien sogar einige hervorragende Sachen hier. Irre ich nicht, machten Sie mich selbst darauf aufmerksam? — Freilich, von dem Claude Lorrain sprachen Sie, der sich hier befände, und seiner düsteren Schönheit."
„Der hängt im grünen Zimmer auf der anderen Seite des Schlosses," fiel ihm der Maler eifrig in's Wort. Er war aufgesprungen. „Wenn Sie ihn in Augenschein nehmen wollen?"
„Nein, bitte, heute nicht," wehrte Herr von Götz die nicht zu mißdeutende Aufforderung ab- Es eilte ihm durchaus nicht damit, den Claude Lorrain im anderen Flügel kennen zu lernen; es war sonnenklar, der Maler wollte ihn entfernen, damit die Dame, die offenbar im Zimmer nebenan wellte, nicht von ihm gesehen würde. „Das nächste Mal, wenn Sie mir gestatten, Herr Werner —"
„Es wird mir ein großes Vergnügen sein! Bei dem dunklen Himmel würden Sie überdies wenig Genuß davon haben," versetzte der Maler kühl.
„Scheint mir auch so! Selbst hier am Fenster bei dem kleinen Becker entgehen Einem die Feinheiten in der Ausführung. Werde den nächsten sonnigen Tag, mit Ihrer Erlaubniß, dazu benutzen, den alten Meistern meine Aufwartung zu machen." Götz war aufgestanden und betrachtete angelegentlichst die nächsten Bilder.
Unruhig, mit argwöhnischen Blicken verfolgte Werner jede seiner Bewegungen.
Götz spitzte den Mund, als wollte erIzu pfeifen anfangen. „Heureka," jubelte es in ihm.
„Ein hübsches Arbeitszimmer haben Sie übrigens," bemerkte er, unbefangen den Saal durchwandernd und hier und da stehen bleibend. „Platz genug, sich auszudehnenI Dielängste Zeit haben Sie es freilich benutzt. Der Raum muß nicht zu erheizen fein bei eintretender Kälte. Wie ist mir denn? Ist das nicht der berüchtigte Saal, in welchem der Sage nach das unglückliche Opfer der Erziehung nach Rousseau'fcher Methode fein Leben endete? Den blödsinnig gewordenen Prinzen Heinrich meine ich, der im Wuthanfall den Degen gegen den Fürsten zog und durch die Hand des eigenen Vaters fiel. So behauptet man wenigstens. — Nein, das hinter dem Saal liegende Zimmer war es, dort brach der Prinz zusammen! Die Blutflecke sollen ja noch vorhanden sein!" Bei.den letzten Worten stand Götz schon an der Thür.
„Es ist doch gestattet, sich den Ort jener unheilvollen That anzuschauen?" fragte er über die Schulter zurück. Sein überlegenes Lächeln und das boshafte Aufblitzen im Auge verschwand ebenso schnell, wie es gekommen, denn Werner verbeugte sich mit der verbindlichsten Miene von der Welt.
„Bitte, gehen Sie voran," sprach der Maler, „ich bin gern erbötig, Ihnen als Cicerone zu dienen, da es Ihnen an» schemend grosse Freude gewährt, in diesen alten Räumen localhistorischen Spuren nachzugehen."
Sein Ton klang dem kleinen Lieutenant etwas ironisch und er vermochte sich des Gefühls einer inneren Niederlage nicht zu erwehren. Er durchschritt an Werners Seite die ver- schieden«« Gemächer des linken Flügels und lauschte aufmerk- sam den Erklärungen und kleinen Anekdoten, die sein Führer mit heiterster Liebenswürdigkeit zum Besten gab.
Man kehrte in den Saal zurück.
„Staunen Sie nicht über die Tiefe und Gründlichkeit meiner Kenntnisse?" scherzte der Maler. „Die habe ich im
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Laufe der Zeit allmälig der Castellanin, der guten, alten Mama Huhn, abgelistet."
„Ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und möchte es gern noch mehr werden! Rund heraus, ich schlug den Weg zu Ihnen mit der Absicht ein, Ihnen eine Bitte vorzutragen. Wollen Sie mich als Schüler annehmen? Bitte, jetzt keine Antwort! Es sieht nicht aus, als stien Sie geneigt, meinem Wunsche zu entsprechen. Weiß, Sie haben es einem halben Dutzend unserer Heranwachsenden Schönen abgeschlagen und das wären noch unterhaltende Stunden gewesen, eine süße Aufgabe, der sich so leicht kein Anderer entzogen hätte. Sage Ihnen gleich, Herr Werner, ich habe nur geringe Anlagen und würde die Sache voraussichtlich mit viel Lust und wenig Erfolg betreiben. Wissen Sie, was mich hauptsächlich verlockte und auch ermuthigte, dies Ansinnen an Sie zu stellen? Die Resultate, die Sie in einem halben Jahre bei Fräulein von Schönholz erzielten. Sie hat unglaublich rasche Fortschritte gemacht und malt schon jetzt für eine Dilettantin erstaunlich gut!"
Asta wäre am liebsten aus ihrem Versteck hervorgesprungen.
„Und dann meine ich," fuhr der Lieutenant fort, „wer solch' einem, unter uns gesagt, kleinen Satan gegenüber die Geduld nicht verliert, wird auch mit mir Nachsicht haben."
Werner lachte. Die kleine Lection konnte Asta nichts schaden. „Leider wahr gesprochen, Herr von Götz!" stimmte er bei. „Fräulein von Schönholz besitzt ein so launisches, unberechenbares Temperament, daß sie einen Engel dahin bringen könnte, aus der Haut fahren zu wollen. Boshaft ist sie in einer Weife — kein Kettenhund ist bissiger! Dessenungeachtet gebe ich ihr herzlich gern Stunden, — nämlich — well ich mich in der Geduld üben will. Ich trage mich mit dem großen Gedanken, mich zum Philosophen heranzubilden. Ohne Xantippe kein Sokrates, lautet mein Glaubensbekenntniß."
„Xantippe war die Frau des Sokrates," entgegnete Götz mit gehobener Stimme. Stechend herausfordernd bohrte sich sein Blick in den des Malers. „Würde Ihre Philosophie so weit gehen?"
„Das ist eine Gewissensfrage, Herr von Götz," gab Werner refervirt zur Antwort- „Ehestand, Wehestand — ein Mann soll das sehr, sehr überlegen."
Der Lieutenant verabschiedete sich und Werner gab ihm bis zur Treppe das Geleite.
Asta schlüpfte unterdessen aus ihrem Gewahrsam hervor. „Dieser unverschämte Mensch!" rief sie in heller Empörung. „Hat denn schon Jemand über meine Fähigkeiten und Leistungen sein Urtheil verlangt? So etwas muß man stillschweigend hinnehmen! Und Sie haben mich auch gehörig schlecht gemacht! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie böse ich auf Sie bin! Von der Hochzeit her habe ich auch noch ein Hühnchen mit Ihnen zu pflücken. Rechnen wir ab! Zwei Bejahungen ergeben eine Verneinung: also diesmal ist's Ihnen geschenkt und Sie gehen frei aus. — Aber Herr Götz! Na, warte nur, Du sollst mir wieder Süßholz raspeln! Ich schlage Dich mit Deinen eigenen Worten. Wie drückte er sich gleich aus? Wer solch' einem kleinen Satan gegenüber die Geduld nicht verliert—"
„Das werden Sie gefälligst bleiben lassen," fuhr der Maler auf. „Ich verbitte es mir strengstens I Ich danke dem Himmel, daß Alles glücklich abgelaufen ist und Herr von Götz nicht Lust bekam, zur besseren Beleuchtung der Bilder die Vorhänge bei Seite zu ziehen. Ich rathe Ihnen, begehen Sie keine neue Unbesonnenheit. Was würde er von Ihrer Anwesenheit hier denken? Ihr guter Ruf steht dabei auf dem Spiel und das ist der schönste Schmuck eines jungen Mädchens. Ich kenne einige Klatschbasen des schönen und starken Geschlechts, die mit wahrem Heißhunger auf die Gelegenheit passen, über Sie herzufallen. Sie haben sich durch manche kleine Bosheit Feinde geschafft."
Asta zog verächtlich den Mund. „Was kann man denn groß von mir Schlechtes sagen?" warf sie geringschätzig ein. „Unwahres Gerede ficht mich nicht an."
(Fortsetzung folgt.)


