Ausgabe 
8.6.1893
 
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mit ihr über Herrn von Götz lachen sollen, der sich's einfallen i ließ, ihr allen Ernstes die Cour zu schneiden und dessen Ein« bildungskraft und Unverschämtheit bei jedem neuen Zusammen- treffen wuchs. In Gesellschaft ihres geliebten Herrn und Meisters hätte sie sich himmlisch über die Fensterpromenaden des kleinen Lieutenants amüsiren können. Es war zu dumm l Was ließ sich nur thun, um wieder mit ihm anzuknüpfen? Selbstredend durfte man sich nichts vergeben, nachdem man die Stunden abgeschrieben I Man konnte ihm doch nicht Abbitte leisten? Aber der eigensinnige Mensch kam nicht von selber; er ehrte ihren Willen mit einer grausamen Consequenz und blieb einfach weg. Es war zum Verzweifeln. Die Abwesen­heit ihrer Mama hatte Asta eines schönen Vormittags klug ausgenutzt; sie hatte ihr beim Nachhausekommen vorgelogen, Herr Werner sei dagewesen, habe sich nach dem Besinden der Damen erkundigt und gebeten, für die nächste Zeit die Stunden aussetzen zu dürfen. Der alte Johann hatte kopfschüttelnd eingewilligt, falls er befragt werden sollte, was voraussichtlich nicht geschehen würde, die gleiche Aussage zu thun. Auch sollte er, käme Herr Werner, Asta zuerst in den Salon rufen, noch vor der Mama. Sie hatte sich für alle Möglichkeiten gesichert und wartete mit steigender Sehnsucht auf den vermeintlichen reumüthigen Sünder. , ,

Der ahnte von alledem nichts. Er sann auch nicht da­rüber nach, wie viel oder wenig er dem kleinen Blondkopf in der Friedrichstraße fehlen möge. Ganz Anderes beschäftigte seinen Geist. Das Enkelkind der rothen Comteffe beherrschte seine Träume. Was mochte das heißblütige, stolze Mädchen leiden I Ob sie sich mit ihrem Herzen abgefunden und die Neig­ung für den schönen Vetter eingesargt hatte? Ganz sicher, da hätte sie nicht Leonore von Malten sein müssen! Eine andere Frage beschäftigte ihn mehr: wie lange sie ihm wohl noch zürnen würde? O, der Tag des Glücks, der ihm einen Brief, das Zeichen ihrer Verzeihung, bringen würde!

In Gedanken verloren faß er auch heute im Lehnstuhl und starrte über fein Buch hinweg in das Spiel der Flammen. Es war gegen Mittag und sehr dunkel. Der Himmel verhieß Schnee. Unten tönte die Klingel kurz und leise; sie mußte von schüchterner Hand gezogen worden sein. Flüchtige Schritte kamen die Treppe hoch. Jetzt huschte es über den Flur. Es pochte rechts vom Aufgang an und stand horchend und zagend sine Weile still. Dann nahten die jungen Füße, nur die Spitzen aufsetzend, fast unhörbar der Saalthür. Würde man auch dort umsonst sein Heil versuchen? Ein leises, furchtsames Anklopfen.

Werner erhob sich. Er war unwillig ob der Störung und sein Herein klang barsch und unfreundlich. Astas schel- mifches Gesicht erschien in der Thürspalte.Sie, gnädiges Fräulein?" sagte er bestürzt und erschrocken, als sie nun eintrat.

Ueberrumpelt, überrumpelt und die Festung im Sturm genommen!" jubelte sie, und ihre grünlichen Koboldaugen schienen fast schwarz vor Lust und Uebermuth. Der zierliche Muff von Silberfuchs, der in der Farbe ihres Kleides abgefüttert war, flog auf den nächststehenden Seffel. Stürmisch warf sie sich Werner an die Brust und hob mit kläglichem Ausdruck an: Liebster Herr und Meister, pater peccavi, ich bettle um Ver­gebung. Ich will auch in Zukunft ein artiges Kind fein und will's auch nicht wieder thun! Seien Sie mir blos wieder gut! Sehen Sie, ich bringe es mit dem besten Willen nicht fertig, ohne Sie zu leben! Sie freilich leiden nicht darunter, wenn wir uns nicht sehen. Sie haben Ihre Kunst und sind sich selbst genug; Sie brauchen keinen Menschen. Ich aber habe mich ganz schrecklich nach Ihnen gesehnt und mich rein krank geärgert über mich selber."

Der Maler schien von ihrer Reue wenig erbaut. Er löste ihre Hände von seiner Schulter.Sie handeln unüberlegt wie immer!" schalt er.Haben Sie denn nicht bedacht, daß Sie sich bloßstellen, wenn Sie mich allein, ohne Begleitung, hier im Atelier aufsuchen? Wer hat Ihnen unten geöffnet?

Das Mädchen von Geheimraths, wer denn sonst?" Kennt das Mädchen Sie?" L .

Asta war ein Stück zurückgewichen. Sie stand wie em verzogene» Kind da, da» zum ersten Mal ernsten Tadel erfährt

und nicht weiß, ob e» Ernst oder Scherz. Ihr Selbstbewußt­sein gab den Ausschlag. Ihre Lippen schoben sich trotzig nach vorn.Was geht uns das alberne Mädchen an," grollte sie, und ob sie mich kennt oder nicht? Sie wird es bemalten Geheimrath nicht gleich stecken und seiner halbtauben Schwester nicht gleich in's Ohr schreien. Sie wird froh sein, wenn sie nichts mit ihr zu sprechen braucht. Machen Sie doch nicht solch' großes Aufheben von der Sache! Sie geberden sich fast wie Fräulein Körner!" Ihr Gestchtsausdruck ahmte die einstige Lehrerin äußerst glücklich nach.Kinder, Ihr dürft Alles thun," sagte sie mit weinerlicher Stimme,nur verstoßt nicht öffentlich gegen den Anstand und Grazie. Ich weiß recht gut," fuhr sie mit ihrem natürlichen Ton fort,in KniggesUm­gang mit Menschen" steht nicht» davon, es sei für eine wohl- erzogene, feingesittete junge Dame erlaubt, einem Vampyr auf den Pelz zu rücken, der obendrein vor Liebenswürdigkeit Einen beim Eintritt sofort zur Thür hinauswirft. Liebster Herr und Meister, wüßten Sie, was für ein riesig verzweifeltes Gesicht Sie eben machen!"

Lachen Sie nicht," zürnte er,die Angelegenheit ist wahrhaftig nicht spaßhaft. Wie konnten Sie sich nur so com- promitttren! Die ganze kleine Stadt weiß, ich habe mein Atelier hier und Sie sind meine Schülerin. Wenn Jemand von Ihren Bekannten Sie hier in's Haus gehen sah und fragt, wen Sie besucht haben, was wollen Sie antworten? Die alte Castellanin können Sie doch das wäre ein Ausweg. Ich werde jetzt Frau Huhn rufen und Sie begeben sich sofort mit ihr durch den Garten nach der Gartenstraße hinaus. Auf diese Weise laufen Sie nicht erst noch Gefahr, beim Verlassen des Hauses bemerkt zu werden. Aus Vorsicht werde ich zu gleicher Zeit gehen und eine halbe Stunde auf der Großen Straße prome- niren. So ist's am besten. Hoffentlich hat man"

Feste Schritte und das Aufschlagen eines metallenen Gegenstandes auf der Treppe ließen ihn verstummen.

Ein Offizier!" stotterte Asta. Sie war roth geworden. Jetzt begriff sie mit einem Schlag das Unbesonnene ihrer Handlungsweise und das Peinliche ihrer Situation, und zitterte vor Aufregung. _ r ,, ,

Dort geradezu, schnell in's Zimmer. Ich schließe hinter Ihnen ab!" drängte Werner die fassungslos Dastehende.

Zu spät! Ein dreimaliges kurzes Klopfen, und eine Hand legte sich auf den Thürgriff draußen.

Asta konnte den angewiesenen Zufluchtsort nicht mehr er­reichen. Sie barg sich rasch hinter den Vorhang des vorletzten Fensters. Dank der dicken Mauer war die Fensternische tief und geräumig. Sie gewährte ihr bequem Platz, ohne daß sie an den Vorhang zu streifen brauchte, der glatt hernrederfiel wie die anderen. _

Störe ich Sie auch nicht, Herr Werner?" begann der Ankömmling. Asta horchte aus. Das schien Herr von Götz zu sein. Sie lüftete den schweren Damast ein wenig von der Seite hoch und ließ ihn rasch wieder fahren.

Sie biß sich auf die Lippe, sich das Lachen zu verbeißen. Er war es wirklich. Ueber dies spaßige Zusammentreffen! Was ihr die Besinnung geraubt und die Glieder gelähmt hatte, Schreck und Scham, war verflogen vor dem Amüsement des Augenblick». War das heute ein interessanter Morgen! Erst bei Maltens das hatte sie ihm noch nicht einmal erzählt und doch hatte sie ihn zumeist deshalb aufgesucht das heißt, ehrlich gestanden, nein; sie hatte die Neuigkeit nur als Vor- wand benutzen wollen, ihren Herrn und Meister zu überfallen und sich mit ihm auszusöhnen. Die ersten Begrüßung«--und Höflichkeitsformeln waren zwischen den Herren ausgetauscht.

Der Lieutenant wartete Werners Einladung gar nicht ab; er fetzte sich sofort und legte sich behaglich in den Stuhl zurück, einen Fuß über den andern schlagend. Ihm war an und für sich ein schlauer, verschmitzter Ausdruck eigen, augen­blicklich aber machte er ein reines Spitzbubengesicht. Es zuckte und arbeitete in seinen Zügen vor unterdrückter Freude. Er hatte den Muff, an den in der Bestürzung Keiner gedacht,

Sieh' da, der große Heilige hat auch seine Schwachen,