Ausgabe 
8.6.1893
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 66

1893.

----lSJ ^9M

Min Gietzenev Anzeigen (Gsnypal-Zlnzergev)

WM vi A kMx £ES

n/W 5 ''H!Xt£8,

Donnerstag, den 8. Juni.

Verschlungene Pfade.

Roman von Max Hochberg.

(Fortsetzung).

Der Men rollten bei den letzten Worten zwei große Thränen über die welken Wangen- Schwerfällig erhob sie sich vom Stuhl, um ihm da; Bild zu holen.

Es war in glänzend weißt s, indisches Seidentuch geschlagen. Behutsam nahm sie es aus der Umhüllung und reichte es dem Maler.

Werner trat damit an's Fenster. Er betrachtete mit tiefer Rührung den edlen, schöngeschnittenen Kopf.

Wahrhaftig, die alte Frau hatte Recht! Man konnte glauben, Leonore im Profil zu sehen. Er hätte wohl noch länger im Anschauen und Vergleichen versunken gestanden, wenn sich nicht Frau Huhn durch wiederholtes Räuspern bemerkbar gemacht hätte. Es war ihm unmöglich, das Bild schon zurück- zugeben, er konnte sich nicht so schnell von ihm losreißen; ihm war es, als müsse er es zur Hand haben können, wenn es ihm beliebe. Der Wunsch, es zu besitzen, regte sich über­mächtig in ihm-

Liebe, einzige Frau Huhn," bat er mit Wärme,lassen Sie mir das Porträt!" Er sprach, ohne sie dabei anzusehen. Mit glänzenden Augen blickte er wie verzaubert auf das Bild, das in seiner erhobenen Linken ruhte.

Frau Huhn sah den Maler ganz verblüfft an- Unter seinem dichten schwarzen Haar lugte ein Stückchen Ohrzipfel hervor und dieser Ohrzipfel war roth, tiefroth. Es war kaum für möglich zu halten und doch täuschte sie sich nicht, denn auch in seinem Gesicht lebte ein Schimmer von Röthe, ein warmer Ton, der sich bis in die Stirn hineinstahl.

Schenken Sie mir das Bild," wiederholte er inständig, chre Hand mit innigem Druck fassend.Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, rch will es wie ein Heiligthum halten und be­wahren!

Sie wollte anfangs nichts davon wissen und war durch­aus nicht gewillt, sich von dem ihr theuren Kleinod zu trennen. Dann aber gedachte sie ihres hohen Alters und daß sie nicht emmal wisse, in wessen Hände das Bild hernach übergehe, da sie kinderlos geblieben. Zudem war sie dem Maler seit der ersten Stunde des Kennenlernens herzlich zugethan und so ver- mochte sie auf die Dauer seinen Bitten nicht zu widerstehen und ließ rhm Prinz Georgs Portrait.

Ein grauer Herbsttag mit Wind und Regen folgte dem andern. Werner brachte drei Viertel seiner Zeit im Atelier

zu, obwohl das Wetter für seine Arbeit das denkbar ungünstigste war und er nur unter Mittag ein paar Striche thun konnte. Ec hatte sich einen Theil seiner Bücher und Skizzen nach dem Stistsgebäude hinschaffen lassen. Er las und studirte dort und suchte seine französische und italienische Grammatck hervor, um sich die Zeit zu kürzen. Oft saß er auch ganze Stunden lang, sich müßigen Träumereien überlassend. Zuweilen zog er dann das Pastellbild aus seiner Brusttasche und vertiefte sich in die edlen Linien des prinzlichen Kopfes. Er trug es beständig bei sich; er hatte sich eigens dafür ein Futteral anfertigen lassen.

Mehr als vierzehn Tage waren seit der Hochzeit Hans von Maltens verstrichen. Werners Brief an Leonore war un­beantwortet geblieben. Er hatte in der ganzen Zeit von aller Welt abgeschnitten gelebt, keine Gesellschaft besucht, nicht einmal das Theater, und sich dem Umgang seiner Freunde ent­zogen. Man war daran gewöhnt, daß er zuweilen einsiedlerische Launen hatte Traf man ihn zu Hause nicht an und erfuhr dort, er sei den ganzen Tag über im Atelier, wußte man, woran man war und ließ ihn unbehelligt.

Von Asta hatte er keinen zweiten Brief erhalten. Ec war ihr eines Morgens auf der Straße begegnet. Sie kam mit der jüngeren Toffsky. Ihr Gesicht verklärte sich förmlich bei seinem Anblick, ihre Lippen öffneten sich zu einem glücklichen Lächeln. Es hatte allen Anschein gehabt, als erwarte sie, an­geredet zu werden oder wollte selber mit ihm anbinden. Er hatte, einer boshaften Aufwallung nachgebend, ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht, indem er auf zwanzig Schritt Entfernung überaus tief und höflich den Hut zog und in die Buchhandlung trat, an der sein Weg gerade vorüberführte. Dort ließ er sich den Weihnachtscatalog reichen, auf dessen Studium er anscheinend seine Aufmerksamkeit richtete. Asta blieb mit Annette von Toffsky vor dem Schaufenster stehen und harrte augenscheinlich auf sein Herauskommen. Er konnte sie von drinnen aus bequem beobachten, die im Laden aus­gestellten Stahlstiche boten ein gutes Versteck und eine Lücke zwischen ihnen gewährte ihm hinreichende Aussicht. Asta biß im Zorn die Zähne zusammen; ihre Augen flogen bald nach rechts, bald nach links vor Ungeduld.

Ein letzter Wuthblitz, der über Murillos süßlächelnde Madonna hinirrte, und sie wandte sich mit ihrer Freundin zum Weitergehen.

Der kleine Trotzkopf litt schwer unter der selbstauferlegten Strafe. Asta hatte nach ihrer Meinung gerade in den letzten zehn Tagen so viel erlebt, hundert Dinge waren ihr aus­gefallen und sie hätte sich zu gern mit dem Maler darüber ausgesprochen. Ihm hätte sie verschiedene kleine Abenteuer mitgetheilt, die sie ihren Freundinnen verschwieg. Er hätte