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welche sie schon al» Kind gepflegt und geliebt hatte, für verpflichtet, sie zu fragen, ob Herr Steindorf, welcher doch jedenfalls der Verlobte sei, nach wie vor auch jetzt noch täglich nach Ebenheim kommen werde?"
„Ich meinte, es dürste sich sür den Bräutigam de» Fräuleins doch nun nicht mehr schicken," setzte sie resolut hinzu.
Armgard sah sie mit dem Ausdruck tiefer Müdigkeit und Rathlosigkeit an.
„Ich weiß es nicht, gute Evers!" sagte sie matt. „Er wird es schon wisien. Erzürnt ihn nicht, denn ich —sie seufzte tief auf, — „ich kann Euch nicht beistehen."
Plötzlich schlang sie beide Arme um den Hals der alten, tief erschütterten Mamsell und brach in ein unaufhaltsames Weinen aus. Die Alte hielt ganz still, aus ihren Augen rannen ebenfalls die Thränen, und sie dann wie ein Kind streichelnd und beruhigend, meinte sie, daß diese ganze Verlobungsgeschichte ihr wie ein Traum vorkomme, aus welchem sie vor der Hochzeit wohl wieder zur rechten Zeit erwachen werde.
„Nein, nein," fuhr Armgard empor, „sage das nicht, gute Evers, es ist mein freier Wille, hörst Du? — Und nun will ich schlafen, meine Nerven sind noch so schwach, das ist Alles. Ich bin sehr glücklich, und — und —"
Sie brach ab und strich sich über die Stirn, als müsse sie ihre Gedanken gewaltsam zusammenhalten.
„Ach ja, das war's — wir werden bald Hochzeit machen, weißt Du, in aller Stille und dann eine Reise, — ich muß fort, andere Luft athmen, hier ersticke ich. Geh' jetzt, meine Liebe, laß den Doctor nur fortbleiben, ich will schlafen."
Sie hatte sich niedergelegt und das Gesicht abgewendet, Mamsell Evers ging leise hinaus.
Draußen ballte sie beide Hände vor Schmerz und Zorn- Sie sollte ihr Fräulein nicht kennen? — O, eine Comödie konnte die arme Seele ihr nicht vormachen. Unglücklich war sie, ganz elend in ihrem Herzen, weil der Schurke, der falsche Abenteurer ihre Schwäche benutzt und sie überrumpelt, ihr das Jawort abgezwungen hatte.
Sein Kind, diese kleine dressirte Comödiantin, hatte noch im Grabe ihm geholfen, das reiche Erbe an sich zu reißen. Und sie, die alte Evers, konnte nichts dabei thun, das Spinnennetz zu zerreißen und die giftige Kreuzspinne zu zertreten.
Es war schrecklich, aber die alte treue Dienerin wünschte jetzt, daß ihre Herrin wieder erkranken möge, um hinter ärztlichem Befehl sich verschanzen und den verhaßten Bräutigam an der Schwelle des Krankenzimmers abfertigen zu können.
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Die Operation der alten Tante Hanna war trotz mehrfacher Bedenken der anderen Aerzte, welche noch immer in der Mehrzahl gegen die Ansicht des Doctor Peters gestimmt hatten, endlich doch beschlossen und durch letzteren ausgeführt worden.
Dieselbe war vollständig geglückt, die Diagnose des alten erfahrenen Arztes also für richtig befunden worden. Es hatte sich durch den Schlag, welche die Kopfwunde verursacht, eine Verletzung des großen Gehirns herausgestellt. Die Denk- und WillenS-Thätigkeit war gehemmt und wie die Störung eines electrischen Stromes jäh unterbrochen worden. Ein einziger Knochensplitter hatte dies bewirkt und genau den Sitz jener geheimnißvollen Gehirnthätigkeit getroffen.
Die ganze Stadt nahm lebhaft Antheil an dem Erfolg der Operation, obgleich die Aerzte nach derselben noch durch- aus nicht für einen Erfolg oder gar für das Leben der Greisin sich verbürgen konnten. Einstweilen war sie im Krankenhause unter sorgsamster Pflege und beständiger ärztlicher Aufsicht am besten aufgehoben , _
Doctor Peters brachte die Nachricht hinaus nach Eden- Heim. Er war erschreckt über das Aussehen der Gutsherrin, welche durchaus nicht leidender als vorher sein wollte und seine Mittheilung über Tante Hanna mit stiller Freude vernahm.
„Wird sie die alte Denkkraft wieder erlangen?" fragte sie mit sichtlicher Spannung.
„Das ist freilich nicht mit Bestimmtheit zu beantworten, liebes Fräulein! — Ebensowenig die Frage, ob wir sie über-
jaupt am Leben erhalten. Einstweilen jedoch hoffen wir es tark und wenn sich auch nicht sofort die Spuren eines geistigen Verständnisses zeigen, da wir das wunderbar geheimnißvolle lhrwerk in seinem geistigen Räderwerk wohl niemals ganz er- iründen werden und ein einziges Stiftchen, um bei dem Gleich- niß zu bleiben, vielleicht just fehlt oder verschoben worden ist, o halten wir doch die Hoffnung fest, die alte Tante Hanna wieder zu einem, wenn auch nur halbwegs menschenwürdigen Dasein zurückzuführen."
Armgard seufzte und der freudige Schimmer in ihren Augen erlosch, war der alte Arzt sehr wohl bemerkte.
„Ich werde Ihnen wieder etwas verschreiben, Fräulein Holten!" fuhr er nach einer Pause fort. „Sie sind kränker, als Sie glauben und mit der Genesung hat's leider Gottes auch wieder gute Wege. Was haben Sie denn um Alles in der Welt nur angestellt, um wieder so jämmerlich auszusehen und meiner ärztlichen Kunst ein Schnippchen zu schlagen?"
Armgards bleiche Wangen rötheten sich leicht. Sie rang sichtlich mit einem Entschlüsse und sagte endlich in einem halb schamvollen, halb trotzigen Tone: „Ach, Doctor, schelten Sie nicht, ich habe mich verlobt."
„So, so, nun, das war ja vorher zu sehen," erwiderte der Arzt mit einem Lächeln, welches sie mehr peinigte, als ein hartes Wort. „Na, ich gratulire, mein Fräulein! — Die Verlobungsanzeige wird übrigens Wenige überraschen, da sich Herr Julius Steindorf ja bereits als Herr und Gebieter hier während Ihrer Krankheit installirt hatte."
„Es geschah auf meine Bitte, Herr Doctor!" sprach Arm- gard, sich jäh aufrichtend. c p , ,
Sie erröthete bei dieser Unwahrheit und sank wie ge- krochen an Geist und Körper zurück.
„Schon gut, liebes Fräulein, geht mich wie auch die übrige Welt nichts an. Bin freilich ein alter Freund Ihres Hauses und darf mir schon ein Wörtchen herausnehmen, zumal auch als Ihr Arzt. Als solcher kann ich die seelischen Auf- regungen, in welche Ihr Verlobter Sie zu früh hineingezogen hat, durchaus nicht billigen, er hätte so große Eile nicht damit zu haben brauchen, kant nach Ihrer völligen Genesung immer noch früh genug. Soll ich Ihr Arzt noch weiter bleiben?"
„O, Herr Doctor!" rief Armgard, ihm tiefbewegt bte Hand entgegenstreckend.
„Gut, dann müssen Sie hübsch gehorsam sem und sich ganz ruhig verhalten, am liebsten wieder in's Bett mit einer Wache vor dem Schlafzimmer."
Sie nickte mit einer Art Erleichterung.
„Es ist selbstverständlich, daß Ihr Verlobter sich jetzt fern hält," fuhr Doctor Peters ruhig fort. „Möchte in Ihrem Interesse auch rathen, ihm bis zur Hochzeit, an welche bet Ihrem leidenden Zustande doch vorerst nicht zu denken ist, die Oberaufsicht wieder abzunehmen, vielleicht hat Herr Steindorf in dieser Hinsicht ainerikanische Begriffe, welche sür unsere Welt hier Anstoß erregen würden. Die Freundschaft, welche mich mit Ihren seligen Eltern verband, legt mir die doppelte Pflicht auf, Ihnen diesen Rath zu geben."
„Ich danke Ihnen, lieber Doctor," versetzte Armgard leise, „feien Sie überzeugt, daß ich nach dieser Seite hin die Ehre meines Hauses aufrecht erhalten werde."
„Gut, ich schicke Ihnen jetzt gleich Mamsell Evers, der ich meine Vorschriften ertheiten werde."
Der Doctor ging und Armgard drückte sich, fieberhaft zu- sammenschauernd, in die Ecke des Sophas Alle möglichen Gedanken und Erinnerungen durchflogen ihr Gehirn und Mitten in diesen Wirrwarr hinein drang die Stimme der alten Tante Hanna, welche dicht neben ihr zu sitzen schien und ihr ihre Geschichte wieder erzählte — Lasse Dich nicht von der Schönheit umgarnen, sie ill nicht echt, sondern nur eine Maske. — ^er» kaufe Dich auch nicht, vergiß es nie, daß Du ein reiches Mädchen und deshalb eine begehrte Waare bist. — O, der schlaue Herr Julius kann Dein Geld gebrauchen, e» ist ihm drüben nicht geglückt und nun will er die Närrin mit dem vielen Gelbe heirathen, die reiche Erbin, welche zehn lange Jahre aus ihn gewartet hat. Sie ist nicht schön, diese Närrin, aber ver-


