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Ist es richtig, Kindern Taschengeld z« geben?
Wenn Jemand in Unkenntniß von Geld und Geldes- werth groß geworden ist und ihm erst in den Jahren, in welchen er zur Selbstständigkeit gelangte, die Augen aufgingen über die realen Anforderungen dieses Lebens, so hat er am besten ein Urtheil darüber, ob diese Unwiffenheit ihm zum Besten gereicht hat oder ob es erziehlich richtiger gewesen wäre, ihn frühzeitig über obige Begriffe aufzuklären. Diese Selbstprüfung erzielt in den meisten Fällen das Resultat, daß es allerdings beffer ist, wenn Kinder von einem gewissen Alter an mit dem Werthe der Geldes vertraut gemacht und an das Abwägen von Ausgabe und Einnahme zu einander gewöhnt werden.
Dieser Zweck nun wird am Leichtesten und — es sei hinzugefügt — auch vom Harmlosesten dadurch erreicht, daß man ihnen ein bestimmtes Taschengeld aussetzt und sie dazu anhält, gewiffe kleine Ausgaben davon zu bestreiten und über dieselben Buch zu führen. Es giebt leider auch eine nicht harmlose Art, Kinder über den Werth des Besitzthums aufzuklären. Es sind darunter hauptsächlich die beliebten „Erb- schafts-Gespräche" unter Erwachsenen zu verstehen, deren Zeugen die Kleinen so häufig sein müssen. Wie muß das vernichtend auf alle Kindlichkeit und Pietät einwirken.
Geben wir unfern Kindern Taschengeld, so lehren wir sie rechnen, ohne sie dadurch berechnend zu machen. Bis zu einem gewiffen Alter ist es wohlgethan, sie auch in diesem Punkt ganz Kind sein zu laffen; von der Zeit an jedoch, wo sie mit Beginn des Schulunterrichtes allmälich den Begriff von Pflichten kennen lernen, die ihnen zu erfüllen obliegt, ist es gut, ihnen auch den Sinn des Geldwerthes klar zu machen. Einstweilen in spielender Form- Sie erhalten eine Sparbüchse geschenkt und geben in jeder Woche 10 Pfennig hinein. Nach vier Wochen zählt das Kleine nach, es hat 40 Pfennig in seiner Büchse. Dafür kann es ein hübsches Spielzeug kaufen zu Brüderchens Geburtstag. So ungefähr gestaltet sich der Anfang. Späterhin wird das Taschengeld erhöht, das Kind erhält wöchentlich schon 40 Pfennige, aber es hat dafür bestimmte Ausgaben zu bestreiten: Griffeln, Federn, Bleistifte, Schreibhefte muß es selbst einkaufen uno über diese Anschaffung Rechnung führen. So lernt es ausgeben, Rechnung legen und sparen zugleich. — Im höheren Schulalter erhöht sich das Taschengeld und der Grad des dafür zu Leistenden- „Ich weiß nickt, wo das Geld geblieben ist" — diese Aeußerung und Anschauungsweise, die den guten finanziellen Verhältniffen Erwachsener so häufig den Untergang bereitet muß dem sorgfältig erzogenen Kinde fremd fein. Leonie ist eigenthümlicher Leute Kind; die Mutter ist Schriftstellerin, der Vater beschäftigt sich mit Nationalöconomie. Die Eltern wollen durch ihre Erziehung etwas ganz Besonderes heranbilden, sie „experimentiren" an Leonie. „Du hast nichts, was Du Dir nicht selbst erwirbst I" — spricht der Vater. Leonie erhält für das Staubwischen wöchentlich 20 Pfennige; sie muß der Mutter Manuskripte copieren und bekommt von ihr für die Seite 5 Pfennige; — sie zieht auf ihrem Gartenfleächen Zwiebeln, Radieschen, Schnittlauch und Petersilie, welche sie in Mamas Küche verkauft. So verdient sich das Mädchen ihr Tafchengeld und sie that es mit Eifer und freudigem Stolze. Das Experiment der Eltern gelingt, sie wird einmal eine strebsame, kluge und haushälterische Frau werden, die den Werth eigener Arbeit zu schätzen und die Leistungen Anderer zu würdigen weiß.
Diese Erziehungsweise giebt zu denken: „Ich werde doch mit meinem Kir.de nicht Schacher treiben!" könnten distinguirte Mütter einwenden. Ueberlegt es nur! Seid Ihr denn so gewiß, daß nicht einst Euer Sprößling fremder Leute Brod wird effen muffen ? Bei der Unsicherheit der heutigen Leber sverhältniffe sollte jedes, auch das vornehmste Kind, in irgend einer Beziehung zum Erwerben reif gemacht werden. Almosen nehmen ist
I bitter, aber arbeiten und dafür bezahlt werden, ist, richtig betrachtet, nimmermehr beschämend; es ist Leistung und Gegenleistung. Das Selbsterworbene giebt Zuversicht auf die eigene Kraft, es spornt zu froher Thätigkeit an und lehrt Eintheilen und Haushalten zehnmal beffer als das, was uns mühelos in den Schooß fällt. Ohne Zweifel machen wir unfern Kindern eine Freude damit, wenn sie sich durch diese oder jene kleine Leistung etwas verdienen können; sie mögen das also Erworbene nicht für ihre eigenen Bedürfnisse, die ihnen ausschließlich der Eltern Güte gewährt, sondern zu irgend einem lieben Zwecke, sei es zu Geschenken, sei es zu einer Handlung des Wohlthuns verwenden, — so fällt für uns der etwas störende Begriff des „Schacherns" mit unserm Kinde fort.
Wir sind heut zu Tage nicht mehr wie die Lilien auf dem Felde und wie die Vögel unter dem Himmel; wir stehen im Kampf um die Existenz und müssen säen und ernten jetzt und für später. Mit dem haushälterischen Triebe, den wir nnsern Kindern nothwendig anerziehen muffen, damit sie klug und rechtschaffen durch das Dasein gehen, verträgt sich indeß sehr wohl ein gutes Theil Idealismus. Wir reden nicht dem krassen, rücksichtslosen Erwerbssinn das Wort, denn es gilt, auch andere Schätze einzusammeln für die Wohlfahrt des Lebens.
Gemeinnütziges.
Schinken lege man vor dem Kochen, nachdem man ihn tüchtig geklopft, 4 Stunden in kaltes Wasser- Läßt man ihn sodann ganz langsam kochen, so wird man ein schmackhaftes Gericht haben.
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Zerdrückte Kleider aufzufrischen. Wollene Kleider, besonders solche aus dumpfen Stoffen, sollte man nicht bügeln, da sie dadurch leicht speckig und glänzend werden. Solche Kleider werden wie neu, ja selbst eingekniffene Falten verschwinden daraus, wenn man sie im Keller an einen freistehenden Haken hängt. Besonders krause Stellen kann man vorher mit einem Schwamm etwas anfeuchten.
Hast Du Mama gekannt?
Am wenig hell erleuchteten Fenster spinnt Großmütterchen so grau,
Und ihr zu Füßen sitzt ein Kind Mit Aeuglein klar und blau.
Das Kleine hebt sein Köpfchen hoch
Und schaut ihr in's Gesicht: „Großmütterchen, so sage doch, Warum erzählst Du nicht?" Tie Alte spinnt, das Kindlein quält, Und endlich — stehe da — Hat's Mütterchen denn auch erzählt Dem Kind von der Mama.
Da lächelt ihr das Kleine zu
Und küßt die welke Hand;
„Sag', liebe Großmama, hast Du
Denn die Mama gekannt?
Als ich die Schwester heut' gefragt, Wo denn die Mama wär', Hat sie geweimt und gesagt:
Wir haben keine mehr-
O, liebe Großmama, sag' an: Ist die Mama so schön, Und auch so gut wie Du, o dann Laß uns doch zu ihr geh'n." Die Alte ItM das Spinnen sein: „Die Mama schläft, lieb' Kindl", Doch aus dem Äug' dem Mütterlein Ein glänzend Thräulein rinnt.--
Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


