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steckte eine veilchenfarbene Schleife hinein, legte das Helle Kleid mit denselben Blümchen gemustert an, und blieb dann noch eine geraume Weile vor dem Spiegel stehen, in tiefe Gedanken ver- funken, doch ohne ihr liebliches Bild zu sehen, welches ihr aus dem Glase entgegenschaute.
Weshalb muß ich eigentlich noch leben," sagte sie ganz laut vor sich hin, „mir ist es, als ob das Beste hier in der Brust tobt fei und nur der Körper noch mechantfch sich bewegte. Wenn ich nur weinen könnte, aber es schmerzt nur im Auge und brennt — Thränen kommen nicht hervor! Nun verstehe ich das Nürnberger Wälpi, *) welches seine Thränen verkaufte und dann so elend wurde. Hätte ich sie denn auch verkauft?
Aber worüber klage ich eigentlich? Die Menschen werden mich beneiden als Fürstin Sereco, wenn ich an der Seite meines Gemahls in Reichthum und Glanz dahin lebe. Ich werde nur noch seidene Kleider, Juwelen, Spitzen und Alles das haben, was sich gewöhnlich ein junges Mädchen wünscht — nur Eines nicht. Ich kann den Fürsten nicht lieben! Ich — liebe — einen Aderen. Aber still, der Name darf nicht mehr über die Lippen des Mädchens, welches int Begriff ist, sich durch das feierliche „Ja" einem anderen Manne zu verloben. Ich will ja auch gehorsam sein, mich zwingt Niemand — Niemand!"
Sie schritt vorwärts, aber ihre Knies wankten und kraftlos sank sie auf das Sopha nieder, während ein nervöses Zucken über ihr Antlitz glitt. Dann aber raffte sie sich sogleich auf und hob energisch das blonde Köpfchen-
„Thörin," murmelte sie vor sich hin, „was fällt Dir ein! Nur vorwärts, nimm die goldene Feffel auf — es zwingt Dich fa Niemand!"
Bor der Thür von des Vaters Zimmer blieb Therese stehen. Todtenblässe überzog ihr Gesicht, als sie drinnen Stimmen vernahm und des Fürsten fatales Lachen an ihr Ohr drang. Rasch entschloffen ging sie in die Dienerstube und befahl ruhig dem ganz erstaunten Bedienten, sie bei ihrem Vater zu melden.
Als der Graf und Fürst Sereco die feierliche Meldung vernahmen, schauten sie sich verständnißvoll und befriedigt an. „Sie kommt selbst, sie willigt ein," murmelte der Graf, „ich kannte ja mein Kind genau!"
„Lasten Sie mich hier im Nebenzimmer warten, lieber Graf," meinte der Serbe schmunzelnd, „ich bin dann auf Ihren Wink gleich bereit, meine schöne Braut zu umarmen- Haha V*
Bleich, aber eigenthümlich ruhig und unbewegt, trat The' rese in's Gemach und zum Vater hin.
„Du weißt, Papa, weshalb ich komme," begann sie mit leiser Stimme, fast, als sage sie ein gelerntes Sprüchlein auf; „ich wollte Dir sagen, daß ich bereit bin, — den Fürsten Sereco zu heirathen."
Graf Weilern breitete mit einem Jubelruf die Arme aus, um seine Tochter an's Herz zu drücken, die es sich, beinahe fröstelnd, gefallen ließ; dann machte sie sich ebenso ruhig wieder los, trat zurück und sagte: „Du siehst, Papa, ich bin Dir gehorsam, denn wenn ich auch den Fürsten nicht liebe, so will ich ihm doch stets eine treue Gattin sein."
„Das ist recht und gut, Therese; sei überzeugt, der Fürst wird Dich glücklich zu machen suchen."
„Was ist Glück?" frug sie halblaut, bitter, dann faßte ste wiederum nach den Schläfen; sie hämmerten wie int Fieber-
„Darf ich Deinen — Verlobten rufen, mein Herz?" frug Graf Weilern ganz glückselig und strahlend, „er wartet mit Sehnsucht auf Deine Antwort."
Wieder ging ein Frösteln durch die schlanke Gestalt The- resens, aber ohne Zögern antwortete das schöne Mädchen: „Gewiß, Papa, ich bin bereit, ihm meinen Entschluß zu wiederholen."
Der Graf eilte zuerst zu dem seiner wartenden Fürsten und dann zu seiner Gemahlin, die ihm angstvoll entgegenblickte. „Sag' mir doch einmal, bester Mann," rief sie beunruhigt,
„was ist mit Therese vorgegangen? Sie willigt ruhig ein, dm Fürsten zu heirathen."
„Hm, sie ist eben zur Vernunft gekommen," meinte Graf Weilern lächelnd und zuckte die Achseln, „wir hatten einen etwas erregten Auftritt heute früh miteinander, nach welchem sie ohnmächtig zu Boden fiel. Ich schickte die Jungfer hinein, kümmerte mich aber sonst nicht um Therese, sondern nahm mir fest vor, sie zum Gehorsam zu zwingen. Um so angenehmer überraschte mich soeben ihre rückhaltslose Erklärung, daß sie des Fürsten Antrag annehmen will. In diesem Augenblick ist er bei ihr."
„Und Du meinst wirklich, sie werde glücklich mit ihm werden?" frug die Gräfin ernst.
„Ach, weshalb denn nicht? Ich sage Dir, er ist wie vernarrt in ihr hübsches Gesicht und läßt sich auch gar nicht abschrecken durch ihre Erklärung, daß sie ihn nicht liebe. Solch' ein junges Mädchen hat eben Träume im Kopfe, die nicht verwirklicht werden können. Sie handelt eben jetzt ohnmächtig."
„Aber Therese ist eine Gesühlsnatur, welche mehr als kühles Nebeneinanderleben bedarf."
„Du sprichst, wie Du es verstehst, Frau," unterbrach Graf Weilern ungeduldig seine Gattin, „ja, ich meine, Du hättest wohl gar ein Auge zugedrückt zu den Courmachsreien jenes jungen Fants, Arthur Fels. Noblesse oblige! Selbst Prinzessinnen werden nicht nach ihrer Liebe gefragt, wenn sie eine glänzende Heirath machen sollen."
„O, Weilern," rief bie Gräfin und hob ernst warnend die Hand, „sprich nicht so leichtfertig von Menschenherzen und Menschenglück. Gott gebe, daß unfer einziges Kind glücklich wird und niemals die Stunde bereut, in der sie Dir auf so seltsame Weise gehorsam wurde."
„Du nimmst die Angelegenheit aber hochtragisch! Mit einem reichen, noblen Manne, der all' ihren Launen nachgibt, muß Therese schon glücklich sein. Nun komm' hinüber, wir wollen Beide im Salon erwarten, damit die Verlobung möglichst feierlich vor sich gehe."
Das bleiche, stille Mädchen mit dem tiefernsten, fast schwer- müthigen Blick, welches gleich darauf am Arme des serbischen Fürsten vor die Eltern trat, um deren Segen zu holen, sah eigentlich wenig nach einer glücksstrahlenden Braut aus; als ste vor der Gräfin niederkniete, brach diese in bittere Thränen aus und preßte die Tochter an ihr Herz.
„Mein Kind, mein armes Kind," flüsterte sie- ihr leise in’s Ohr, „kannst Du denn dies Opfer wirklich bringen? Uebetfleigt es nicht Deine körperlichen und moralischen Kräfte."
Wieder kam jene starre Bewegungslosigkeit in Theresens Blick, als sie zur Mutter aufsah und eintönig antwortete: „O nein, Mama, ich habe ja dem Papa freiwillig gesagt, daß ich gehorchen wolle."
„Welche Mittel mag Doctor Fels angeroenbet haben, um sie umzustimmen," dachte jetzt die Gräfin, als sie formell und kühl dem neuen Schwiegersöhne die Hand zum Kufle bot. Ein breiter Goldreif mit brillantumfaßter, kostbarer Perle schimmerte bereits an der linken Hand der jungen Braut; sie hatte, als Fürst Sereco ihn an ihren Finger geschoben, einen Stich im Herzen gefühlt und an die Tradition gedacht: Perlen bedeuten Thränen. Aber was schadete das! War sie doch froh, zu denken, daß sie einmal wieder werde meinen können.
„Und nun, verehrte Frau Gräfin," lachte der Fürst strahlend und sehr aufgeräumt, „werden Sie gewiß mit unserem Wunsche einverstanden sein, die Hochzeit so viel wie möglich zu beschleunigen. Was meinen Sie zum ersten November, meinem Geburtstage?" , t
„Wie Sie denken, Durchlaucht; ich werde mich mit den Ausstattungsbeschaffungen natürlich ganz nach Ihrem Wunsche richten," entgegnete die Dame ziemlich kurz.
„Aber natürlich, bester Fürst," fiel der Graf sogleich entgegenkommend ein, „morgen Mittag aber wollen wir im kleine» Kreise TheresensMerlobung feiern."
(Fortsetzung folgt.)
’) Anmerkung: Aus „Walpurgis" v. H. zu Puttlitz.'i |


