Auch Willibalds alte Mutter stimmte den Worten ihrer Schwiegertochter auf das Lebhafteste bei. „Ja, ja, Herr Baron, möchten wir doch in die Lage kommen, Ihnen unsere Erkenntlichkeit voll und ganz beweisen zu können."
Hane Adam fühlte das schnellere Schlagen seines Herzens. „Nicht solche Worte," sagte er beinahe hastig. „Ich bin ein wenig abergläubisch, meine Damen, wer wird denn das Schicksal heraus fordern?"
Und dann erhob er sich, um zu gehen. Es war ihm, al» habe sich vor seinen Blicken ein Gespenst erhoben, als müsse er fliehen, um sich von den Knochenhänden desselben nicht erreichen zu lassen.
„Ein Opfer," dachte er immer wieder. „Ein Opfer."
Weshalb war doch das unselige Wort gesprochen worden?
Als der Baron nach Hause kam, begegnete ihm Ruth im Vorzimmer. Sicherlich nicht zufällig, wie er dachte.
„Nun, Hans, keine Vorladung für Dich?"
Er schüttelte stumm den Kopf und wollte an ihr vorübergehen, aber sie hielt ihn zurück. „Hans, ich habe mir das Alles so schön zurechtgelegt," flüsteite sie mit halber Stimme.
„Ja, Dul" gab er zurück. „Aber —"
„Da ist kein Aber. Sieh', wenn Cäcilie die Hälfte de» Geldes geerbt hätte, dann könnten Deine Gläubiger dasselbe mit Beschlag belegen, nicht wahr? So aber, nun es, wie man onnehmen kann, mir allein zugefallen ist, bleibt uns die freie Verfügung Ist das nicht viel besser?"
„Schwerlich," versetzte er.
Sie schien zu erschrecken. „Hans, Du hast doch nicht etwa Schulden bis zur Höhe einer halben Million?"
Zum zweiten M le an diesem Tage gab es ihm einen Stich in's Herz. „Ruth, was denkst Du?"
„Nun also!" lächelte sie. „Set doch froh, Hans!"
„Kmd," sagte er, „Kind, Du vergißt die Hauptsache, Du bist unmündig, kannst über das Kapital noch nicht verfügen."
Ein heißes Roth überflulhete das hübsche Gesicht des jungen Mädchens. „Noch anderthalb Jahre!" rief sie. „Aber Wolfram wird mit sich sprechen lassen."
Der Baron zuckte die Achseln. „Wstß Cäcilie schon von seinem Briefe an Dich?" fragte er.
„Noch kein Wort. Ist es nicht besser, ihr alle diese Unruhe so lange al» nur möglich zu ersparen?"
„Gewiß, gewiß, ich wollte Dich gerade darum bitten. Sage ihr vorläufig gar nichts, Ruth."
„Und Du willst nach Frankfurt?" forschte sie.
Ec sah nach dem Fenster; in seinen Zügen arbeitete es heftig.
„Muß ich nicht?" fragte er unschlüssigen Tones.
„Ich finde, nein, Hans. Da» Testament enthält ohne Zweifel für Dch eine Beleidigung. Denkü Du nicht auch so?"
„Ich will hin!" rief er plötzlich. „Ich muß mich an Ort und Stelle ü"erzeu^en, ob ein Protest möglich ist. Begleitest Du mich, Ruth?"
Sie schüttelte den Kopf. „Wolfram ist zuverlässig, Han»."
„Ohne Zweifel. Aber ich will doch den Dmgen ganz allein mit eigenen Augen auf den Grund sehen."
Cäcilie erfuhr von den Einzelheiten Nichts; der Baron sagte ihr nur, daß ec in Frankfurt E-kundigunuen einziehen werde und dann reiste er ab. Während dieser Nachtfahrt durch da» Herbst iche Land aber schloß er doch kein Auge; in seinem Blut war ein Fiebern und Gähren, dem sich nicht gebieten ließ. Starr und unbeweglich sah er in die Dunkelheit hinaus.
Auf dem Bahnhof in Frankfurt war e» Erich, der ihm ganz plötzlich entgegentrat und der einigermaßen überrascht schien, ihn hier zu sehen. „Du, Hans Aoam?" fragte er voll Erstaunen.
Der Baron hatte den Jugendfreund minder herzlich als sonst wohl begrüßt. „Ah," rief er, „Du wußtest also schon, daß ich zur Testamentseröffnung nicht vorgeladen worden bin, Erich?"
„Ja, das wußte ich."
„So, so — nun, das Alle» wird sich ja finden. Begleitest Du mich?"
Wolfram sah offenen Blickes in das erschreckend blasse Gesicht des Barons. „Weshalb sprichst Du in diesem feindseligen Tone, Hans?"
Die Liopen des Andern bebten sichtbar.
„Feindselig?" wiederholte er. „Unsinn, wie kommst Du daraus?"
„Nun, wenn ich irrte, dann ist es ja um so besser. Laß uns doch vor allen Dingen nicht auch noch in persönliche Miß- Helligkeiten hineingerathen, Hans."
„Da doch die geschäftlichen schon vollauf vorhanden sind, willst Du sagen. Aber wir wollen da klar sehen, ehe irgend ein Entschluß gefaßt wird."
Ein und dieselbe Droschke brachte beide Herren zum Hotel, aber unterwegs wurde wenig gesprochen. Erich war sehr blaß, er sah aus wie Jemand, den ein schweres Leid betroffen hat.
Im Vorzimmer des Gerichtes bot ihm Hans Adam plötzlich die Hand. „Du," raunte er, „kannst Du Dich ganz in meine Lage hinein versetzen? Mir ist der Boden, auf dem ich sicher zu stehen glaubte, jählings unter den Füßen weggezogen — und das Alles durch die Laune eines Kranken, durch Einflüsterungen dritter Personen. Sollteich dazu lächeln können?"
Erich glitt langsam mit der Hand über die Stirn. „Du mußt kämpfen wie ein Mann, Hans- Andere sind nicht besser daran, als Du."
Erst jetzt sah der Baron den ungewöhnlichen Ernst in den Zügen seines ^Jugendfreunde». „Ist Dir ein Unglück widerfahren?" fragte er.
Ein Kopfschütteln war die Antwort. „Nein."
„Aber Du denkst an jene zwölftausend Thaler, Erich, Du entbehrst da» Geld. War e» Dein ganzes verfügbares Kapital?'
„Ja. Das heißt, es war immer Dein Geld, natürlich. Aber —"
„Du hieltest es für Dein Eigenthum. Erich, was gäbe ich darum, wenn das Geheimniß nie enthüllt worden wäre! Dir ist Alles geraubt und hat mir nichts, auch gar nichts genützt."
„Weil Du — aber lassen wir doch das, Hans. Geschehen ist geschehen und — ich ringe mich schon wieder empor."
In diesem Augenblicke erklang eine Glocke, und Erich mußte dem Namensruf Folge leisten. Als sich der Baron dem Gerichte gegenüber legitimtrt hatte, erhielt er die Erlaubniß, den nun folgenden Verhandlungen beizuwohnen.
Es war außer den Amtspersonen nur noch der Notar zugegen, sonst Niemand; Hans Adam sah e» mit einem einzigen Blick.
Das Blut hämmerte in den Schläfen des Baron», er dachte an Ruths Worte: „Da» Testament muß doch ssür Dich eine Beleidigung enthalten." Fast wünschte er in diesem Augenblick, nicht nach Frankfurt gereist zu sein.
Dann erfolgte die Verlesung de» ersten, dem Baron schon bekannten Testaments und danach die des Codicills. Es war sehr kurz; die darin enthaltenen Bestimmungen schienen sich auf ein Minimum zu beschränken.
„Nachdem ich mich leider überzeugen mußte," hieß e», „daß der Ehemann meiner Nichte Cäcilie in leichtsinniger Weise Schulden macht und daß seine Verpflichtungen dar vorhandene Vermögen bedeutend übersteigen, kann ich mich nicht entschließen, mein Geld seinen Händen anzuvertrauen; vielmehr ernenne ich meine Nichte Ruth zur Universalerbin des gssammten Nachlasses, jedoch mit der Verpflichtung, ihre Schwester, so lange diese lebt, vor Mangel und Entbehrungen zu schützen. Da» Vermögen soll keineswegs meine jüngere Nichte der älteren gegenüber bevorzugen, sondern soll nur der Verfügung des Herrn Baron von Moldt ein- für allemal entzogen werden."
Eine peinliche Stille folgte diesen Worten. Der Notar sah bald zu einem, bald zu dem anderen der beiden Herren hinüber. Weshalb war doch der Edelmann so unklug gewesen hierher zu kommen?
Hans Adam versuchte zweimal, verständlich zu sprechen, ehe es ihm gelang, au» der trockenen Kehle - einen Laut her-


